Miserikordias Domini (Der gute Hirte) – 2021

Miserikordias Domini (Der gute Hirte)

Ein Schaffarmer hat eine sehr große Schafherde. Die Herde vermehrt sich, die Schafe sind fett und gesund. Nun stellt der Farmer Hirten ein. Er sagt: „So, Leute, nun passt mir gut auf meine Schafe auf. Sorgt, dass sie das beste Kikuyu kriegen. Bringt sie zum Teich, lasst sie trinken. Verletzten Schafen verbindet die Wunden. Alle oft durch den Dip, und wenn sie trotzdem kränkeln, passt auf, dass sie gesund werden. Wenn sie schwächeln, gebt ihnen extra zu fressen. Haltet die Herde zusammen, dass die Tiere nicht auseinanderlaufen, und wenn, sucht sie. Das ist eure Aufgabe. Dafür bekommt ihr ein gutes Gehalt von mir, alle paar Jahre einen neuen Hilux, Diesel umsonst. Kauft beim Co-Op auf meiner Rechnung ein. Alles klar?“ Hach, was freuen sich die Hirten-Manager. Sie gehen an die Arbeit, genießen den guten Lohn. Aber schon bald passen sie nicht mehr so gut auf. Ihre Pausen werden länger und die Arbeit weniger, sie trinken nicht Tee, sondern Hopfenblütentee. Sie schlachten heimlich ein Schaf und braten es am Spieß, erst einmal, dann zweimal im Monat. Schließlich jeden Tag. Sie scheren selbst die Schafe, schicken die Premium-Wolle nach Italien, lassen sich schöne Louis Vuitton Anzüge schneidern. Sie werden breit und breiter und ihre Arme voller Breitlinge. Doch die Schafe – ach, welch ein Jammer! Krank und kränker, viele mager und spindeldürr, ihre Wunden unverbunden, den Weggelaufenen geht keiner nach, fallen sie zum Opfer.

Mit diesem Bild schildert der Herr die Lage seines Volkes. Drastisch zieht Gott der Herr zu Felde gegen die Regierung. Hes 34 ist ein Gerichtswort Gottes über die Könige. In der Schrift nennt er die Könige Israels oft „Hirten“. Und genau das waren die ersten Anführer des Volkes. Mose wird von der Weide berufen, das Volk zu führen. Davids Ausbildung beginnt bei den Schafherden, bis der Herr ihn zum Hirten über das ganze Volk beruft. Als Hirten sollen die Könige das Volk selbstlos und fürsorglich leiten, im Gegensatz zu den Nachbarkönigen, die ihre Völker unterdrücken. Aber die traurige Wirklichkeit ist, dass die Könige Israels nicht die Herde Gottes weideten, sondern sich selbst. Keine Fürsorge für Israel, keine fürsorgliche Leitung von den Königen, sondern die Könige bereicherten sich selbst, mästeten sich selbst, das Volk aber vernachlässigten sie, es wurde schwächer, kränker, hilfloser, es ging auf Irrwegen und schließlich verloren und zerstreut, bis hin in die Verbannung nach Babylon. Aber jetzt ist Schluss. Gott selbst tritt auf. Der Eigentümer sagt den Hirten-Managern: Hört mal zu! Ich passe ganz genau auf, was ihr tut. Diese Herde ist nicht nur eine Herde. Sie ist meine Herde. Mein Volk. Ihr habt mein Volk, meine Schafe veruntreut, vernachlässigt, verwahrlost: [9f.]

Gott übt Gericht an der Regierung. Aber nicht nur an ihr: auch an der Kirche, denn die Könige damals waren auch zuständig für den Religionsunterricht, Lehre und Leben, für die geistliche Leitung. Als weltliche Politiker haben die Könige versagt. Als geistliche Leiter sind sie auch gescheitert. Darum greift der Herr jetzt selbst in die Politik ein: [11.16]. Fast 600 Jahre vor Christus verspricht der Herr: Ich werde die Hirten schlagen und meine Schafe, mein Volk, erretten. Und die Reihenfolge der Wörter hier ist ausschlaggebend, das genaue Gegenteil: Gott der Herr will das Werk der Könige rückgängig machen, suchen statt missachten, zurückbringen statt zerstreuen, Wunden verbinden statt ignorieren, stärken statt schwächeln lassen und weiden wie es recht ist.

Aber nicht nur die Hirten verbocken ihren Auftrag; die Schafe tun es auch. Denn die fetten, starken Schafe machen sich ebenfalls breit, sie setzen sich mit starken Schafellenbogen durch, schieben die mageren, dünnen, dürren Schafe, stoßen die verwundeten und kranken Schafe von sich, nehmen die beste Weide für sich selbst, treten Dreck in das Trinkwasser der Kranken, verdrängen die Schwachen vom Futter mit Kopfstoß und mit Hörnern: „Ihr gehört hier nicht hin, wir sind besser als ihr, haut ab,“ dass sie selbst schauen müssen, wo sie bleiben. Und was passiert dann mit den mageren Müden? Sie geben die Hoffnung auf. Sie meinen, sie gehören doch nicht mit dazu, sind nicht ganz Teil der Herde, ihr Status ist minderwertig. Und sie laufen davon und gehen in die Irre und werden zerstreut – und sterben vor Hunger, werden von den Schakalen gerissen, oder verenden an Krankheit oder an tiefen Wunden. [17]

Was hat das Gerichtwort Gottes Hes 34 uns zu sagen?

  • Erstens dies: Die Politik, die Regierung und die Regierenden fallen sehr wohl unter die Autorität Gottes. Wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott angeordnet. Sie ist Gottes Dienerin und vollzieht das Strafgericht an dem, der Böses tut (Röm 13,2b.4). Und was ist, wenn sie das nicht tut? Wenn sie ihr Amt vernachlässigt, sich selbst bereichert? Antwort: Gott der Herr passt genau auf, was die Regierung macht und wird sie zu seiner Zeit zur Verantwortung ziehen, das Gericht sprechen über korrupte Selbstmästende, denn ihm ist daran gelegen, dass die Regierung ihr Amt tut.
  • Zweitens aber gilt Hes 34 Pastoren und Kirchenleitungen. Pastoren, die ihr Werk vernachlässigen, die Schafe nicht vor falscher Lehre und falschem, lieblosen Handeln warnen, die sich unrechtmäßig bereichern, Gemeindeglieder in die Irre gehen lassen, nicht das Schwache stärken, das Verwundete verbinden, das Verirrte suchen, denen droht Gottes Gericht. Nicht umsonst bedeutet das Wort Pastor „Hirte“. Gott zieht mich und alle Pastoren (Hirten) zur Verantwortung und zur Rechenschaft über unsere Amtsführung. Deswegen aber soll die Gemeinde wissen: Der Pastor steht und fällt seinem Herrn. Seine erste Verantwortung ist es, Gott dem Herrn und seinem Wort treuzubleiben. Wo eine Gemeinde wünscht, in eine andere Richtung zu gehen, muss er sie auf rechte Lehre und rechte Praxis hinweisen. Er darf nicht aus Menschenfurcht oder Menschengefälligkeit die Gemeinde auf Irrwegen gehen lassen.
  • Drittens aber gilt Hes 34 der Gemeinde selbst. Glieder, die andere Christen spüren lassen, dass sie nicht den gleichen Status haben wie sie, Glieder, die schwache Christen lieblos behandeln, sie spüren lassen, dass sie nicht willkommen sind, dass sie minderwertig sind, denen kündigt Gott der Herr sein Gericht ebenfalls an. Schwache Glieder aber ermahnt der Herr: Wenn ihr euch aus welchem Grund auch von der Gemeinde abwendet, wenn ihr eigene Wege geht, wenn ihr euch nicht suchen und helfen und zurechtweisen und zurückbringen lasst, dann könnt ihr sehr wohl verlorengehen und schutzlos verenden.

Ihr Lieben, bei alledem wird deutlich: Wenn wir unseren eigenen Herzen nachgehen, trotzig eigene Wege gehen, wenn wir die Liebe zu Gott und die Liebe zum Nächsten vernachlässigen, dann sind wir verloren: Was fett und stark ist, will ich vertilgen und es weiden mit Gericht (16b). Die Wahrheit ist, dass Gott in seiner Herde untreue Hirten nicht brauchen kann, dass er wohlgenährte, kopfstoßende Schafe nicht brauchen kann, dass er eigensinnige Selbstversorger nicht brauchen kann, dass er Schafen, die sich selbst nicht helfen lassen wollen, nicht helfen kann. Er will keine untreuen Hirten, weil untreue Hirten ihn nicht wollen. Er will keine selbstgenüsamen Schafe, weil selbstgenüsame Schafe ihn nicht wollen. Untreue, selbtsichere, selbst-genügsame Hirten und Schafe suchen sich ihren Segen selbst. Und deshalb empfangen sie Gottes Segen nicht, denn sie können ihn nicht brauchen. Deshalb tut Gott das einzig Liebevolle: Er vernichtet sie. Denn erst wenn sie zerstört und vernichtet sind, sind sie bereit, Teil seiner Herde, gar Mitarbeiter Gottes zu sein. Das macht er mit dem verlorenen Sohn. Und dem selbstsicheren Petrus. Und wenn ich mit dir sterben müsste, will ich dich nicht verleugnen. Wenige Stunden später: Ich kenne den Menschen nicht. Und Petrus ging hinaus und weinte bitterlich. Petrus wurde durch seine eigene, selbstgenügsame Sünde getötet. Paulus auch. Ein Pharisäer der Pharisäer, ein Verfolger, ein Macher, aber was macht der Herr? Ein Blitz, eine Zurechtweisung, demütigende Blindheit innen und außen. Selbstgenügsamkeit und Selbstgerechtigkeit löschten ihn aus. Welch eine Gnade. Selbstgenügsame Selbstbestimmer und Selbstmästende werden vernichtet. Erst wenn sie am Boden liegen, sind sie endlich bereit für Gottes Werk, bereit, von Gott neu gemacht zu werden, bereit, echte Schafe der Herde zu sein, als Mitarbeiter Gottes zu dienen.

Den untreuen Hirten verspricht der Herr: Ich will meine Schafe selbst suchen, selbst ihr Hirte sein, das Werk der Regierenden rückgängig machen, suchen statt missachten, zurückbringen statt zerstreuen, Wunden verbinden statt ignorieren, stärken statt schwächeln lassen und weiden wie es recht ist. Seiner Herde verspricht der Herr: [23f] Er will selbst ihr gute Hirte sein. Er will seinen Knecht David erwecken, der sie weiden und ihr Hirte sein soll. Beides wird erfüllt nur in Jesus Christus, der von sich sagen kann: Ich und der Vater sind eins. Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sich selbst schlagen, ans Kreuz schlagen, damit die Schafe leben, damit sie nicht endgültig ausgelöscht oder für immer verloren seien. Er sieht Gottes Volk an, und sie jammerten ihn, denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben. Und er fing eine lange Predigt an (Mk 6,34). Er erquicket ihre Seelen. Er versorgt seine Schafe an Seele und Leib, dass ihnen nichts mangelt. Er führt sie auf grüne Aue, als er die 5000 zur Speisung lagert, heißt es: Es war aber viel Gras an dem Ort (Joh 6,10) Der Hirte versorgt seine Herde. Er spricht: Ich kenne die Meinen, und die Meinen kenne mich… und ich muss auch andere Schafe herführen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde und ein Hirte werden, und ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen. Denn der gute Hirte hat das Gebot, sein Leben für die Herde zu lassen, und Macht, es wieder aufzunehmen. Der auferstandene gute Hirte kümmert sich selbst um die Herde. Aber er kann nur gebrochenen, schwachen, verlorenen Schafen helfen, die sich finden lassen. Gnade ist das, was diese Schafe beim Hirten bekommen. Das ist die Spezialität des guten Hirten, dass er zerbrochenen, beschämten, gedemütigten, reumütigen Schafen und Hirten Gnade erweist, und sie wieder einsetzt und wirklich leben lässt. Darin liegt unser Trost: Dass der gute Hirte erstlich und letztlich selber sorgt für das Wohlsein seiner Herde. Amen.


Miserikordias Domini (Der gute Hirte)

Wochenspruch
Christus spricht: Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben. Johannes 10, 11a. 27 – 28a

Introitus – Nr. 33 (Psalm 33, 5b. 6a. 1)

Epistel
Christus hat für euch gelitten und euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußtapfen; er, der keine Sünde getan hat und in dessen Mund sich kein Betrug fand; der nicht widerschmähte, als er geschmäht wurde, nicht drohte, als er litt, er stellte es aber dem anheim, der gerecht richtet; der unsre Sünde selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heil geworden. Denn ihr wart wie die irrenden Schafe; aber ihr seid nun bekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.

1. Petrus 2, 21b – 25

Hauptlied
Der Herr ist mein getreuer Hirt 327

Evangelium
Jesus sprach: Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe. Der Mietling aber, der nicht Hirte ist, dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht – und der Wolf stürzt sich auf die Schafe und zerstreut sie -, denn er ist ein Mietling und kümmert sich nicht um die Schafe. Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich, wie mich mein Vater kennt, und ich kenne den Vater. Und ich lasse mein Leben für die Schafe. Und ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall; auch sie muss ich herführen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde und ein Hirte werden. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen. Mein Vater, der mir sie gegeben hat, ist größer als alles, und niemand kann sie aus des Vaters Hand reißen. Ich und der Vater sind eins.

Johannes 10, 11 – 16 u 27 – 30


liturgische Farbe: weiß

Festzeit: Österliche Freudenzeit

Wochenspruch: Joh 10,11a.27-28a

Wochenpsalm: Ps 23

Eingangspsalm: Ps 118

Epistel: 1. Pet 2,21b-25

Evangelium: Joh 10,11-16 (27-30)

Predigttext: Hes 34,1-2 (3-9) 10-16.31

Wochenlied: 274


Erklärung zu den Perikopen:

Die biblischen Predigttexte sind aufgeteilt in die Perikopenreihen I bis VI. Jede Reihe gilt – beginnend mit dem 1. Advent – fortlaufend für ein ganzes Kirchenjahr (aktuelle Reihe = III). Die einzelnen Reihen haben verschiedene Schwerpunkte (Evangelien, Briefe usw.).


I(Evangelium): Joh 10,11-16 (27-30)

II: 1. Pet 2,21b-25

III: Hes 34,1-2 (3-9) 10-16.31

IV: 1. Petr 5,1-4

V: Joh 21,15-19

VI: Hebr 13,20-21