13. Sonntag nach Trinitatis (Der barmherzige Samariter)
„Wo hast du studiert?“ Wenn lutherische Pastoren sich treffen, kommt bald diese Frage. Das hat seinen Grund, denn an welchem Seminar der Pastor wann ausgebildet wurde und wer seine Lehrer waren, gibt oft eine erste Andeutung, wie er gesonnen ist und welche Positionen er vertritt. Als der Schriftgelehrter damals Jesus ansprach, tat er das auch, aber auf eine indirekte Weise. Der Schriftgelehrte war einer, der Gottes Wort kannte und studierte und auslegte; er steht auf und spricht Jesus an als „Meister“, „Lehrer“, aber mit seiner Frage fordert er Jesus heraus. Er selbst kennt die Antwort, aber nun soll Jesus zeigen, ob er sie kennt, was er gelernt hat und von wem und wo er steht. Der Schriftgelehrte stellt ihm die allerwichtigste Frage der Theologie: „Was muss ich tun, um selig zu werden?“ Dies ist die Frage, die euch euer ganzes Leben lang beschäftigen wird. Ihr, die ihr heute aus dem formalen Unterricht entlassen werdet, werdet nun auf dem Fundament bauen, das in der Taufe, zu Hause, im Gottesdienst und im Unterricht gelegt wurde. Wie werde ich selig?
Der Herr Jesus dreht die Frage um. Oft beantwortet Jesus unsere Fragen auch nicht. Stattdessen stellt er Fragen, die uns ins Herz bohren und unsere Seele vor Gott entblößen. Was liest du denn im Gesetz? Hier macht der Schriftgelehrte alles richtig. Er fasst Gottes Gesetz in einem Satz zusammen: Liebe Gott und deinen Nächsten. Ja, eigentlich in einem Wort: Liebe. So spricht der Herr auch im Röm: wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt. … So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung. (Röm 13) Gut geantwortet, sagt Jesus. Das ist richtig. [27f.] Im Urtext heißt es buchstäblich: Von ganzem Herzen, mit deiner ganzen Seele, mit all deiner Kraft und mit deinem ganzen Verstand sollst du Gott lieben. Also nicht halbherzig und widerwillig und nur sonntagsmorgens und wenn du danach fühlst, sondern immer, mit Herz und Leib und Seele und deinem Denken. Tue das, so wirst du leben! Schön zusammengefasst, oder? Liebt Gott, liebt euren Nächsten, so werdet ihr leben, tschüss, macht’s gut, wir sehen uns in der Ewigkeit wieder.
Aber der Schriftgelehrte merkt sofort, dass es hier ein Problem gibt. Ja, Jesus hat bewiesen, dass er wirklich ein Lehrer, ein Meister ist. Aber der Schriftgelehrte hat ein schuldiges Gewissen. Und das hat jeder, der da richtig hinhört. Denn Gott und den Nächsten lieben, das tun wir eben nicht immer. Werden wir denn auch ganz bestimmt leben? Der Schriftgelehrte will sich selbst rechtfertigen, er will sich vergewissern, dass er vor Gott ok ist; er meint, dass er Gott zumindest genug liebt, aber er will sichergehen, wer der Nächste ist, den er lieben soll, denn er ist sich sicher, das Gesetz meint bestimmt nicht jeden Menschen als Nächsten, denn man kann ja unmöglich alle Menschen so lieben, wie man sich selbst liebt. Aber genau da liegt der Hund begraben. Liebe Gott und liebe deinen Nächsten – aber zuallererst lieben wir uns selbst. Und nun sollen wir Gott genauso lieben. Und den Nächsten auch. Aber das geht nicht! Wer ist denn mein Nächster? Die Menschen nebenan? Die, die so sind, wie ich? Wir kennen diese Frage. Unser alter Adam stellt sie andauernd. Ist es genug, wenn… Wäre es Sünde, wenn… Muss ich denn lieben, wenn… Mein Gewissen beschuldigt mich; ich suche nach Ausreden, um es zum Schweigen zu bringen.
Wenn Jesus nun am rechten Seminar studiert hat, wenn er die richtigen Lehrer hatte, wenn er ein rechter Lehrer ist, dann sagt er nun: Naja, du brauchst auf keinen Fall die Gottlosen zu lieben, nur Fromme aus deinem eigenen Volk, die so sind wie du. Nicht die andern. Die verdienen es nicht und du brauchst es nicht. Aber nun hat Jesus wohl nicht am rechten Seminar studiert. Er antwortet mit einer Geschichte. Ein Jude reist von Jerusalem nach Jericho. 27 Kilometer weit, der Weg, führt durch kahle, karge, unfruchtbare Berge auf felsigen Wegen. Überall am Weg Schilder mit rotem Kreis: „Hijacking Hotspot.“ Vielleicht kommt der Mann vom Gottesdienstbesuch nach Hause. Oder er vom Dienst, vielleicht ist er selbst Priester oder Levit, denn von denen wohnten viele in Jericho. Unterwegs erwischt es ihn, nicht auszudenken, es passiert ihm das Furchtbare: ein Hijacking. Nein, hier werden nicht die Autofenster zertrümmert, aber er wird vom Reittier gezogen und mit Sakilas windelweich geschlagen, die Angreifer nehmen seine Geldbörse, Kreditkarten, seine Wasserflasche, sein Cell Phone, bevor sein Esel um die nächste Kurve biegt, ist sein Tracker ausgeschaltet; blutend, halbtot bleibt er im Staub liegen.
Ein Priester kommt des Weges. Seine Arbeit ist es, im Tempel Tiere zu opfern, Gottesdienste zu halten, für Menschen zu beten. Der Priester macht den großen Fehler. Er schaut hin. Er sieht ihn. Nun ist er durch das Gesetz zur Liebe verpflichtet. Aber… ich kenne ihn nicht, denkt er. Und er ist voller Blut, das darf ich nicht berühren. Und wenn ich ihm helfe und er stirbt, dann… dann wird mich meine Gemeinde schimpfen, dass ich unrein bin und nicht arbeiten kann. Sie werden sagen: Warum hast du nicht Securitas angerufen? Also macht er einen Bogen und geht an der anderen Seite vorbei. Und sein Assistent, der Levit, der tut es auch. Sie sagen nichts, aber man hört förmlich, wie die Kammräder in den Köpfen sich drehen und die beiden sich selbst rechtfertigen, herausreden. Wie oft sind wir diesen beiden nicht schon hinterhergegangen? Du, und ich auch? Besser die Augen abwenden, gar nicht hinschauen, sich nicht erst beteiligen. Wir rechtfertigen uns selbst – ich hab ja nichts Böses getan. Hier aber geht es darum, dass wir sündigen, indem wir unsere Liebespflicht versäumen.
Ein Samariter kommt als dritter des Weges. Er hält an. Er gehört aber weder zur rechten Rasse noch zur rechten Klasse. Der Mann, der da liegt, ist sein Feind. Er selbst ist offensichtlich ziemlich reich, sonst könnte er den Aufenthalt und die Pflege im Gasthaus gar nicht zahlen. Er begibt sich also in große Gefahr, denn wer weiß, ob die Hijackers weg sind, ob er nicht als nächstes Opfer wird? Aber er riskiert es. Er hält, steigt ab, desinfiziert dem Mann die Wunden, macht Salbe drauf, verbindet ihn, transportiert ihn zum Gasthaus, pflegt ihn und zahlt, dass er gesund gepflegt wird. Er schreibt dem Mann keine Rechnung und fordert sein Geld nicht zurück. All das, um seinem Feind zu helfen.
Und nun achten wir auf die Frage, die Jesus stellt. Jesus fragt den Schriftgelehrten nicht: So, wer ist denn nun dein Nächster? Sondern er fragt: Wer von diesen dreien hat sich als Nächster erwiesen? [37] Da kommt es wieder: Geh hin und tu das Gleiche! An dieser Stelle sollte der Schriftgelehrte erst recht an sich selbst verzweifeln. Und ich auch. Denn wir wissen, was das Gesetz sagt. Aber es gibt kein Gesetz, das uns zu barmherzigen Samaritern machen kann. Das Gesetz kann kein schuldiges Gewissen trösten. Es kann Liebe befehlen, aber nicht produzieren. Auch das Gleichnis vom guten Samariter verdammt uns und lässt uns in der Verdammnis liegen. Wir lernen es erst dann richtig, wenn wir es uns von Jesus lehren lassen. Denn er ging hin und tat desgleichen. Er hätte uns in der Not und Verdammnis links liegen und ausbluten lassen, schuldiggesprochen von dem Gesetz der Liebe. Aber er sah hin. Er sah deine Not, sah dir ins Auge. Und er hielt an. Du und ich, wir gehörten weder zur rechten Rasse noch zur rechten Klasse. Er war unser Feind. Und er war ziemlich reich, hatte alles zu verlieren. Aber er kam zu uns in der Not. Und verband unsere Wunden und nahm weg unsere Schuld und sorgte für unsere Pflege. Er verspicht volle Heilung und ewiges Leben.
Das hat er auch für euch getan, die ihr heute entlassen werdet. Er ist euer barmherzige Samariter geworden. Er hat euch ins Gasthaus seiner Kirche zur Pflege gebracht, wo ihr Heilung für Leib und Seele holt. Er ist euch der Nächste geworden. Ohne ihn endet euer Leben unter dem Fluch des Gesetzes und im Graben der ewigen Todes. Aber er ist euch barmherzig geworden und euch geheilt. So geht nun hin und tut desgleichen. Nicht, weil Gottes Gesetz es von euch fordert. Sondern in der Freiheit des Samariters. So geht nun hin und tut desgleichen, denn es gibt keine Verdammnis für die, die in Christus sind. So geht nun hin und tut desgleichen, denn Christus ist des Gesetzes Ende; wer an ihn glaubt, der wird gerecht. So geht hin und tut desgleichen, weil ihr wisst, dass was ihr den Geringsten tut, das tut ihr eurem barmherzigen Samariter selbst, Jesus, der sich in eurem Nächsten verbirgt. Liebt Gott von ganzem Herzen und von ganzer Seele und von allen Kräften und mit dem ganzen Verstand, hört nicht auf, zu lernen und zu dienen und zu lieben und zu loben, wie ein Jünger es tut, und euren Nächsten zu lieben, wie Jesus euch liebt. Lebt, was ihr empfangen habt. Lasst Christus in euch leben, damit wenn die Leute euch fragen, von wem ihr gelernt habt, ihr sagen dürft: Von dem Lehrer selbst. Amen.
Wochenspruch
Christus spricht: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.
Matthäus 25, 40
Introitus – Nr. 54 (Matthäus 5, 7; Psalm 139, 23 – 24)
Hauptlied – Ich ruf zu dir, Herr Jesus Christ 400
Epistel
Ihr Lieben, lasst uns einander liebhaben; denn die Liebe ist von Gott, und wer liebt, der ist von Gott geboren und kennt Gott. Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht; denn Gott ist die Liebe. Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingebornen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen. Darin besteht die Liebe: nicht, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsre Sünden. Ihr Lieben, hat uns Gott so geliebt, so sollen wir uns auch untereinander lieben. Niemand hat Gott jemals gesehen. Wenn wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollkommen.
1. Johannes 4, 7 – 12
Evangelium
Siehe, da stand ein Schriftgelehrter auf, versuchte Jesus und sprach: Meister, was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe? Er aber sprach zu ihm: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du? Er antwortete und sprach: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst. Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geantwortet; tu das, so wirst du leben. Er aber wollte sich selbst rechtfertigen und sprach zu Jesus: Wer ist denn mein Nächster? Da antwortete Jesus und sprach: Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab nach Jericho und fiel unter die Räuber; die zogen ihn aus und schlugen ihn und machten sich davon und ließen ihn halbtot liegen. Es traf sich aber, dass ein Priester dieselbe Straße hinabzog; und als er ihn sah, ging er vorüber. Desgleichen auch ein Levit; als er zu der Stelle kam und ihn sah, ging er vorüber. Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam dahin; und als er ihn sah, jammerte er ihn, und er ging zu ihm, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie ihm, hob ihn auf sein Tier und brachte ihn in eine Herberge und pflegte ihn. Am nächsten Tag zog er zwei Silbergroschen heraus, gab sie dem Wirt und sprach: Pflege ihn; und wenn du mehr ausgibst, will ich dir’s bezahlen, wenn ich wiederkomme. Wer von diesen dreien, meinst du, ist der Nächste gewesen dem, der unter die Räuber gefallen war? Er sprach: Der die Barmherzigkeit an ihm tat. Da sprach Jesus zu ihm: So geh hin und tu desgleichen!
Lukas 10, 25 – 37