Exaudi (Die wartende Gemeinde) – 2021

Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke!

Predigt zum Sonntag Exaudi am 16.05.2021

1         Kanzelgruß

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus.

2         Text: Joh 7, 37-39

37 Aber am letzten Tag des Festes, der der höchste war, trat Jesus auf und rief: Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke!

 38 Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen.

 39 Das sagte er aber von dem Geist, den die empfangen sollten, die an ihn glaubten; denn der Geist war noch nicht da; denn Jesus war noch nicht verherrlicht. (Joh 7,37-39 LUT)

3         Predigt

So endet es also. So viel Aufregung um einen Mann. Dafür habe ich mich nicht angemeldet. Es sollte nicht so sein. Als ich ausgewählt wurde, war es eine Ehre. Nicht nur für mich, sondern für meine ganze Familie. Mein Vater war so stolz. Sein Sohn: einer der Tempelwächter. Als ich aufwuchs, erinnere ich mich, sie im Tempel gesehen zu haben. Dort in ihren Uniformen stehen. Sie erfüllten mich mit Stolz. Obwohl wir Teil des römischen Reiches waren und ihre Legionäre überall waren: Dort im Tempel konnten wir für einen Moment vergessen, dass Ausländer über uns herrschten. Wir konnten alle Probleme vergessen. Wenn die stolzen Tempelwächter dort standen, konnten wir uns einen Augenblick daran erinnern, dass wir selbst einmal ein mächtiges Königreich waren. Ja, diese Tempelwächter gaben uns Hoffnung: dass wir immer noch unser eigenes Volk waren. Unser eigenes Volk, mit unserem eigenen Gott. Dem einzigen Gott. Gegen alles zu schützen, was gegen diesen Gott ging, das war die Pflicht und die Ehre der Tempelwache. Ein Teil der Tempelwache zu sein, sollte eine Ehre gewesen sein. Es war meine Ehre. Aber dies, was jetzt und hier auf diesem Schädelhügel passiert, dies hat keine Ehre, nein, dies ist widerlich.

Einer muss sterben, dass das Volk Leben kann, sagte der eine Pharisäer bei dem Gericht. Dieser muss sterben, weil er sonst das Volk aufhetzt. Dieser muss sterben, dass die Römer nicht kommen, um die bestimmt folgende Rebellion niederzuschlagen. So sagten es jedenfalls meine Meister. Ich weiß aber worum dies wirklich geht. Dieser muss sterben, weil er die Autorität meiner Meister schwächt. Meine Meister wollten, nein, konnten ja nicht eine solche Person, die ihre Autorität in Frage stellt, tolerieren. Darum muss er sterben, weil er sich nicht unter ihre Autorität gebeugt hat. Aber sein Weg endet nun hier an diesem Kreuz.

Wer hätte je gedacht, dass wir so viel Aufruhr um einen Mann aus Galiläa machen würden. Aus Galiläa! Was ist schon je Gutes aus Galiläa gekommen. Aber er war halt nicht nur einfach ein normaler Mann aus Galiläa; da war was ganz anderes an ihm. Ich erinnere mich an das erste Mal, als ich ihn sah: Das fröhliche, herrliche Laubhüttenfest rückte näher, und meine Meister waren sich sicher, dass dieser Galiläer zum Fest kommen würde, um seine falsche Lehre in den Tempel zu bringen. Es wäre für ihn die perfekte Gelegenheit, seine Anhängerschaft zu erweitern, da Juden aus der ganzen Welt zu diesem, dem größten unserer Feste kommen würden. Aber das Laubhüttenfest würde auch dieser Mann in die Reichweite meiner Meister bringen und ihnen erlauben, ihm ein für alle Mal ein Ende zu setzen.

Beim Laubhüttenfest, da würde alles geschehen, das war die Zeit, die meine Meister gewählt hatten. Als ich aufwuchs, war das Laubhüttenfest mein Lieblingsfest unter allen Festen. Ganz Jerusalem wird von winzigen Hütten auf Dächern und Straßen bedeckt, und in diesen Hütten aus Laub bleiben die Menschen für die Dauer des Festes. 7 Festtage. 7 Tage voll von Schmuck, gutem Essen und neuen Freunden. Es war großartig. Nur die verhasste römische Burg dort hinten war nicht für das Fest geschmückt. Eigentlich eine Beleidigung, und dennoch machte das unser Festfeiern irgendwie noch besser, weil wir wussten, dass Gott uns eines Tages auch von diesen Römern erretten würde. Denn darum ging es beim Fest. Deshalb haben wir es gefeiert. Deshalb kamen Juden aus aller Welt: Hoffnung! Aber nicht irgendeine Hoffnung. Mit dem Fest gedenken wir des Auszugs aus Ägypten. Dieses Gedenken ist aber nicht nur ein historisches an-die-Vergangenheit-Denken, nein vielmehr setzen wir unsere Hoffnung auf eine Erlösung aus Ägypten, es geht um Abhängigkeit von Gott in den 40 Jahren in der Wüste, diese Hoffnung machen wir uns zu eigen und sehen uns auch heute noch abhängig vom Willen Gottes. Eine Hoffnung, dass Gott sein Heil bringen wird und uns zur Unabhängigkeit führen wird. Ja, eine Hoffnung auf Erlösung.

Auf diesem Fest wollten meine Meister diesen Mann aus Galiläa gefangen nehmen, aber dazu fehlten uns noch die nötigen Beweise. Meine Meister wollten diesen Gotteslästerer unbedingt fangen und töten, diesen Jesus, aber zu der Zeit waren noch genügend Menschen im Rat, die einen fairen und gerechten Prozess haben wollten. Deshalb suchten meine Meister irgendetwas, womit sie ihn zur Strecke bringen konnten: Sei es Aufhetzung des Volkes oder ob er sich in einer theologischen Debatte aus Versehen verspricht und Böses über Gott sagt. Irgendetwas, es brauchte auch nicht einmal auf legale Weise erworben zu sein, irgendetwas, um diesen Mann aus Galiläa gefangen zu nehmen.

Und dann tauchte er zum Fest gar nicht auf! Es gab keine Prozession seiner Anhänger. Wir waren uns sicher, dass er nicht gekommen war. Erst am 4. Tag hörten wir zufällig, dass er doch tatsächlich in der Stadt war. Als meine Meister davon hörten, beauftragten sie eine Gruppe von uns Tempelwächtern, diesen Gotteslästerer im Auge zu behalten. Ich leitete die Gruppe, und als wir ihn fanden, stellten wir uns in den Hintergrund, um auf unsere Gelegenheit zu warten, ihn zu packen, zu verhaften. Den kleinsten Fehler – und wir hätten ihn gehabt. Ein solch ungelehrter Mann aus Galiläa wie er würde nicht lange gebrauchen, einen Fehler zu machen. Also haben wir zugehört. Wir warteten auf unser Moment. Aber… aber als er den Mund öffnete, um zu sprechen, sprach er anders als jeder andere, den wir jemals zuvor gehört haben. Wie konnte es sein, dass ein Mensch aus Galiläa so sprechen konnte wie er? Er sprach, als wäre er unterrichtet worden. Aber nicht wie ein Rabbi oder Pharisäer. Nein, dieser Mann sprach mit einer wirklichen Autorität. Eins führte zum anderen, und bevor wir es merkten, waren wir jeden Tag zurückgekommen, um ihm zuzuhören. Und wir haben fast völlig vergessen, wieso wir ursprünglich dorthin gekommen waren. Tag für Tag hörten wir ihm nur zu. So kam es auch, dass wir am letzten Tag des Festes dort waren, als er sprach.

Der letzte Tag. Der Höhepunkt des Festes. Der Tag, an dem das Wasser aus dem Bach von Siloah genommen wird. Der gleiche Bach, der Jerusalem in Kriegszeiten hilft. Am großen 7. Tag wird Wasser von dort genommen und mit Wein auf den Altar im Tempel gegossen. Wasser und Wein als Opfer, als Trankopfer an unseren einzigen Gott, Wasser und Wein als Opfer an unseren einzigen Gott, der uns Erlösung geben wird. Aber an diesem Tage, kurz nachdem wir Gott um Erlösung und Wohlstand gebeten hatten, stand Jesus plötzlich in der Mitte des Tempels auf. Es kam nicht einmal als Störung rüber, sondern passte irgendwie in das Fest. Als ob er immer da sein müsste, als wenn das Fest heute erst komplett war. Er stand auf und lud ein. Nur eine Einladung. Keine Forderung. Aber eine Einladung. Eine Einladung: kommt her alle, die ihr dürstet. Alle, die ihr dürstet. Wen dürstet hier denn eigentlich? Mit wem redete er da an dem Tag? Ich muss zugeben, dass ich nicht verstand, was er dort sagte. Ja wahrlich, noch nie hat jemand so gesprochen. Und obwohl er mir und meinen Kollegen etwas unverständlich war, konnten wir diesen Mann nicht mit gutem Gewissen verhaften.

Aber was wir nie ausführen konnten, konnten die ihm am nächsten Stehenden tun. Dort hängt er jetzt, auf diesem Schädelhügel, nicht nur von dieser Menschenmenge verraten, sondern auch von allen seinen Jüngern. Ja, diese Menge schrie nach seiner Kreuzigung. Aber vor weniger als einer Woche riefen sie, um ihn zum König zu machen. Nein, ich vertraue dieser launischen Menge nicht. Jetzt wollen sie sein Blut, nicht zuletzt, weil sie wahrscheinlich von meinen Meistern beeinflusst sind. Und seine Jünger, die sind alle weggelaufen und haben ihn verlassen. Verraten und verlassen hängt Jesus von Nazareth an einem Kreuz. Es endet genauso, wie es meine Meister wollten. Und weil ich beim Fest nicht meinen Auftrag ausführen konnte, darf ich hier jetzt den ganzen Tag auf diesem Hügel stehen und sehen, wie es endet.

Aber jetzt wird es dunkel. Die Römer wollen schon seine Beine brechen, um die Dinge zu beschleunigen, aber ich glaube nicht, dass er mehr lebt. Die Römer scheinen es auch zu glauben. Der eine Römer sticht ihn in die Seite, nur um sicherzugehen. Er ist eindeutig schon tot, da von seiner Seite Wasser und Blut fließt. Wasser und Blut. Wasser und Blut. Wie ähnlich dieses Wasser und Blut dem Wasser und Wein vom Laubhüttenfest aussieht. Wasser und Blut, Wein und Wasser. Unsere Hoffnung, dass Gott uns retten wird. Ist es das, worüber er an jenem schicksalhaften Tag sprach? Die Worte, die mir seit dem Tag nicht mehr aus dem Kopf kommen: Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen. Es war nicht nur eine Einladung zum Trinken, aber auch eine Einladung, dass wir merken, dass wir alle durstig sind. Ist dies derjenige, auf den wir gewartet haben? Ist er unser Heil? Ja, darauf haben wir gewartet. Es kann nicht anders sein! Vielleicht musste ich an jenem Tag in meinem Auftrag versagen, damit ich heute hier stehen sollte, damit ich dieses Wasser und Blut sehen konnte. Nein, dies ist kein Ende.  Ja, Wasser und Blut, Gott hat unser Gebet beantwortet. Das Heil ist hier, und Gott wird nicht zulassen, dass der Tod diese Errettung aufhält. Von wegen enden! Nein, das Heil hat gerade begonnen. Und wie ich danach dürste.

Amen.

4         Gebet

Lasst uns beten:

Herr Jesus Christus, Du hast uns durch deinen Tod die Gaben gegeben, die wir fürs Leben nötig haben. Du stillst unseren Durst. Denn wahrlich: wir sind durstig. Wir merken in deiner Nähe, wie viel wir dich brauchen.  Gib uns Kraft, in diesem Leben ausharren zu können bis zu dem letzten Tag, an dem du alles neu machen wirst. Gib uns Weisheit, damit wir als Ströme in deiner Kirche wirken. Nicht als ein Damm, dass wir deine Gaben für uns behalten. Nein, lass uns Ströme sein. Wahrhafte Ströme, die einfach weitergeben, was wir von dir empfangen, um die Welt mit deinem Evangelium zu tränken. Denn nur du stillst unseren Durst.

Amen.

5         Kanzelsegen

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. (Phil. 4:7 LUT)

Amen.

 


Exaudi (Die wartende Gemeinde)

Wochenspruch

Christus spricht: Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen. Johannes 12, 32

Introitus – Nr. 38 (Psalm 27, 7a. 8 u 9a. 1a)

Epistel

Ich beuge meine Knie vor dem Vater, der der rechte Vater ist über alles, was da Kinder heißt im Himmel und auf Erden, dass er euch Kraft gebe nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, stark zu werden durch seinen Geist an dem inwendigen Menschen, dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne und ihr in der Liebe eingewurzelt und gegründet seid. So könnt ihr mit allen Heiligen begreifen, welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist, auch die Liebe Christi erkennen, die alle Erkenntnis übertrifft, damit ihr erfüllt werdet mit der ganzen Gottesfülle. Dem aber, der überschwenglich tun kann über alles hinaus, was wir bitten oder verstehen, nach der Kraft, die in uns wirkt, dem sei Ehre in der Gemeinde und in Christus Jesus zu aller Zeit, von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

Epheser 3, 14 – 21

Hauptlied
Wir danken dir, Herr Jesus Christ 197
Höchster Tröster, komm hernieder 224

Evangelium

Jesus sprach zu seinen Jüngern: Wenn der Tröster kommen wird, den ich euch senden werde vom Vater, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, der wird Zeugnis geben von mir. Und auch ihr seid meine Zeugen, denn ihr seid von Anfang an bei mir gewesen. Das habe ich zu euch geredet, damit ihr nicht abfallt. Sie werden euch aus der Synagoge ausstoßen. Es kommt aber die Zeit, dass, wer euch tötet, meinen wird, er tue Gott einen Dienst damit. Und das werden sie darum tun, weil sie weder meinen Vater noch mich erkennen. Aber dies habe ich zu euch geredet, damit, wenn ihre Stunde kommen wird, ihr daran denkt, dass ich’s euch gesagt habe. Zu Anfang aber habe ich es euch nicht gesagt, denn ich war bei euch.

Johannes 15, 26 – 16, 4


liturgische Farbe: weiß

Festzeit: Österliche Freudenzeit

Wochenspruch: Joh 12,32

Wochenpsalm: Ps 27

Eingangspsalm: Ps 47

Epistel: Eph 3,14-21

Evangelium: Joh 15,26-16,4

Predigttext: Joh 7,37-39

Wochenlied: 128

Erklärung zu den Perikopen:

Die biblischen Predigttexte sind aufgeteilt in die Perikopenreihen I bis VI. Jede Reihe gilt – beginnend mit dem 1. Advent – fortlaufend für ein ganzes Kirchenjahr (aktuelle Reihe = III). Die einzelnen Reihen haben verschiedene Schwerpunkte (Evangelien, Briefe usw.).

I(Evangelium): Joh 15,26-16,4

II: Eph 3,14-21

III: Joh 7,37-39

IV: Jer 31,31-34

V: Joh 14,15-19

VI: Röm 8,26-30