Vom Weinen zur Freude: Der Weg des Glaubens unter dem Kreuz | Exaudi 2024

Den Abend lang währet das Weinen, aber des Morgens ist Freude. Das ist Ps 30,5.

Das ist der Weg des Lebens unter dem Kreuz Jesu. Jetzt gibt es Leiden, Tränen und Kummer. Aber am Ende gibt es Trost, Lachen und Freude. Jetzt das Leid, dann die Freud.

In seinem Brief an die Römer schreibt der Apostel Paulus: „Denn ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll.“ Paulus kannte das Leid. Sein Leben war von Leid geprägt – Verhaftungen, Schläge, Ablehnung durch sein eigenes Volk, Ausschluss aus der Synagoge, Widersacher und Irrlehrer, Probleme in der Gemeinde, gesundheitliche Probleme – was auch immer, Paulus hat es erlebt. Hier tätschelt er uns nicht auf die Schulter und speist uns ab mit: „Kopf hoch, das wird schon wieder gut.“ Paulus starb in einem römischen Gefängnis. Für ihn wurde es in diesem Leben nicht „wieder gut“. Seine Gemeinden wurden unter Druck gesetzt. Christen wurden gefoltert und gemartert. Irrlehrer schlichen sich in die Gemeinden ein und verführten die Christen mit ihren verführerischen Lügen. Die Regierung war korrupt, die Familie geschwächt, es herrschte Sittenlosigkeit. Jeder tat, was er für richtig hielt. Ich spreche nicht von unserer Zeit. Ich spreche über das 1. Jahrhundert, die Zeit von Paulus, Petrus und Johannes.

Die Leiden dieser Zeit lassen sich nicht vergleichen mit der Herrlichkeit, die offenbart werden wird. Das ist der Weg des Kreuzes und der Auferstehung Jesu. Es ist der Weg der Kirche in dieser Welt. Es ist der Weg für jeden getauften Menschen, der an Christus glaubt. Jetzt das Leid, dann die Freud.

Als Jesus in der Nacht vom Gründonnerstag bei Tisch tief in die Gesichter seiner Jünger blickte, sah er Ungewissheit, Angst, Zweifel und Traurigkeit. Jesus sprach von seinem bevorstehenden Tod und seiner Auferstehung. Noch eine kleine Weile, dann würden sie ihn nicht mehr sehen. Man würde den Stein vor sein Grab rollen und ihn nicht mehr sehen. Die Welt würde sich freuen, während die Jünger weinten. Sie würden traurig sein. Aber ihre Traurigkeit würde sich in Freude verwandeln, sagte Jesus ihnen. „eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen.“ Sie sahen ihn, auferstanden von den Toten. Der Schmerz des Karfreitags verwandelte sich in Freude am Ostermorgen mit der Nachricht: „Christus ist auferstanden“. Und all die Dunkelheit und der Tod des vergangenen Freitags wurden von Freude und Licht verschluckt. Jesus war am Leben. Er war auferstanden. Aber warum hat Jesus das den Jüngern nicht einfach so gesagt? Warum sagte er nicht einfach: „Ich werde sterben und am dritten Tag auferstehen“? Nun, eigentlich hat er genau das mindestens dreimal gesagt, aber irgendwie drang es nicht durch zu ihnen. Hier sagt Jesus es auf eine andere Art und Weise, eine Art und Weise, die wir auch für uns selbst hören und uns zu Herzen nehmen können. Es bedeutet für uns genauso viel wie für die Jünger in jenem Obergemach. [16]

Ihr können Jesus jetzt nicht sehen. Er ist verherrlicht worden, sitzt zur Rechten seines Vaters. Ja, Jesus ist schon „hier“, d.h. „gegenwärtig“. Er wohnt immer noch unter uns als das fleischgewordene Wort. Er ist gegenwärtig und handelt in seinem Wort, in der Taufe, im Abendmahl. Er ist durch sein Amt der Verkündigung zu hören. Der Geist, den er sendet, ist damit beschäftigt, unseren Ohren Vergebung, Leben und Erlösung zu bringen. Aber wir können ihn eine kleine Weile nicht sehen.

Da ist Glaube erfordert. Was man nicht sehen kann, muss man glauben. Vertrauen. Wir müssen Jesus bei seinem Wort nehmen. Die Jünger lebten vom Karfreitag bis zum Ostersonntag zwischen dem „Jetzt“ des Nicht-Sehens und dem „noch nicht“ des Sehens. Wir auch. Wir leben zwischen dem „Nicht-Sehen“ der Himmelfahrt und dem „Sehen“ des Auferstehungstages. Die Endzeit. Wir leben in der Endzeit.

Unsere Zeit ist die Zeit zwischen der alten und der neuen Schöpfung. Die alte Ordnung der Dinge vergeht. Wir spüren es überall um uns herum, alles bricht in sich zusammen, von der Umwelt über die sozialen Strukturen bis hin zu unseren eigenen Körpern. In seiner Erklärung der siebten Bitte des Vaterunsers im Kleinen Katechismus beschreibt Luther dieses Leben als ein „Jammertal“, als ein Tal der Traurigkeit, das, was Psalm 23 „das finstere Tal“ nennt. Das ist ein Stück Realität, das wir verstehen und uns zu Herzen nehmen müssen. Es mag in diesem Leben Freude geben, aber sie ist flüchtig, man mag nach der Freude greifen, aber man erwischt sie nicht, sie lässt sich nicht halten. Es mag Frieden in diesem Leben geben, aber er zerbröckelt, Lachen, aber es ist ein Lachen, das schnell wieder in Weinen übergeht.

Wir weinen über unsere Sünde, unseren sündigen Zustand, darüber, was die Sünde mit dieser Welt, in der wir leben, gemacht hat. Wir weinen über zerbrochene Freundschaften, zerbrochene Familien und zerbrochene Existenzen. Wir weinen über den Zustand der Kirche, über unsere kämpfenden Gemeinden, über den scheinbaren Verlust der Vitalität, die die Kirche einst zu beleben schien. Wir weinen über den Verlust geliebter Menschen und nehmen Abschied von ihnen in diesem Leben und stehen an ihren Gräbern, nicht sehend, sondern glaubend.

Wo immer es ein „Nicht-Sehen“ gibt, gibt es auch Trauer und Sehnsucht. Stellt euch vor, ihr seid lange Zeit von einem geliebten Menschen getrennt. Man sehnt sich danach, ihn zu sehen. Hören ist gut und Briefe sind schön, aber man sehnt sich danach, ihn zu sehen. Die Familien von Soldaten, die damals an der Grenze dienten, sie wissen das. Erinnert euch, wie das Wiedersehen war, als man sich endlich wieder nach langer Zeit in die Arme nehmen konnte.

Jesus vergleicht das „Jetzt“ und das „Noch nicht“ mit dem Unterschied zwischen den Geburtswehen (labour pains) und der Freude darüber, dass ein Kind auf die Welt gekommen ist. Die Schmerzen der Geburt sind groß. Sie sind in vielerlei Hinsicht ein Tod. In einigen Fällen sterben Mütter immer noch bei der Geburt ihres Kindes. Und doch weichen am Ende all die Schmerzen, der Kummer, die Tränen, machen Platz der Freude. Jetzt das Leid, dann die Freud.

„Wenn sie aber das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an die Angst um der Freude willen, dass ein Mensch zur Welt gekommen ist.“ Ich weiß, was ihr Mütter jetzt denkt. Ihr denkt: „Nur ein Mann kann so etwas sagen.“ Man vergisst den Schmerz nicht. Aber der Schmerz der Geburt wird in einen neuen Kontext gebracht. Und das macht den Unterschied aus. Das gegenwärtige Leiden hat seinen Kontext in der zukünftigen Freude und Herrlichkeit. Der Schmerz und die Tränen dieses Lebens haben ihren Sinn und Zweck in der Auferstehung, in der anbrechenden Zeit, wenn wir wieder mit auferstandener Klarheit sehen werden. Jetzt das Leid, dann die Freud.

Auch ihr habt nun Traurigkeit“. Das sagt Jesus zu seinen Jüngern am Abend vor seinem Tod. Sie würden tief trauern. Er sagt diese Worte auch zu euch. Ihr habt nun Traurigkeit. Aber diese Traurigkeit ist in einen größeren und schöneren Bildteppich eingewoben, als ihr euch jemals vorstellen könnt. [22b] Das ist es, uns alle, die wir auf Christus vertrauen, erwartet. Ihr werdet Jesus am Tag seines Erscheinens sehen, am letzten Tag der alten Schöpfung, am ersten und einzigen Tag der neuen. Ihr werdet den sehen, den ihr jetzt noch nicht seht, und ihr werdet euch mit unbändiger Freude freuen.

Die Geschichte – die Weltgeschichte, die Geschichte der Menschheit, eure Geschichte, deine Geschichte – mit all ihrem Leid und Unrecht, ihrer Gebrochenheit und Sünde wird nicht ausgelöscht, sondern sie wird erlöst. Siehe, ich mache alles neu!, spricht der Erlöser. Er bringt die Schöpfung durch den Tod und lässt sie dann auferstehen. Tod und Auferstehung. Auf diese Weise macht Jesus „alles neu“. Er nimmt alles in sein eigenes sterbliches Fleisch auf, stirbt und steht wieder auf. Er nimmt diese alte Schöpfung, die vergeht, lässt sie sterben und lässt sie auferstehen. Er nimmt die Geschichte, Deine Geschichte, meine Geschichte, und wäscht sie in seinem Blut, erlöst sie mit seinem Tod und erhebt sie in der Auferstehung zum ewigen Guten.

Es kommen Augenblicke, da merkt man, wie die Zeit vergeht. Man schaut alte Fotos an und merkt, wie die Zeit unwiederbringlich zwischen den Fingern verrinnt. Aber wenn der Heiland sagt: Siehe, ich mache alles neu!, dann bedeutet das, dass nichts von deinem Leben verlorengeht. Es wird erlöst und neugemacht und in Christus heil und vollständig erhalten. Die Mutter vergisst ihre Geburtswehen nicht. Stattdessen werden sie in den lieblichen und wunderbaren Bildteppich gewebt, der ihr Kind ist. Unsere jetzigen Leiden fallen nicht ins Gewicht gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll. Im Licht Christi, seines Todes und seiner Auferstehung ergibt alles einen Sinn. Es passt alles zusammen. Und wird alles herrlich und neu.

Und auch ihr habt nun Traurigkeit; aber ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen.“ Jetzt das Leid, dann die Freud! „… und eure Freude soll niemand von euch nehmen.“

Im Namen Jesu. Amen.


Exaudi (Die wartende Gemeinde)

Wochenspruch

Christus spricht: Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen. Johannes 12, 32

Introitus – Nr. 38 (Psalm 27, 7a. 8 u 9a. 1a)

Epistel

Ich beuge meine Knie vor dem Vater, der der rechte Vater ist über alles, was da Kinder heißt im Himmel und auf Erden, dass er euch Kraft gebe nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, stark zu werden durch seinen Geist an dem inwendigen Menschen, dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne und ihr in der Liebe eingewurzelt und gegründet seid. So könnt ihr mit allen Heiligen begreifen, welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist, auch die Liebe Christi erkennen, die alle Erkenntnis übertrifft, damit ihr erfüllt werdet mit der ganzen Gottesfülle. Dem aber, der überschwenglich tun kann über alles hinaus, was wir bitten oder verstehen, nach der Kraft, die in uns wirkt, dem sei Ehre in der Gemeinde und in Christus Jesus zu aller Zeit, von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

Epheser 3, 14 – 21

Hauptlied
Wir danken dir, Herr Jesus Christ 197
Höchster Tröster, komm hernieder 224

Evangelium

Jesus sprach zu seinen Jüngern: Wenn der Tröster kommen wird, den ich euch senden werde vom Vater, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, der wird Zeugnis geben von mir. Und auch ihr seid meine Zeugen, denn ihr seid von Anfang an bei mir gewesen. Das habe ich zu euch geredet, damit ihr nicht abfallt. Sie werden euch aus der Synagoge ausstoßen. Es kommt aber die Zeit, dass, wer euch tötet, meinen wird, er tue Gott einen Dienst damit. Und das werden sie darum tun, weil sie weder meinen Vater noch mich erkennen. Aber dies habe ich zu euch geredet, damit, wenn ihre Stunde kommen wird, ihr daran denkt, dass ich’s euch gesagt habe. Zu Anfang aber habe ich es euch nicht gesagt, denn ich war bei euch.

Johannes 15, 26 – 16, 4


liturgische Farbe: weiß

Festzeit: Österliche Freudenzeit

Wochenspruch: Joh 12,32

Wochenpsalm: Ps 27

Eingangspsalm: Ps 47

Epistel: Eph 3,14-21

Evangelium: Joh 15,26-16,4

Predigttext: Joh 7,37-39

Wochenlied: 128

Erklärung zu den Perikopen:

Die biblischen Predigttexte sind aufgeteilt in die Perikopenreihen I bis VI. Jede Reihe gilt – beginnend mit dem 1. Advent – fortlaufend für ein ganzes Kirchenjahr (aktuelle Reihe = III). Die einzelnen Reihen haben verschiedene Schwerpunkte (Evangelien, Briefe usw.).

I(Evangelium): Joh 15,26-16,4

II: Eph 3,14-21

III: Joh 7,37-39

IV: Jer 31,31-34

V: Joh 14,15-19

VI: Röm 8,26-30