Jubilate (Die neue Schöpfung) – 2020

Predigt zu Jubilate (Die neue Schöpfung) – 3. Mai 2020

Ein stolzer Schwan – eine schlafende Katze – ein aufmerksames Kaninchen. Alles schöne Wesen, schöne Bilder aus der Natur, jedes mit seiner eigenen Schönheit der Form und Art. Beeindruckend sind diese Formen aber auch, wenn es sich dabei nicht um Tiere handelt, sondern um Bäume und Büsche im Garten. Ich meine die Kunst, die man auf Englisch „Topiary“ nennt, auf Deutsch Topiari oder Formschnittgärtnerei – wenn begabte Gärtner Pflanzen zu Formen schneiden. Es ist erstaunlich, was solche Gärtner mit Bäumen und Sträuchern und Büschen alles anfangen können. Kunstvoll werden sie genau richtig gepflanzt und gedüngt und bewässert, beim Wachsen von Anfang an immer wieder beschnitten und geformt, sodass aus Pflanzen kunstvolle und bildschöne und herrliche Formen entstehen – Kreise und Dreiecke und Spiralen, aber auch schwimmende Schwäne und kreisende Kraniche, Eichhörnchen und Küken und Hände und Rehe, alle lebend und in grün.

Total schön! Dabei übersieht man aber leicht, wie früh, wie oft und wie heftig Bäume und Büsche beschnitten werden müssen, um diese Formen zu schaffen. Wie ist das wohl für die Pflanze, wenn sie da jede Woche neue Triebe macht, nur um sie wieder beschnitten zu bekommen? Wenn Pflanzen ein Bewusstsein hätten und Schmerz empfinden könnten, dann würden sie bestimmt sagen, das Beschneiden tut ziemlich weh. Aber vielleicht, vielleicht würden sie irgendwann sagen, wenn sie erstmal wie bildschöne Bären und schwimmende Schwäne aussehen, elegant und hübsch, und die Menschen kommen und sich an ihrer Form freuen, dass der ganze Schmerz und die viele Geduld sich am Ende doch gelohnt hat. Vielleicht wären die Pflanzen dann stolz ihrer Schönheit bewusst und sagen: No pain, no gain – ohne Fleiß kein Preis! So bin ich doch am Ende ein wunderschönes Kunstwerk geworden.

Und ihr? Was würdet ihr sagen? Wie würdet ihr euch und euer Leben einschätzen? Es geht uns hier nämlich nicht um Pflanzenkunst und Formschnittgärtnerei, sondern – ihr ahnt es bestimmt schon – darum, dass die Bibel davon spricht, dass Gott wie ein Gärtner an uns Christen herum-schneidet, dass er Dünger und Wasser zur rechten Zeit gibt und uns dann zurechtschneidet nach seinem Maß und nach seiner Einschätzung. So ist es doch, nicht wahr? Wie empfindet ihr das, wenn Gott an euch herumschneidet? Und – wenn ihr nun euer Leben anschaut, das, was inzwischen aus euch geworden ist, das, was Gott aus euch gemacht hat – wie sieht es aus? Könnt ihr da schon Formen und Konturen erkennen, ist das kunstvoll, ist das schön?

Vielleicht meint der eine oder die andere, ja, das ist ok, was ich da sehe. Irgendwann aber meinen wir vielleicht: nein, das gefällt mir immer weniger. Je älter ich werde, desto mehr erkenne ich Fehler und Schwächen, desto mehr sehe ich Runzel und Falten, desto mehr habe ich Schmerzen und Leiden und merke ich, wie ich an Kraft und Schönheit und Form verliere. Ich kann bei bestem Willen keinen schönen Schwan an mir erkennen. Wenn ich einen Blick in den Garten um mich herumtue, mir die anderen Pflanzen anschaue, dann habe ich da auch so meine Zweifel, ob man die alle als schöne Kunstwerke beschreiben würde. Überhaupt habe ich so meine Probleme mit dem Garten an sich. Statt schöner Formen und Konturen, eleganter Pfade und abgesteckter Beete sehe ich, wie der ganze Garten älter wird und verkommt, Unkraut wächst, und wo ich Formen zu sehen meinte, wuchert der Wildwuchs. Ich sehe nicht, wie der Garten durch gekonntes Trimmen hier und da immer schöner und kunstvoller wird. Und jetzt ist auch noch die Krise ausgebrochen. Ich habe so meine Fragen, wer hier denn wirklich am Werk ist.

Lassen wir mal das Bild fallen und reden Klartext. Es fällt vielen von uns zurzeit schwer, das Gleichgewicht im Leben zu behalten. Wir können einordnen, dass Gott manchmal an uns herumschneidet. Aber zurzeit schneidet er ziemlich viel. Und ich sehe wenig Schönheit, die dadurch entsteht. Liebe Menschen im Krankenhaus oder ernsthaft krank – Ehepartner dürfen nicht zu ihnen. Menschen im Altenheim machen schwer durch, erleben Schwäche und Krankheit – und müssen allein leiden, ihre Lieben dürfen nicht hin. Viele machen sich ernsthaft Sorgen um ihre Zukunft, ihre Gesundheit und ihre langfristige Versorgung, viele fragen sich, was wird aus ihrer Arbeit, Einkommen, Ausbildung, wie sollen sie weitermachen – wenn sie es denn mal dürfen. Überall um uns herum ist Wirtschaftseinbruch, die Märkte taumeln, die Börsen crashen und die Wechselkurse auch. Was soll das? Ist das schön, was dabei herauskommt? Und dann sagt die Bibel uns, Gott handelt nicht mit uns nach unseren Sünden, er vergibt sie uns, dass er unser Leben in der Hand hat, ja, dass wir Gott bitten dürfen, was wir wollen, und es wird uns widerfahren, wir werden es bekommen, Gott erhört Gebet. Warum sehe ich das nicht? Aber zurzeit scheint das Leben oft alles andere als schön; es scheint ganz aus dem Gleichgewicht geraten zu sein.

Ihr Lieben, grundsätzlich müssen wir wissen: Unser himmlischer Vater ist kein Formschnittgärtner. Es geht ihm nicht darum, diese Welt wie einen Topiary-Garten immer schöner und eleganter und ordentlicher zu gestalten. Nein, wenn er an uns herumschneidet, dann hat er etwas ganz anderes mit uns vor. Das ist gar kein Bild, was der Herr Jesus hier gebraucht. Er sagt nicht: Ich bin „ähnlich wie“ ein Weinstock und ihr seid „ähnlich wie“ Reben. Nein, er sagt, [1.5a] Es ist so. Damit will Gottes Wort eine Wirklichkeit ausdrücken. Wenn der Herr Jesus sagt, er ist der wahre Weinstock, dann sagt er das im Gegensatz zu dem falschen Weinstock. Immer wieder beschreibt Gott im Alten Testament sein Volk als Weinstock. Zu der Zeit Jesu stellten viele Juden sich das so vor: Weil ich ein Israelit bin, gehöre ich zum Weinstock. Ich gehöre zu Gottes Elitepflanze, die er vorsichtig züchtet, und ich gehöre zu ihr und damit zu Gott durch meine Geburt, meine Nationalität, meine Sprache, meine Kultur. Nein, sagt Jesus. So nicht. „Ich bin der wahre Weinstock. Zu Gott gehören kann nur, wer in mich eingepflanzt ist.“ Wer ist Jesus denn, dass er so etwas Radikales sagen kann? Die Antwort dazu liegt in Jesu Worten: „Ich bin…“ Ich bin – das Brot des Lebens, das Licht der Welt, die Tür, der gute Hirte, die Auferstehung und das Leben, der Weg und die Wahrheit und das Leben, und nun: der wahre Weinstock. Das kann nur Gott sagen. Ich bin, der ich bin, ich werde sein, der ich sein werde. Ich bin Gott. Und als Gott Mensch wird, macht er deutlich, der Weg zu Gott dem Vater führt über Gott den Sohn durch Gott den Heiligen Geist. Zu Gott gehört jeder, der in Jesus eingepflanzt ist. Und das ist gerade das Wunderbare, dass Du und ich am Tag der Taufe als Sünder ganz neu geschaffen und neugeboren wurden, dass wir durch seine Vergebung eine neue Kreatur sind, Du eine Rebe und ich eine Rebe, in Christus eingepflanzt, in seinen Tod, in seine Auferstehung, in sein Herz, in seinen Saft. Er, der wahre Weinstock, hat sich zertreten, schlagen und ritzen lassen, damit wir durch diese Wunden in ihn hineingepfropft werden  können. Das meint der Herr, wenn er sagt, [3]. Gott der Vater ist Weingärtner. Nicht Formschnittgärtner. Es geht ihm nicht zuerst darum, wie schön seine Pflanzen sind. Oder besser: Seine Vorstellung von Schönheit ist ganz anders als unsere. Und er ist bereit, radikal an uns herumzuschneiden, weil es ihm nicht zuerst um Form geht, sondern um etwas ganz anders.

Habt Ihr schon mal gesehen, wie eine Weinrebe im Winter aussieht? Da vertrocknen all die Blätter und fallen ab, es bleibt nur noch der trockene Stamm. Dann geht der Weingärtner ans Werk. Er schneidet die Weinreben radikal zurück, lässt einige Wege Triebe stehen, der Weinstock sieht kümmerlich und vertrocknet und eigentlich tot aus. Es geht dem Weingärtner nicht um Form! Aber wenn es ihm nicht um Form und Schönheit geht, worum geht es ihm denn? Antwort: Es geht ihm um die Frucht. [2.6]  Sorgfältig überprüft der Weingärtner alle seine Reben. Und wenn eine Rebe trotz vieler Pflege nicht Frucht bringt, dann zapft sie Saft und Kraft ganz umsonst. Solch eine Rebe sieht vielleicht wunderbar schön aus, aber ohne Früchte ist sie dem Weingärtner nichts wert. Sie bringt nichts. Deshalb schneidet der Weingärtner sie ab. Sie entfernt sich vom Weinstock, vom Stamm, von den anderen Reben. Sie verkümmert und vertrocknet und wird zuletzt aufgesammelt und ins Feuer geworfen. Ja, aber welche Früchte will der Weingärtner denn von uns Reben haben? Das erklärt uns der Herr: „die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit“ (Eph 5,9); „die Frucht aber des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Keuschheit“ (Gal 5,22f.) Das ist die Frucht, um die es Gott geht. Bei mir; bei dir; bei allen Christen. Wer diese Frucht nicht bringt, sagt der Herr, wird irgendwann ins höllische Feuer geworfen und muss brennen. Das sollte uns zutiefst erschrecken. Was der Weingärtner also von euch will, wozu er an dir und mir schneidet, ist die Schönheit der Frucht, nicht die Schönheit der Form.

Vielleicht bist du jetzt zutiefst verunsichert, vielleicht stellst du fest: ich bringe diese Frucht aber nicht, ich bin nicht freundlich, geduldig, sanftmütig, sondern alles andere. Wenn du das erkennst – dann freu dich. Denn diese Erkenntnis ist eine Gnadengabe. Dann weißt du auch, warum und wozu der Weingärtner an dir und dem ganzen Weinstock herumschneidet. Diese Einsicht aber soll dich nicht dazu bringen, dass du verzagst und verzweifelst und dich damit abfindest, dass du abgeschnitten wirst. Andererseits soll sie dich aber auch nicht dazu bringen, dass du aus Angst und Schrecken dich verzweifelt anstrengst, die Frucht selbst zu produzieren. Solch eine Frucht ist nicht echt. Das ist es ja gerade. Jesus sagt: Eine Rebe kann keine Frucht aus sich selbst produzieren. Es geht nicht. [5c] Du kannst dich also noch so sehr anstrengen und dir Mühe geben, du kommst mit selbstproduzierten Früchten bei Gott nicht durch.

Wie denn? Indem wir Reben im Weinstock bleiben und der Weinstock in uns. Immer wieder fordert Jesus uns auf, in ihm zu bleiben. Wie bleiben wir denn in ihm? Indem wir Buße tun und um Vergebung bitten. Wir bleiben in ihm, wenn er in uns bleibt, und er bleibt in uns, wenn sein Wort in uns bleibt. D.h. wir bleiben in Jesus Christus, wenn wir sein Wort hören und daran glauben. Immer wieder. Immer wieder neu. Das ist wie wenn die Rebe Kraft und Saft aus dem Weinstock zieht, nicht nur um selbst zu leben, sondern damit die Kraft und der Saft durch sie fließen und Früchte produzieren. Das ist doch herrlich: Gott selbst bringt in Dir die Frucht des Geistes, wenn Du immer wieder in der Taufe Buße tust und Vergebung empfängst, immer wieder Gottes Wort liest und gläubig hörst. Gerade deswegen ist es solch ein Segen, dass wir zu dieser Zeit immer noch über YouTube Gottes Wort hören dürfen, auch und gerade wenn uns die Gemeinschaft der Gläubigen so sehr fehlt.

Seht, wenn Jesus zu uns Reben sagt, bleibt in mir, dann ist das nicht etwas Unmögliches. Sondern das ist so, wie wenn meine Frau mir zum Geburtstag einen leckeren Frankfurter Kranz besorgt und sagt: „Nun iss schon deinen Kuchen.“ Kein Problem! So auch bei dem Herrn Jesus. Aber warum schneidet der Weingärtner denn immer weiter an dir? Weil Beschneiden die Reben reinigt von unnötigem, schwachem Gewächs, damit das Licht der Welt eindringt, damit die Kraft aus dem Stamm effektiv und gezielt dahingerichtet, wo sie nötig ist, um viel Frucht zu bringen, damit ihr viel Frucht bringt.

Wenn du also zurückgeschnitten wirst und trotzdem in Jesus bleibst, dann weißt Du: Das Schneiden ist ein Beweis, dass du noch am Weinstock bist. Freue dich. Dann betest du nach Gottes Willen und empfängst, worum du bittest (darüber mehr am Sonntag Rogate). Dann brauchst du dich an deiner Form nicht zu stören, sondern du bringst immer mehr Frucht: Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Keuschheit. Und diese Frucht tut drei Dinge. 1. Sie dient deinem Nächsten, der sie genießt. 2. Sie verherrlicht Gott, sodass Gottes Herrlichkeit nicht an brausenden Schauspielen in der Kirche gesehen wird, sondern in deinem Alltag durch alltägliche Werke, die du im Glauben tust – Tische bauen, Ernte einfahren, Kunden betreuen, Patienten dienen, Kinder unterrichten. Und 3. Die Frucht macht dem Weingärtner ganz enorm Freude, und er findet dich als Rebe total schön, und die Frucht bleibt in Ewigkeit, und er lobt dich am Ende der Zeit dafür: Recht so, du tüchtiger und treuer Knecht, geh hinein zu deines Herrn Freude! Und zuletzt möchte ich noch eins hervorheben, dass hier zwar nur angedeutet wird, aber dennoch: der Herr Jesus nennt diese Frucht (Friede, Geduld, Freundlichkeit usw.) die Frucht des Weinstocks. Das sind Trauben. Und wozu sind Trauben gut? Aus Trauben macht man Wein, von Riesling über Sauvignon Blanc bis hin zu Merlot und Shiraz und Cabernet, von Pinotage über Burgunder und Syrah und Pinot Noir bis hin zu einem herrlich dunklen Port. Für Genießer ist die Farben- und Geschmacksvielfalt und die unendlichen Kombinationen, die man aus Trauben gewinnen kann, nur noch eine Wonne. Und wenn das endlich dabei herauskommt, dann ist das herrlich und nur noch Freude für Schöpfer und Geschöpf. Amen.

Soli Deo Gloria  – Pastor Dr. Karl Böhmer


JUBILATE

(Die neue Schöpfung)

Wochenspruch

Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden. 2. Korinther 5, 17

Epistel

Wer glaubt, dass Jesus der Christus ist, der ist von Gott geboren; und wer den liebt, der ihn geboren hat, der liebt auch den, der von ihm geboren ist. Daran erkennen wir, dass wir Gottes Kinder lieben, wenn wir Gott lieben und seine Gebote halten. Denn das ist die Liebe zu Gott, dass wir seine Gebote halten; und seine Gebote sind nicht schwer. Denn alles, was von Gott geboren ist, überwindet die Welt; und unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.

1. Johannes 5, 1 – 4

Hauptlied

Mit Freuden zart zu dieser Fahrt 187
Nun jauchzt dem Herren, alle Welt 1

Evangelium

Jesus sprach zu seinen Jüngern: Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater der Weingärtner. Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, wird er wegnehmen; und eine jede, die Frucht bringt, wird er reinigen, dass sie mehr Frucht bringe. Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer, und sie müssen brennen. Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger.

Johannes 15, 1 – 8

Als Sonntage der Osterzeit werden in unterschiedlicher Zählung der christlichen Konfessionen die Sonntage zwischen Ostern und Pfingsten bezeichnet.