„Wohin werde ich berufen? Was wird meine Hauptaufgabe sein?“ Das sind die Fragen, die Vikare und Theologiestudenten am Ende ihres Studiums umtreiben. Am Seminar unserer Schwesterkirche in St Louis/USA waren es in meinem Jahrgang 83 Kandidaten, die zu Pastoren berufen und ordiniert wurden. Alle Berufungen werden öffentlich in einem Festgottesdienst bekanntgegeben. Voller Dankbarkeit und Erwartung sammeln sich die Kandidaten mit ihren Ehefrauen und Eltern und den Professoren, ziehen andachtsvoll in die große Kirche ein, und nach der Predigt wird feierlich bekanntgegeben, wer wohin und wozu berufen wurde. Bei dieser ersten Berufung hat der junge Pastor keine Wahl; er geht hin, wohin er berufen wird. Nun, am Abend vorher ist es Brauch, dass die Kandidaten sich gesellig treffen, und dann wird eine große Landkarte an ein Dartbrett geheftet, jeder Kandidat wirft einen Dart, und im Nachhinein bekommt derjenige, dessen Dart seinem Berufungsort am nächsten gelandet war, einen Preis, den alle stiften.
Im Gotteswort heute geht es auch um eine Berufung. Nur ein Kandidat steht zur Wahl. Hier wird kein Dart geworfen. Er ahnt nicht mal, dass er berufen werden soll oder wohin. 30 Jahre ist er alt, der Hesekiel, hat auf Priester studiert im Tempel in Jerusalem. Doch dann kommt die Katastrophe. Ähnlich wie in Venezuela neulich greifen fremde Soldaten ins Land ein, verhaften den König und eine ganze Schicht wichtiger Leute, und entführen sie in das heutige Irak. Hesekiel nehmen sie mit. Dort lebt er nun schon 5 Jahre lang. Mit 30 Jahren hätte er endlich alle Priesterdienste im Tempel übernehmen sollen. Aber, wie das deutsche Sprichwort sagt, „erstens kommt es anders“, und zweitens „als man denkt“. Der allmächtige Gott schickt keine Kirchenbehörde oder vorstand, sondern erscheint Hesekiel höchstpersönlich und beruft ihn direkt, Hesekiel sieht die Herrlichkeit Gottes und den Thron Gottes und die vier Gestalten, die dem Herrn dienen, „und auf dem Thron saß einer, der aussah wie ein Mensch“ (1,26). Gott spricht Hesekiel an und beruft ihn, sein Wort zu predigen den Entführten – und in etwa 7 Jahren auch den vielen Kindern Gottes, die ebenfalls dorthin gebracht werden sollen.
Ach, wie schön, wollen wir rufen, da freuen wir uns mit dem jungen Prediger zur ersten Berufung! Aber nein. Hesekiel bekommt eine Berufung, vor der wohl alle Kandidaten zurückscheuen würden. Er soll Menschen predigen, die sich Gott widersetzen. Sie „haben harte Köpfe und verstockte Herzen“; Gott nennt sie „widerspenstige und stachlige Dornen“, ja sogar „Skorpione“, voller Gift, die nur darauf warten, ihrem Prediger damit in den Rücken zu stechen. Bitte schön, Hesekiel, deine erste Gemeinde.
Bei solch einer Berufung würde so mancher Prediger nein sagen. Und Hesekiel? Wie reagiert er? Naja, welche Optionen hat er denn überhaupt? Hesekiel könnte erstens Gottes Wort beschönigen – das heißt, er könnte alle möglichen rhetorischen Tricks anwenden, um die Leute zu überzeugen, er könnte jene Abschnitte von Gottes Wort weglassen oder nur flüchtig nennen, die die Hörer verärgern oder vor den Kopf stoßen würden; Hesekiel könnte also versuchen, Gottes Wort attraktiv zu machen, indem er Gottes Anschuldigungen und Drohungen oder Bußpredigten und hartes Gesetz ein bisschen herunterspielt, um die Leute zu gewinnen. Das wäre eine Möglichkeit. Zweitens könnte Hesekiel sich weigern, Gottes Wort diesen Menschen zu predigen – warum nicht? Er kann ja einfach schweigen, die Berufung ablehnen und hoffen, Gott sucht sich schon einen anderen. Oder aber – drittens – Hesekiel könnte arrogant und selbstsicher werden. Er könnte in aller Schärfe und Härte predigen und sich dann einen Dreck um die Hörer kümmern, sollen sie doch sehen, wo sie bleiben, solange er selbst bei Gott in Gnaden steht und selig wird, bleiben sie ihm egal.
Aber Gott der Herr macht von vornherein deutlich, dass ihm in Wirklichkeit gar keine Optionen offenstehen. Gottes Gesetz und Drohungen schönreden, daran herumbasteln, um sie weniger anstößig zu machen, mit rhetorischen Tricks die Leute zu gewinnen – keine Option, denn Gott sagt: Zu diesen hartköpfigen widerspenstigen Menschen sollst du gehen, ob sie dich hören wollen oder nicht, du sollst mein Wort nicht attraktiv verpacken oder schönreden oder nur die trostreiche Seite verkünden. Nein, sagt Gott. „Verkünde ihnen meine Worte… alle meine Worte, die ich dir sage…“ Sag ihnen: So spricht Gott der Herr! Schweigen – kannst du auch nicht, Hesekiel. Ich sende dich. Ja, mehr noch: Du musst persönlich für die Predigten haften. Gott droht Hesekiel: „Wenn ich dem Gottlosen sage: Du musst des Todes sterben! und du warnst ihn nicht und sagst es ihm nicht, um den Gottlosen vor seinem gottlosen Wege zu warnen, damit er am Leben bleibe, – so wird der Gottlose um seiner Sünde willen sterben, aber sein Blut will ich von deiner Hand fordern. Wenn du aber [ihn] warnst und er sich nicht bekehrt…, so wird er um seiner Sünde will sterben, aber du hast dein Leben errettet.“ (3,17f) Hesekiel kann nicht schweigen. Die 3. Option geht auch nicht. Hesekiel kann nicht nur predigen und die Hörer ihm egal sein lassen, sondern sein Amt setzt ein seelsorgerliches Wirken voraus. Gott redet Hesekiel an als: „Du Menschenkind“. Hesekiel repräsentiert die Menschen. Als Mensch muss er zu den Menschen reden, sich für ihre Seligkeit einsetzen. Er soll ihnen das Evangelium verkündigen. Auch wenn sie ihm Kontra geben. Er soll ihnen nicht nur Gottes Gerechtigkeit und Gesetz sagen, sondern auch von seiner Liebe erzählen und seine schönen Verheißungen sagen. Denn der Herr sagt ausdrücklich, dass er keinen Gefallen daran hat, wenn der Gottlose in seinen Sünden stirbt, sondern Gott hat Freude daran, dass der Gottlose sich bekehrt von seinen Wegen und am Leben bleibt, d.h. ewig selig wird.
Vielleicht sagst du jetzt: Ach, heute redet Gott nur mit den Pastoren! Mitnichten. Ja, es stimmt, Hesekiel hat die Berufung angenommen und auch ausgeführt. Er hat nicht nur dem Volk Gottes das ganze Wort des Herrn verkündet, sondern sogar den heidnischen Nachbarvölkern. Aber dann hat Gott dafür gesorgt, dass dieses prophetische Wort aufgeschrieben wurde. Und er hat genau dieses Wort uns anvertraut. Denn sein Wille ist immer noch derselbe: Er will nicht, dass gottlose Menschen in ihren Sünden sterben, sondern sich bekehren von ihren Wegen, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. Dazu hat er ja den Menschensohn gesandt, um zu suchen und selig zu machen, was verloren ist. Den Gott-Menschen, der repräsentativ für die Sünde aller Menschen gestorben ist, sein Blut für alle Menschen vergossen, damit alle Menschen in ihm am Leben bleiben können.
Meint ihr, die Menschen unserer Zeit hören das gern? Dass sie ohne Christus verloren sind? Dass wer ihn und sein Wort und seine Gnade und seinen Trost ablehnt, sein ewiges Heil verspielt und um seiner Sünde ewiglich sterben muss? Und dass Gott als einziger bestimmt, was Sünde ist und was nicht? Wir als Gemeinde, ich als Prediger, ihr als Christen an eurem Wohn- und Arbeitsplatz, haben von dem lebendigen Gott die Aufgabe bekommen, den Menschen unserer Zeit Gottes ganzen Ratschluss zu verkünden, um ihnen zu sagen: So spricht Gott der Herr. Von Gottes Gerechtigkeit zu reden und von Gottes Gnade, das Gesetz zu sagen und das Evangelium. Viele ärgern sich und machen sich die Köpfe hart, um es nicht zu hören. Und damit stehen wir in der gleichen Versuchung wie damals der Prophet Hesekiel. Dass wir Gottes Wort anders verpacken, die anstößigen Teile nicht sagen, das Kirchenangebot attraktiver machen, um so Menschen zu gewinnen. Vor vielen Jahren legte ein Gemeindeglied mir das mal so nahe: „Wir bringen die Menschen aus den falschen Gründen in die Kirche – und dann behalten wir sie aus den richtigen Gründen.“ Ihr Lieben, das können wir nicht machen, Menschen zu gewinnen suchen, indem wir Gottes Gesetz nicht mehr sagen in der Hoffnung, dass wir es vielleicht irgendwann machen, nachdem sie sich angeschlossen haben. Das wäre Betrug. Der Auftrag der Kirche ist es, Gottes Wort zu bekennen in aller Fülle, Gesetz und Evangelium in rechter Unterscheidung, damit Sünder sich vom gottlosen Wege bekehren und durch Jesus Christus, dem Heiland der Sünder selig werden. Und das bedeutet, in aller Liebe Menschen die Wahrheit zu sagen, damit sie erkennen und wissen, was Gott Sünde nennt, und ihren Heiland erkennen und nur in ihm selig werden. Gott bewertet seine Kirche und unsere Gemeinde nicht nach Google Reviews oder danach, wie viele Menschen sich uns anschließen, sondern, wie bei Hesekiel geht es ihm darum, ob wir treu bleiben seinem Wort. „Du sollst ihnen meine Worte sagen, sie gehorchen oder lassen es…“
Das bedeutet aber nicht, dass uns die Menschen da draußen egal sein können, so nach dem Motto: Solange wir selig werden, können alle anderen sehen, wo sie bleiben. Seine Liebe zu allen Menschen treibt die Kirche, das gute Bekenntnis in die Welt zu sprechen, möglichst dafür zu sorgen, dass das Evangelium laufe. Das fordert Opfer und Dienst von uns.
Gottes Ruf – eine Sache der Unmöglichkeit? Bei Gott ist kein Ding unmöglich. Als der Herr Hesekiel erscheint, fällt er erschrocken um. [2,1f.] Der Herr gibt den Befehl – und dann gibt er die Kraft und sorgt, dass der Befehl ausgeführt wird. So ist es auch bei uns. Er ruft uns auf, Gottes Wort treu zu bleiben, auch wenn es schwer wird, und es zu in aller Wahrheit und Liebe sagen, auch wenn Menschen es nicht hören wollen. Aber dann gibt er auch Gelegenheit und Kraft dazu. Und das Wunderschöne ist: Einige hören und werden errettet. Ja, und mehr noch: Sein Wort, an dem wir festhalten wollen, ist eine Gotteskraft, die seligmacht alle, die daran glauben. Das Wort, das Hesekiel sagen soll, das gleiche Wort, das den Sündern „Klage, Ach und Weh“ bedeutet, das wird in seinem Mund süß wie Honig. Das ist das Schöne: Gottes Wort hält uns fest und wir werden es erleben: das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist es Gottes Kraft. (1 Kor 1,18) Diese Kraft sei in uns und durch uns mächtig – zum ewigen Leben in Christus. Amen.
Wochenspruch
Heute, wenn ihr seine Stimme hören werdet, so verstockt eure Herzen nicht.
Hebräer 3, 15
Epistel
Das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert, und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens. Und kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern es ist alles bloß und aufgedeckt vor den Augen Gottes, dem wir Rechenschaft geben müssen. Hebräer 4, 12 – 13 Hauptlied Herr, für dein Wort sei hoch gepreist 40 Es wolle Gott uns gnädig sein 245
Evangelium
Als eine große Menge beieinander war und sie aus den Städten zu Jesus eilten, redete er in einem Gleichnis: Es ging ein Sämann aus, zu säen seinen Samen. Und indem er säte, fiel einiges auf den Weg und wurde zertreten, und die Vögel unter dem Himmel fraßen’s auf. Und einiges fiel auf den Fels; und als es aufging, verdorrte es, weil es keine Feuchtigkeit hatte. Und einiges fiel mitten unter die Dornen; und die Dornen gingen mit auf und erstickten’s. Und einiges fiel auf gutes Land; und es ging auf und trug hundertfach Frucht. Als er das sagte, rief er: Wer Ohren hat zu hören, der höre! Es fragten ihn aber seine Jünger, was dies Gleichnis bedeute. Er aber sprach: Euch ist’s gegeben, die Geheimnisse des Reiches Gottes zu verstehen, den andern aber in Gleichnissen, damit sie es nicht sehen, auch wenn sie es sehen, und nicht verstehen, auch.
liturgische Farbe: grün
Festzeit: Vorfastenzeit
Wochenspruch: Hebr 3,15
Wochenpsalm: Ps 119a
Eingangspsalm: Ps 31
Epistel: Hebr 4,12-13
Evangelium: Lk 8,4-8 (9-15)
Predigttext: Mk 4,26-29
Erklärung zu den Perikopen:
Die biblischen Predigttexte sind aufgeteilt in die Perikopenreihen I bis VI. Jede Reihe gilt – beginnend mit dem 1. Advent – fortlaufend für ein ganzes Kirchenjahr (aktuelle Reihe = III). Die einzelnen Reihen haben verschiedene Schwerpunkte (Evangelien, Briefe usw.).
I(Evangelium): Lk 8,4-8 (9-15)
II: Hebr 4,12-13
III: Mk 4,26-29
IV: 2. Kor (11,18.23b-30); 12,1-10
V: Jes 55,(6-9) 10-12a
VI: Apg 16,9-15