19. Sonntag nach Trinitatis (Heilung an Seele und Leib) – 2023


19. Sonntag nach Trinitatis (Heilung an Seele und Leib)

Einer der berühmten großen Komponisten soll einen rebellischen Sohn gehabt haben. Der kam öfters spät nach Hause, nachdem sein Vater und seine Mutter zu Bett gegangen waren. Bevor er sich auch schlafen legte, setzte er sich ans Klavier seines Vaters und spielte langsam und laut eine einfache Tonleiter – bis auf den letzten Ton. Dann ließ er die Tonleiter unvollendet und zog sich in sein Zimmer zurück. Der Vater lag im Bett und hörte die Tonleiter ohne den letzten Ton, wälzte sich unruhig im Bett hin und her, bis er schließlich aufstand und in seiner Verzweiflung die Treppe hinunterstolperte und die letzte Note anspielte. Erst dann konnte er wieder zur Ruhe finden.

In der Beziehung zwischen uns Menschen und unserem Vater im Himmel sind wir die rebellischen Kinder, die eigenen Wege gehen und uns gegen ihn auflehnen. Aber als Christen sind wir Gottes Kinder, die aus der Vergebung leben und zu ihm beten und ihn bitten als unseren lieben Vater im Himmel. Wir bringen ihm unsere Lasten und Bürden und Nöte und Anliegen im Gebet. Aber wie reagiert Gott auf unser Beten? Manchmal haben wir das Empfinden, dass es bei uns der Vater im Himmel ist, der die Tonleiter unvollendet lässt. Wir haben Not, aus der Tiefe kommen wir zu Gott, bitten und beten und warten, dass er reagiert und die Gebete erhört, aber die Spannung bleibt – es ist als wenn der letzte Ton, die Erhörung, die Antwort, die Lösung, die Vollendung ausbleibt. Hört Gott dein Gebet? Hört er überhaupt zu?

Heute lesen wir in Gottes heiligem Wort bei St. Jakobus direkte Zusagen Gottes, sein Versprechen, dass er unsere Gebete hört – so, als ob Gebet tatsächlich effektiv ist, dass Gott hinhört und erhört und gibt, was wir bitten. [Text] Ja, weiß Jakobus denn nicht, was für Fragen und Zweifel in uns aufkommen, wenn wir das hören? Bedeutet dies, dass Gebet automatisch Kranke heilt? Dass Gott tut, was wir verlangen? Aber wo bleibt denn meine Gesundheit? Was ist mit meinem kranken Kind? Haben wir denn nicht genug Glauben? Funktioniert das Gebet nur bei bestimmten Leuten? Nicht bei mir?

Manchmal wird die Spannung bei unseren Gebetsanliegen nicht gelöst, bleibt die letzte Note der Tonleiter aus, zu unserem großen Frust und Ärger – oder zu großer Traurigkeit. Ein Beispiel: Prof. Dr. Greg Schulz, der uns neulich die wunderbare Predigt gehalten hat. Er und seine Frau Paula hatten vier Kinder. Zwei ihrer 4 Kinder leben nicht mehr. Ein Sohn, Stephan, starb im Alter von 15 Jahren, nachdem er sein Leben lang unter einer chronischen Autoimmun-erkrankung gelitten hatte. Zweimal brauchte er Lebertransplantationen; Herz, Lungen, alles wurde in Mitleidenschaft gezogen, und mit 15 starb er im Beisein seiner Eltern. Die jüngste Tochter Kyleigh starb fünf Tage vor ihrem 1. Geburtstag, nachdem sie ihr kurzes Leben lang Krampfanfälle, Entzündungen und Operationen durchmachen musste und blind war. In seinem Buch macht Dr. Schulz ein Fenster auf in die schweren Leidensjahre der Kinder und ihren Tod. Er schildert seine Glaubenskämpfe und Gebete und Schreie zu Gott – wie er und Paula gebetet haben, und es kam doch anders. Greg und Paula leben seitdem – wie so viele andere treue Christen – in der Spannung der unvollendeten Tonleiter.

Wenn Gott Gebete hört, warum erhört er in solchen Fällen nicht? Warum werden unsere Lieben manchmal eben nicht geheilt? Vielleicht erhört Gott die Gebete der Gerechten, aber Greg und Paula waren nicht gerecht genug. Nein, ruft der Christ, in der Taufe hat Gott der Herr sie gerecht gemacht durch Jesus Christus, den Gerechten, hat ihnen seine Gerechtigkeit geschenkt, daran hielten sie fest nach Gottes Wort und Verheißung. Wer kann es wagen, Greg und Paula zu bieten, dass sie nicht gerecht genug waren? Vielleicht hat Gott die Gebete nicht erhört, weil sie nicht genug Glauben hatten. Kann das sein? Nein, ihr Lieben, denn der Herr Jesus macht ja so deutlich, dass der allerkleinste Glaube Berge versetzen kann; und überhaupt ist der Glaube niemals unsere Leistung, sondern ein Geschenk, das der Heilige Geist bewirkt, der Glaube kommt aus der Predigt, die Predigt aber durch das Wort Christi. Gerade in diesem Glauben haben Greg und Paula gebetet.

Du, der du krank bist, höre dieses Wort. Auch du, der du an einer menschlich gesprochen unheilbaren Krankheit leidest, höre dieses Wort. Du, der du deine Lieben hast leiden und vielleicht sterben sehen, höre dieses Wort. Du, der du an Schwermut und Depression oder Einsamkeit leidest, höre dieses Wort. Du, der du älter wirst und dessen Augenlicht und Gehör und Gesundheit schwinden, höre dieses Wort. Jesus ist der Bruder geworden all derer, die krank sind. Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen, sagt Jesaja von ihm. Am jüngsten Tage wird Jesus sagen: Ich bin krank gewesen! Wir haben einen Kranken-Heiland. Wo ein Christ krank ist, da ist Jesus ganz nah. Unsere Kranken gelten etwas bei ihm. Sie werden nicht zur Seite geschoben. All die Behinderten, Lahmen, Blinden, Depressiven, Fiebernden, Verwundeten, Krebskranken, Autoimmunerkrankten, Sterbenden, sie sind wichtige Gestalten in den Augen des Heilands. Ich bin krank gewesen! Es ist, als wenn Jesus mit diesem Wort eine mächtige Hand ausstreckt über alle Unglücksfälle, Hospitäler, Kliniken, Psychiatrien, über Schmerzenskammern und Leidenstagen in den eigenen Zimmern. Im Leiden kommen wir unserem Heiland besonders nahe, und er uns. Da sind unsere Kräfte zu Ende, und nur seine können helfen. Der Kranke ist darum der, an dem herauskommt, was wir alle sind: Kinder der Sünde und Kinder des Todes, auch wir, die Gesunden! Aber nun ist der Sohn Gottes darum für uns krank geworden und gestorben, dass er Sünder und Sterbende rette. Mit solchen Schwachen und Elenden will er es zu tun haben. Darum müssen wir wohl immer wieder krank werden, denn Not lehrt beten; darum müssen wir auch einmal sterben, auf dass wir klug werden, klug, Jesus zu erkennen, den Heiland, der gekommen ist, um uns gesund zu machen an Seele und Leib.

Um diese Heilung geht es uns, geht es hier. Um ganzheitliche Heilung. Dazu gibt uns der Herr uns einige sehr praktische Anordnungen. [13] Gott will, dass das Leid uns nicht von ihm trennt, sondern dass das Leid uns gerade ihm näherbringt. Darum, wenn wir leiden, sollen wir beten. Wir beten in dem Wissen, dass Jesus die Ohren des Vaters geöffnet hat für unser Gebet und selbst bittet für die, die durch ihn zu Gott kommen (Heb 7). Wem es gutgeht, der gehört auch dazu. Wie wunderbar, wenn das Leben schön ist, wenn man Heilung erfahren hat, wenn es regnet und wir fröhlich sind! Das ist ein Gottesgeschenk, das treibt zum Psalmen- und Loblieder-Singen. Die Gemeinde ist ein Ort für Fröhliche und Traurige, hier haben alle ihren Platz.

[14f] Gott sagt, wer länger oder ernsthaft krank ist, der soll nicht warten, bis das Buschtelegramm den Pastor informiert. Lass den Pastor kommen. Nicht den Arzt? Doch, auch! Beide. Diese Bibelstelle macht deutlich, dass Gott uns ganzheitlich heilen will. Die heutige Medizin hat wieder neu erkannt: oft wird der Körper erst dann gesund, wenn er seelisch wieder heil wird. Dazu hilft die Sündenvergebung allemal. Und das setzt ja erst einmal Sündenerkenntnis voraus. Ja, es ist nicht alles gut. Nicht in meinem Leben und nicht in deinem Leben. Unsere Sünden setzen uns selber zu und belasten uns, sie machen unsere Gebete und unseren Glauben müde und oberflächlich. Der Pastor hört deine Beichte und vergibt dir im Namen Gottes alle Sünde. Wie befreiend ist das doch! Aber auch, wenn keine Sünde bewusst vorliegt, betet der Pastor mit dir und segnet dich; dadurch heilt Gott deine Seele.

Die Ölung, von der hier die Rede ist, wird mit Olivenöl gemacht. Damals galt Olivenöl als gute Medizin. Diese Ölung kann der Pastor machen; im Wesentlichen geht es hier aber darum, dass die Schrift dazu ermutigt, beides zu machen, Medizin anzuwenden und zu beten. Durch die Kunst der Ärzte und die Medizin wirkt Gott; alle Heilung kommt von Gott und nicht ohne ihn. Und so beten wir zu ihm, und er verspricht uns Heilung.

[16] Entzieh dich nicht in deiner Leidenszeit von andern. Verkrieche dich nicht mit deiner Sorge und deinem Leid und deiner Ratlosigkeit! Gott will, dass wir füreinander beten, und dazu gehört eben, dass die Kanäle offen sind. Aber Streit trennt uns voneinander. Wo ihr euch mit andern zerstritten habt, da sorgt für Versöhnung! Das ist Gottes Wille. Er befiehlt, dass wir einander bekennen, was wir untereinander gesündigt haben, uns gegenseitig vergeben und füreinander beten. Für effektive Fürbitte und Gesundheit ist Versöhnung nötig.

[15a] Das kann heißen, dass der Herr den Leidenden, den Kranken, wieder gesund macht und auf die Beine stellt. Es heißt auch und ganz bestimmt, dass der Herr ihn am jüngsten Tag auf ewig aufrichten wird in der Auferstehung von den Toten. Gott der Herr wird alle Gebete um Heilung erhören. Vielleicht sofort, vielleicht muss man lange warten. Aber die Heilung in dieser Zeit bleibt eine vorläufige Lösung, denn wir müssen alle sterben. In dieser Welt, in dieser Zeit bleibt die Tonleiter unvollendet. Hier ist alles unvollkommen, wir leben in der Spannung – oder vielleicht besser: in der Erwartung. Aber am Tage der Auferstehung wird die himmlische Posaune ertönen, und sie wird spielen den letzten Ton, und alle Spannung löst sich auf und es kommt zur herrlichen Vollendung aller Verheißungen Gottes und zur endgültigen Erhörung aller unserer Gebete. Bis dahin treibt uns die Sehnsucht ins Gebet und in die Vorfreude, und wir beten mit dem Apostel Paulus: Ihn, Christus Jesus, ihn möchte ich erkennen und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seiner Leiden und so seinem Tode gleich gestaltet werden, damit ich gelange zur Auferstehung von den Toten. (Phil 3,10) Amen.

Soli Deo Gloria

 


Predigt für den 19. Sonntag nach Trinitatis (Heilung an Seele und Leib)

liturgische Farbe: grün

Festzeit: Trinitatiszeit

Wochenspruch: Jer 17,14

Wochenpsalm: Ps 32

Eingangspsalm: Ps 19, Ps 36, Ps 67, Ps 84, Ps 113

Epistel: Eph 4,22-32

Evangelium: Mk 2,1-12

Predigttext: Mk 1,32-39

Wochenlied: 320


Erklärung zu den Perikopen:

Die biblischen Predigttexte sind aufgeteilt in die Perikopenreihen I bis VI. Jede Reihe gilt – beginnend mit dem 1. Advent – fortlaufend für ein ganzes Kirchenjahr (aktuelle Reihe = III). Die einzelnen Reihen haben verschiedene Schwerpunkte (Evangelien, Briefe usw.).


I(Evangelium): Mk 2,1-12

II: Eph 4,22-32

III: Mk 1,32-39

IV: Jak 5,13-16

V: Joh 5,1-16

VI: 2. Mose 34,4-10