Predigt zum 14. Sonntag n. Trinitatis (Der dankbare Samariter), den 13. September 2020
Lk 19,1-10 I.i.
Und er ging nach Jericho hinein und zog hindurch. Und siehe, da war ein Mann mit Namen Zachäus, der war ein Oberer der Zöllner und war reich. Und er begehrte, Jesus zu sehen, wer er wäre, und konnte es nicht wegen der Menge; denn er war klein von Gestalt. Und er lief voraus und stieg auf einen Maulbeerbaum, um ihn zu sehen; denn dort sollte er durchkommen. Und als Jesus an die Stelle kam, sah er auf und sprach zu ihm: Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren. Und er stieg eilend herunter und nahm ihn auf mit Freuden.
Als sie das sahen, murrten sie alle und sprachen: Bei einem Sünder ist er eingekehrt. Zachäus aber trat vor den Herrn und sprach: Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück. Jesus aber sprach zu ihm: Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, denn auch er ist Abrahams Sohn. Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.
„He, du!“, sagte der Pastor von der Kanzel. Einer meiner Brüder saß mit anderen Jugendlichen auf der Prieche. Während der Predigt alberten sie herum. Dem Pastor fiel es auf. Er wurde davon abgelenkt. Besonders als mein Bruder versehentlich ein Gesangbuch herunterstieß und es mit einem lauten Knall in das Hauptschiff fiel. Der Pastor hörte auf zu predigen und fing an zu schimpfen. „He, du!“ Nun, zum Glück nannte er keine Namen. Der Anstand verbietet es dem Pastor meistens, von der Kanzel aus Menschen beim Namen zu nennen. Die Leute fühlen sich dabei nicht wohl. Stell dir vor, ich rufe dich bei Namen und sage: „Ja, du! Ich rede mit dir.“ Privatgespräch in der Predigt! Schlimm genug, wenn dein Pastor das vor versammelter Gemeinde täte. Schlimmer noch, wenn er das vor einer feindseligen Menschenmenge täte. Aber genau das tut der Herr Jesus. Er geht auf den Baum zu, wo Zachäus hockt, und vor der ganzen Menge stellt er ihn bloß, der Herr Jesus bleibt stehen und ruft laut seinen Namen. Es ist, als ginge alles nur noch um eine einzige Person. „He, du!“ sagt er. „Zachäus! Komm runter. Und zwar dalli. Ich muss dich heute in deinem Haus besuchen.“
Augenblick mal – wer ist denn Zachäus und was macht er auf dem Baum? Dies spielt sich alles in der Stadt Jericho ab. Jericho ist bis heute bekannt als grüne Palmenstadt. Sie ist eine Oasenstadt, ein blühendes Paradies mitten in der Wüste. Ein großer Bach versorgt sie mit Wasser und macht sie zum fruchtbaren Ort, zur Exportstadt von seltenen Güter wie Balsam und kostbaren Spezereien. Die großen Handelsstraßen führten damals durch Jericho, es war das Tor nach Arabien. Viel Handel wurde hier abgewickelt; mit dem Handel kamen Steuern. Das Steuereinzugssystem in Jericho war sehr aktiv – und sehr verhasst. Damals wurden Steuern und Zölle nicht vom Staat eingezogen. Stattdessen wurde die Steuereinziehung jeweils für ein Jahr vermietet an den, der am meisten zahlen konnte. Der Meistbietende musste eine hohe Gebühr an den Staat zahlen, also musste er sicherstellen, dass er von der Bevölkerung genug einnahm, um diese zu bezahlen – aber was immer er darüber hinaus einnahm, durfte er behalten. Es war ein System, das den Guptas Freudentränen aus den Drüsen gedrückt hätte. Der Zollhandel war ein schmieriges Geschäft. Aus genau diesem Grund hasste das jüdische Volk die Steuereintreiber, die Zöllner. Das Lieblingslied der Zöllner lautete: „Denn es ist alles nur geklaut, eo, eo…“ Aber das wussten eben nicht nur die Zöllner, sondern das wusste die ganze Welt. Und die Oberzöllner, die waren die allerschlimmsten – und wenn es obendrein noch ein jüdischer Oberzöllner war, der Einnahmen für die verhassten Römer sammelte und sich obendrein auf Kosten seines eigenen Volkes bereicherte – dann galt der den Juden als Verräter. Und so einer ist der Zachäus. Erzschuft und Oberverräter. Das Ekel an der Spitze einer faulen Nahrungskette. Stinkreich. Neureich. In den Augen des Volkes waren die Aussätzigen ganz unten am Totempfahl, und dann kam nur noch der magere Schrottplatzköter, und dann nichts, und dann wieder lange nichts, und dann die Zöllner, und ganz zuletzt der Oberzöllner. Das ist Zachäus. Ja, und warum sitzt er auf dem Baum? …er begehrte, Jesus zu sehen, wer er wäre, und konnte es nicht wegen der Menge; denn er war klein von Gestalt. Er ist also kurz. Na und? Viele kurze Leute können sich sehr wohl mit den Ellbogen Platz schaffen. Was hält den Zachäus denn auf? … die Menge. Das Volk verabscheut Zachäus so sehr, dass es ihn nicht durchlassen will. Aber er will unbedingt sehen, wer Jesus ist, dieser Typ, über den alle reden – man sagt, er habe sogar den blinden Bettler vor der Stadt geheilt! Zachäus ist listig. Er läuft den Weg entlang und klettert in einen Maulbeerbaum, wo er sich im Laub verstecken kann, wo er gut sehen und dabei nicht gesehen werden kann.
Klingt wie ein Lutheraner in der letzten Bank. Ihr Lieben, das passiert uns allen: Dass wir in die Kirche kommen und uns selbst als Zuschauer verstehen. Als Beobachter. Dann wird der Gottesdienst für uns zu einem Ereignis, etwas, das wir vom Rand aus mitbekommen. Und der Livestream macht das auch nicht einfacher. So war es bei Zachäus. Er dachte, er käme unbemerkt davon. Aber nun hält Jesus und ruft ihm zu: „He, du!“ Und – schlimmer noch – Jesus ruft seinen Namen. Zachäus! Und plötzlich merkt Zachäus: Hier geht es um MICH. Nicht um die heiligen Leute oder die ganz da oben im Volk Gottes. Nein, es geht um mich, der ich ganz unten am Totempfahl hocke oder nicht mal mehr Platz drauf bekomme. Woher kommt die Verbindung zwischen Jesus und Sündern wie Zachäus? Von Jesus selbst. Selbst seinen engsten Jüngern, selbst den würdigsten Amtsträgern in der Kirche macht Jesus klar: Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt (Joh 15,16). Ja, schaut mal, für was für Menschen Jesus gekommen ist. Nicht die Rechtschaffenen. Nicht die Etablierten. Nicht die Angesehenen. Nein, er ist für die Ausgestoßenen gekommen, für die Außenseiter, die Randsiedler und die Ausgestoßenen. Ja, sogar für berüchtigte Kriminelle und korrupte Manipulatoren. Er sagt es selbst: Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist. Aber nicht das „Verlorene“ als irgend abstrakte Größe. Nein, schaut mal, er kennt selbst seine Verlorenen alle beim Namen. Jesus sagt zu Zachäus: ich muss heute in deinem Haus einkehren. Muss – das ist die Sprache der göttlichen Notwendigkeit. Jesus muss in seinem Haus wohnen, denn das ist der Wille Gottes. So auch bei uns. Heute kommt Jesus zu uns, und er zieht nicht einfach durch und weiter, geht nicht einfach vorbei, nein, und er hält auch nichts von Zuschauer-Christen. Sag bitte jetzt nicht: Ich hab ihn aber meinen Namen nicht rufen hören. Schau, wann immer du Gottes Gesetz hörst, ruft es dich bei Namen. Da sagt Gottes Wort: „He, du! Du bist ein Sünder, Gott hat gesehen, was du gemacht hast, du bist verloren, für dich gibt es nur ewige Verdammnis und Pein. Keinen Platz in Gottes Volk.“ Ja, du kennst diese Stimme des Gesetzes, du hast sie auch gehört. Aber Christus ist gekommen, um die Verdammnis des Gesetzes für alle, die seinen Namen anrufen, zum Schweigen zu bringen, er ist gekommen, um diese Verdammnis in seine eigenen Wunden am Kreuz zu versenken. Das Evangelium, Gott sei es gedankt, die frohe Botschaft des gekreuzigten Heilands ruft auch deinen Namen. Privatgespräch in der Predigt! Der Heiland ruft: „He, du! Ich bin gekommen, um dich abzuholen – ich sehe dich, wo du dich versteckst, ich rufe deinen Namen und sage zu dir: Ich muss heute in deinem Haus einkehren.“
Ein Heiland, der kommt, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist, das ist ein Heiland der Straße, der unterwegs ist, das ist ein Heiland der Mission. Das tut er heute noch, suchen und seligmachen, was verloren ist. Die FELSISA wurde 1892 gegründet. Uns gerät leicht aus den Augen, dass sie als Kind der Mission geboren wurde. Und es fällt auf, dass sie sich deswegen selbst vor ihrer Gründung schon der Mission verpflichtete, weil ihr am Herzen lag, dass die anderen Verlorenen eben auch den Ruf des Herrn vernehmen können, der in ihre Stadt kommt und sie beim Namen kennt. Die FELSISA existiert, um diesen Jesus klar und deutlich zu verkündigen und mit allen Mitteln die Mission zu unterstützen, damit die Verlorenen seinen Ruf durch uns hören: „He, du!“ Ich muss heute in deinem Haus einkehren. Wo er wohl heute zu Mittag ist?
Ihr Lieben, wenn ich Menschen besuchen will, weiß ich, dass sie es sehr schätzen, wenn ich mich rechtzeitig anmelde, damit das Haus in Ordnung ist, wenn ich komme. So geht es uns doch allen, wir mögen es nicht, wenn andere sehen, wenn unser Haus unordentlich ist. Zachäus aber bekommt keine Vorwarnung. Jesus sagt: ich muss heute in deinem Haus einkehren. Mange, now, nou, heute noch. Keine Zeit zum Aufräumen. Man könnte erwarten, Zachäus würde bremsen und sagen: „Du kannst nicht in mein Haus kommen, Jesus, da herrscht ein Chaos!“ Denn da herrscht tatsächlich ein Chaos. Mehr noch: „Du kannst nicht in mein Leben kommen, Jesus, da herrscht ein Chaos!“ Denn da herrscht tatsächlich ein Chaos. Zachäus hat nämlich sein Lied ganz bis zu Ende gesungen: „Das ist alles nur geklaut und gestohlen, nur gezogen und geraubt. Entschuldigung, das hab ich mir erlaubt.“ Ja, das hat der Zachäus, er hat sich durch unrechtmäßig erworbene Gewinne bereichert.
Jesus sagt an anderer Stelle, wie schwer es für reiche Menschen ist, in das Reich Gottes zu kommen (Mt 19,24). Aber Zachäus ist der beste Beweis dafür, dass Jesus es für reiche Menschen sehr wohl möglich macht, in das Reich Gottes zu gelangen. Es ist alles Gnade. Der Unterschied bei Zachäus besteht darin, dass der falsche Gott Mammon in seinem Leben vom Thron gestoßen wurde, und nun ist stattdessen Jesus Christus Herr geworden. Ihr Lieben, für arme Leute ist der Mammon genauso sehr eine Versuchung wie für Reiche. Der Reiche ist versucht, ihn anzubeten, weil er ihm alle Türen öffnet, und der Arme wird versucht, ihn mit allen Mitteln zu kriegen, damit er ihm alle Türen öffne. Ob wir reich sind, zur Mittelschicht gehören oder arm sind, es muss für uns alle wie bei Zachäus sein. Es kann nur Einen auf diesem Thron geben. Für Zachäus ist es ab heute Jesus. Darum rastet er auch nicht aus. Er weiß, dass Jesus weiß, wie chaotisch sein Leben ist. Aber nun sagt Jesus öffentlich Ja zu ihm – und Zachäus freut sich riesig. Und er stieg eilend herunter und nahm ihn auf mit Freuden. Und nun lädt die Heilige Schrift ein, der Bahn der Freude zu folgen. Jesus wird für Zachäus zum Tor des Himmels. Und weil Zachäus gesucht und gefunden und mit Namen gerufen und selig gemacht wird, hat er Freude. Solche Freude, dass er sich beeilt, zu gehorchen, solche Freude, dass er Jesus sofort empfängt, solche Freude, dass er so viel wie möglich wiedergutmacht, wo er Menschen Unrecht getan hat. Nicht, weil er es tun muss. Sondern weil er sich selbst nicht helfen kann. Die Freude über die Erlösung ergießt sich in die Wiedergutmachung und bringt freudige Frucht zur Ehre des Herrn. Freudiger Gehorsam gegenüber seinem Wort ist ein Beweis für herzliche Reue. Wo früher Zachäus‘ ganze Familie seinetwegen Stigmatisierung und Hass erlitt, empfängt jetzt sein ganzer Haushalt Freude und Erlösung, weil Jesus eintritt. Solche Freude soll auch deinem Hause widerfahren. Darüber, dass der Heiland der Welt dich bei deinem Namen kennt, dass er dich mag und bei dir bleiben will. Freude über unverdiente Gnade, Freude, dass er das Verlorene sucht und findet und heimträgt in des Hirten Arm und Schoß. „He, du!“, sagt der Gute Hirte. Amen, ja, mein Glück ist groß.
SOLI DEO GLORIA
Pastor Dr. Karl Böhmer
14. Sonntag nach Trinitatis (Der dankbare Samariter)
Wochenspruch
Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.
Psalm 103, 2
Introitus – Nr. 55 (Psalm 50, 23; Psalm 146, 2)
Epistel
Wir sind nicht dem Fleisch schuldig, dass wir nach dem Fleisch leben. Denn wenn ihr nach dem Fleisch lebt, so werdet ihr sterben müssen; wenn ihr aber durch den Geist die Taten des Fleisches tötet, so werdet ihr leben. Denn welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder. Denn ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müsstet; sondern ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater! Der Geist selbst gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir Gottes Kinder sind. Sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi, wenn wir denn mit ihm leiden, damit wir auch mit zur Herrlichkeit erhoben werden.
Römer 8, 12 – 17
Evangelium
Es begab sich, als Jesus nach Jerusalem wanderte, dass er durch Samarien und Galiläa hin zog. Und als er in ein Dorf kam, begegneten ihm zehn aussätzige Männer; die standen von ferne und erhoben ihre Stimme und sprachen: Jesus, lieber Meister, erbarme dich unser! Und als er sie sah, sprach er zu ihnen: Geht hin und zeigt euch den Priestern! Und es geschah, als sie hingingen, da wurden sie rein. Einer aber unter ihnen, als er sah, dass er gesund geworden war, kehrte er um und pries Gott mit lauter Stimme und fiel nieder auf sein Angesicht zu Jesu Füßen und dankte ihm. Und das war ein Samariter. Jesus aber antwortete und sprach: Sind nicht die zehn rein geworden? Wo sind aber die neun? Hat sich sonst keiner gefunden, der wieder umkehrte, um Gott die Ehre zu geben, als nur dieser Fremde? Und er sprach zu ihm: Steh auf, geh hin; dein Glaube hat dir geholfen.
Lukas 17, 11 – 19
liturgische Farbe: grün
Festzeit: Trinitatiszeit
Wochenspruch: Ps 103,2
Wochenpsalm: Ps 146
Eingangspsalm: Ps 19, Ps 36, Ps 67, Ps 84, Ps 113
Epistel: Röm 8,(12-13) 14-17
Evangelium: Lk 17,11-19
Predigttext: Mk 1,40-45
Wochenlied: 365
Erklärung zu den Perikopen:
Die biblischen Predigttexte sind aufgeteilt in die Perikopenreihen I bis VI. Jede Reihe gilt – beginnend mit dem 1. Advent – fortlaufend für ein ganzes Kirchenjahr (aktuelle Reihe = III). Die einzelnen Reihen haben verschiedene Schwerpunkte (Evangelien, Briefe usw.).
I(Evangelium): Lk 17,11-19
II: Röm 8,(12-13) 14-17
III: Mk 1,40-45
IV: 1. Thess 1,2-10
V: 1. Mose 28,10-19a
VI: 1. Thess 5,14-24