Erntedankfest 2021

Neulich durfte ich zusehen, wie ein Wassertanker gebaut wird. Ein Lastwagen wird auseinandergebaut, repariert, lackiert und mit solidem Wassertank nach Maß ausgestattet. Farmer und Wassertanker lassen sich in unserer Gegend nicht mehr auseinanderdenken. Sehr spannend ist der Einsatz dieser Fahrzeuge. Da brennt es bei einem Farmer mitten in der Nacht, im Nu sind 20 Wassertanker unterwegs und löschen. Danach wird keine Rechnung geschickt. Wer dem andern hilft, wird sogar abstreiten, dass der andere bei ihm Schuld oder Verpflichtung hat. „Das tun wir Nachbarn einfach,“ heißt es. Aber – wenn einem Farmer geholfen wird, der sich dann seinerseits weigert, andern zu helfen, dann wissen alle das. So etwas wird nicht vergessen. Die Unwilligkeit, andern zu helfen, besudelt solch einem Farmer den Ruf. Aber in dieser Gegend gilt der Ruf alles. Den Ruf, andern ein guter Nachbar zu sein, bringt Ehre. Jeder eifert darum, sozusagen im Plus zu sein bei den anderen.

In der Antike bestimmte genau dieses System, dieses Prinzip den Umgang mit andern in der Öffentlichkeit. Es war sehr bekannt und wurde allgemein abgebildet als ein Tanz zwischen drei schönen Frauen, eine Art Reigen oder Volkstanz mit festen Regeln. Eine gibt einen Impuls, initiiert den Tanz in eine Richtung, die zweite reagiert darauf und tanzt biegsam auf die dritte zu, und die dritte leitet den Impuls wieder zurück an die erste. Alle haben fröhliche Gesichter, der Tanz ist schön. Dieser Tanz versinnbildlicht das Nehmen und Geben im Leben. Eine Tänzerin „gibt eine Gabe“, die zweite „nimmt die Gabe an und gibt dann weiter“, und die dritte reflektiert den Impuls wieder zurück an die erste. Ein Bild für einen Geber, der etwas schenkt, einen Nehmer, der das Geschenk dankend annimmt und dafür wieder einen anderen beschenkt, und der dritte bringt dem ersten Geber wieder Anerkennung für das Geschenk und erwidert den Gefallen. Eine Art „sozialer Tanz“ ohne Tanzbewegung.

Wenn aber bei dem Volkstanz der drei Frauen eine plötzlich die Arme verschränkt, sauer dreinblickt und sich entzieht, dann wird der Tanz unschön, er ist nicht mehr fein. Die ihre Beteiligung verweigert, wird ausgeschlossen. So auch bei dem „Tanz der Wassertanker“. Was würde einem Farmer passieren, wenn alle bei ihm Feuer löschen, er aber den andern seine Hilfe verweigert? Der unausgesprochene soziale Kontrakt, der „Tanz“ leidet und ist nicht mehr schön, nicht mehr fein. Solch ein Farmer wird irgendwann aus dem Netz ausgeschlossen. Womit kann ein Farmer aber rechnen, der gerne anderen hilft? Mit fröhlichen Gesichtern, gutem Ruf, großzügiger Hilfe zu jeder Zeit.

Damit sind wir schon mittendrin in dem Gotteswort zum Erntedankfest heute. Vom Nehmen und Geben ist hier die Rede. Die Christen in Judäa leiden große Not. Es ist eine Hungersnot eingebrochen, die Glaubensgeschwister hungern, haben Mangel, es ist keine Hilfe in Sicht, der Staat tut nichts für die Leute. Aber es muss etwas getan werden, sonst kommen sie elend um. Der Apostel Paulus zieht durch die Gemeinden und wirbt in seinen Briefen um Hilfe. Und er scheut sich nicht davor, wie beim Tauziehen die Gemeinden miteinander wetteifern zu lassen! Paulus erzählt den Korinthern, wie großzügig die Mazedonier geholfen haben. Den Mazedoniern ging es selber schlecht, und trotzdem spendeten sie willig und über ihre Kräfte hinaus für die hungernden Glaubensgeschwister [8,2]. Und nun ruft er die Korinther zum Wetteifern auf, „das alles haben die Mazedonier getan, was tut ihr? Ihr seid ja reicher noch als sie! Wisst ihr was,“ sagt er, „ich habe den Mazedoniern gesagt, dass ihr noch mehr tun werdet, ich habe eure Großzügigkeit vor ihnen gerühmt! Nun erbringt auch den Beweis eurer Liebe, dass wir euch zu Recht vor ihnen gerühmt haben [8,24]“ „Na hör mal, Paulus, jetzt wirst du aber ein bisschen frech, das geht doch nicht.“ Aber er sagt es eben doch. Und wenn wir genau hinhören, erfahren wir auch, wieso: [8,7-9] Damit erinnert Paulus die Korinther an den schönen Tanz. „Es hat euch jemand reich beschenkt,“ sagt er. „Wisst ihr’s noch? Dieser Geber war reich und ist für euch arm geworden, er hat alles gegeben, damit ihr durch seine Armut reich würdet. Er ist es, der den Tanz überhaupt in Bewegung gesetzt hat. Er ist so reich, dass er sich nicht beschenken lässt. Und nun seid ihr dran, der Impuls kommt zu euch. Was ist der nächste Schritt im Tanz? Dass ihr den Christen in Judäa eurerseits helft, den Impuls weitergebt, ihrer Not, ihrem Mangel abhelft, ihnen erzählt, wie reich der Herr Jesus euch gemacht hat, dass seine Ehre vermehrt werden, damit der Tanz schön bleibt.

Liebe Gemeinde, stellt euch vor, da sagen die Korinther nein. Stellt euch vor, sie sagen: „Ach, die in Judäa sind doch so weit weg, was sollen wir denen denn helfen? Die in Mazedonien haben doch schon geholfen, wozu brauchen wir das auch noch tun? Lasst doch die Christen in Damaskus helfen, die sind nebenan. Wir machen das ein ander Mal.“ Aber wenn die Korinther das getan hätten, wäre der schöne Tanz kaputt. Wie der Farmer, der seinen Wassertanker nicht zum Nachbarn schickt, hätten auch die Korinther gegen kein Gesetz verstoßen. Aber es wäre unschön, unfein, und es würde letztlich von Gleichgültigkeit, Selbstgenügsamkeit und Undankbarkeit zeugen. Ihr Ruf würde darunter leiden. Und das nächste Mal, wenn die Korinther selbst Not und Mangel haben, wer kommt ihnen dann zur Hilfe? Und wie soll das Ganze weitergehen?

Um das zu verhindern, um die Korinther zu ermutigen, um den Christen in Judäa zu helfen, damit auch sie weiterhin an dem „Tanz“ teilnehmen können, unterrichtet der Heilige Geist sie im Geben. Und nicht nur sie, sondern uns alle auch, denen Gottes heiliges Wort ebenfalls gilt. Erstens: Gott befiehlt uns nicht, zu geben, damit wir ihn beindrucken und uns seine Gnade erkaufen, sondern Gott ruft mich und dich zum Geben auf als Zeichen unserer Dankbarkeit an ihn. Er beschenkt uns nämlich reichlich und überreichlich. Zeugt nicht dein ganzes Leben von Gottes Gnade? „Was hast du, Mensch, das du nicht empfangen hast?“ [1 Kor 4,7] „Den Leib, die Seel, das Leben, hat er allein gegeben, dieselben zu bewahren tut er nie etwas sparen.“ Und wenn uns unser Hab und Gut alles genommen würde, und die Gesundheit des Leibes, „so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil“! Denn er hat sich arm gemacht, damit du und ich reich würden an Vergebung, an Seligkeit, an der Auferstehung, an ewigem Leben, an Versöhnung mit dem Vater, an reinem Gewissen, an Heilsgewissheit durch Jesus Christus, den Gekreuzigten. Und das alles als Geschenk. Und obendrein schenkt er dann noch auch immer wieder Gesundheit und die Güter dieses Lebens in Hülle und Fülle, wie die Ernte in diesem Jahr. Der Impuls, der alles möglich macht, kommt von ihm. Wenn wir nun andern begegnen, die in Not sind, dann helfen wir, wo wir können, nicht als ein neues Gesetz, sondern aus Dankbarkeit zu Gott, wir nehmen wie die zweite Tänzerin die Gelegenheit wahr, den Impuls weiterzugeben, andern von der Güte und Großzügigkeit Gottes zu erzählen als dankbare Reaktion auf das, was uns geschenkt wird. Denn seht, das macht die Schrift so schön deutlich, dann werden sie durch uns zur Dankbarkeit gegen Gott bewegt: [13] Und so schließt sich wieder der Dreiertanz: Der, dem du hilfst, der dankt Gott und gibt ihm die Ehre. So also heiligt Gott der Herr dein Geben an dem, der die Gabe braucht, lieber Christ, er macht dein Geben zum einem Dienst an sich selbst, zu dem er sich freut. Und er freut sich an dir, dass du dankbar bist, und dass durch deine Dankbarkeit und deine Weitergabe der Tanz schön bleibt und fein.

Ja, und dann verspricht Gott der Herr auch noch, unser Geben reichlich zu segnen. Er beschreibt unser Geben, das sind die sonntäglichen Gaben an die Gemeinde und auch die Gaben dem Nächsten, der sie braucht, er beschreibt unser Geben und Helfen als ein Säen, so wie ein Farmer Saat auf die Länder sät. Wer nichts von Farmerei wüsste, der würde meinen, das Säen der Saat ist ja ganz schön blöd, da wirft man einfach weg, was man hat. Aber wir wissen es besser, wir wissen, dass die Saat in die Länder fällt und dort nicht wegkommt, sondern vielfältig Frucht und Ertrag bringt. So auch mit unserm Geben. Wer nichts von unserm Herrn und von des Herrn Wort weiß, der meint, das ist ja ganz schön blöd, was wir da tun, werfen einfach weg, was wir haben. Aber wir wissen es besser. Der Herr sieht es! Es ist wie ein „Deposit“ im Himmel bei reichen Zinsen. Und das Geben trägt Frucht. Die Gaben sind Saat; wer wenig sät, erntet auch wenig, wer aber reichlich sät, erntet reichlich. [8]

Ganz entscheidend wichtig ist das: Wir leben als Christen nicht aus dem Mangel und verwalten ihn. Sondern wir sind von dem reichen Gott reich beschenkte Leute, ausgestattet mit einem Überfluss, über den wir nur immer wieder staunen können. Aber dieser Überfluss ist uns nicht zum absoluten Eigentum geschenkt, sondern zur Haushalterschaft, zum Wirtschaften, zum Belegen, zum Investieren, zur Anwendung für Gott und an Gottes Stelle. Letztlich ist das Geben ein Zeichen des Vertrauens darauf, dass Gott nie zu arm wird, uns zu erhalten, dass er immer zu geben hat, damit wir genug haben werden, wieder abzugeben. [7]

Und wie sehen unsere Gesichter beim Geben aus? Traurige, saure, mißgünstige Blicke auf den Gesichtern der Tänzer, verschränkte Arme – da leidet der Tanz, er ist nicht mehr schön. Es gibt kein Gesetz, dass wir geben müssen, sondern wir sind frei zum Geben. Wir handeln beim Geben nicht aus Angst, etwas zu verlieren, sondern aus Freude an Gottes Großzügigkeit. Dann können wir nicht mehr darüber jammern und klagen, dass wir von dem, was wir haben, abgeben sollen. Sondern wir beteiligen uns, nicht nur am Tanz der Wassertanker, sondern am Dreiertanz der Gnade Gottes. Zur Ehre Gottes. Wir behalten auch beim verborgenen Geben einen guten Ruf – dort, wo es zählt. Da werden unsere Gesichter immer mehr wie das Angesicht Gottes in Christus: fröhlich, heiter, mit Zwinkern im Auge, gelassen, großzügig; und der Tanz bleibt schön. Amen.