JUDIKA (Der Hohepriester)
- Joh. 4,7-11 I.i.
Im Namen Jesu. Amen.
Ein amerikanische Redensart lautet: „This ain’t our first rodeo.“ Zu Deutsch: Dies ist nicht unser erster Stierkampf. Das ist die Antwort, wenn man unnötigen Rat erhält. Z.B.: Du bereitest gerade Kohlen fürs Braaifeuer zu, ein Schnösel guckt zu und sagt: „Leg die Kohle vorsichtig wie eine Pyramide mit genug Abstand zwischen den Briketts.“ Oder: „Steak muss man eigentlich nur einmal wenden.“ Oder: „Grobes Salz, nicht feines.“ Antwort: „Dies ist nicht mein erster Stierkampf.“ Ich hab das schon mal gemacht. Das weiß ich längst.
Ihr Lieben, in unseren Medien herrscht zurzeit Panik und Hysterie über das Coronavirus und wie damit umzugehen. Nicht, dass die Lage nicht ernst wäre! Aber in den Medien ist fast nichts zu hören als Coronavirus, Social Distancing, Erkrankungen, Quarantäne. Und auch wir haben in der Gemeinde Maßnahmen ergreifen müssen, die unser kirchliches Leben kräftig umwälzen. Diese Änderungen werfen aus dem Geleise, wir haben das Empfinden, wir sind im Neuland, dass wir mit einer Lage umgehen müssen, die uns völlig fremd und neu erscheint, der wir vielleicht nicht gewachsen sind, sodass wir nicht so recht wissen, was wir machen sollen. Und für uns als einzelne mag das tatsächlich stimmen. Aber für die Kirche Jesu Christi NICHT. Auf die Panik und Hysterie dieser Tage antwortet die Kirche: Dies ist nicht unser erster Stierkampf. Leider lebt in unserer Gemeinde keiner mehr, der sich erinnern könnte, wie die Gemeinde 1918 mit der Spanischen Grippe umging. Aber die Tatsache bleibt, dass unsere Gemeinde die Spanische Flu 1918 und die damit verbundene Panik überstanden hat, auch wenn einzelne starben.
Aber auch die Spanische Grippe 1918 war nicht der erste Stierkampf der Kirche Jesu Christi mit einer Seuche. Die Reformation fand statt in einer Zeit der schwarzen Pest, wo in mehreren Dörfern und Städten bis zu 60% der Einwohner starben. Genau darum sind uns unsere Gesänge aus dieser Zeit so lieb und so wertvoll, eben weil sie Zeugnis geben vom Christenglauben, vom Christenleben und vom Christensterben unter sehr schwierigen Umständen.
Erst, wenn unser Leben aus dem Geleise geworfen wird, merken wir, wie reich gesegnet wir schon so lange leben durften – und wir ahnen, wie anders es werden kann. Wir wollen uns heute mal das Durchschnittsleben der ersten Christen vergegenwärtigen – und sehen, wie sie den Stierkampf kämpften, wie sie mit Seuchen fertig wurden. In den Städten des römischen Reiches war das Leben schwer. Stadtkerne waren klein, es gab wenig Raum. Die allermeisten waren arm und lebten auf engstem Raume miteinander in wackligen Hochhäusern zur Miete. So sah das Leben aus für die ersten Christen. Sie lebten in wackligen Hochhäusern, vielleicht auf dem 3. Stock, teilten eine überfüllte Wohnung mit neun anderen; keine Küche; keine Fensterscheiben und kein fließendes Wasser; Jauche und Abwasser landen auf der Straße; sie kochen auf Feuern mitten im Zimmer mit Feuerholz, das man jeden Tag einsammeln muss. Die wenigsten gesund. Durchschnittliche Lebenserwartung um die 30. Viel Krankheit; viele Sterbefälle. Größte Mangelware ist die Hoffnung. Die meisten ergeben sich stumm in ihr Schicksal – die allermeisten haben keine Mittel, kein Geld, keine Hoffnung.
Unter solchen Lebensumständen entstehen die ersten Christengemeinden. Es ist verblüffend, wie schnell das Christentum dort wächst. In weniger als 300 Jahren waren die allermeisten in diesen Städten christlich. Wie kam das, dieses phänomenale Wachstum? Wie konnten Menschen in solchen Umständen zum Glauben an Christus kommen, getauft und unterrichtet werden, wie konnten sie von Jesus und seiner Erlösung reden, einige in der Stadt, in der sie leben, andere, die das Evangelium verkündigen, wo sie hinkommen? Es werden immer mehr Gemeinden gegründet. Das schafft das Wort Gottes, das schaffen sein Geist, seine Gaben, Taufe, seine Absolution.
Bedeutend ist, dass dieses Wachstum und die vielen Bekehrungen gegen einen furchtbaren Hintergrund geschehen. Ja, furchtbar, denn im 2. Jahrhundert wird das ganze römische Reich von einer Seuche heimgesucht, möglicherweise Masern oder Ebola. Die Seuche dauert 15 Jahre und tötet etwa einen Drittel der Bevölkerung, sogar den Kaiser in Rom. Nicht lange danach folgt eine zweite Seuche. Man bedenke die Zustände in den Städten – und dann noch eine Pandemie! Laut Augenzeugen gab es so viele Tote, dass sich ganze Leichenkarawanen aus Fuhrwerken bildeten, ganze Städte und Dörfer entvölkert wurden, dass das Leben zum Stehen kam. Die Leute haben Angst, sie gehen nicht nach draußen, überall stecken Menschen sich an, Leute schwächeln und stöhnen und sterben, in den Straßen liegen die Leichen, die Stadt stinkt nach Verwesung. Die Systeme sind überlastet, keine Hilfe, keine Hoffnung; der Staat hat nur den Mund voller Zähne. Niemand, niemand hat eine Antwort, niemand – bis auf die Christen. Sie sprechen von der Sünde und der Verderbnis und der Ausweglosigkeit des Lebens in dieser Welt, von allgemeiner Abkehr von Gott. Die Christen können die Gebrochenheit der Welt erklären. Aber noch wichtiger ist, dass sie Hoffnung haben. Inmitten von Pestilenz, Tod und grauenhaftem Sterben haben die Getauften wunderbaren, handfesten Trost. Sie haben ihn in ihrer Gemeinschaft, in ihrem Leben, das in Christus verborgen ist, sie spenden ihn sich durch „gegenseitiges Unterreden und Trösten der Brüder“, wie es so schön in den Schmalkaldischen Artikeln heißt.
Damals gab es keine Krankenhäuser. Wer krank wurde und es sich leisten konnte, ging zum Arzt. Aber bei derartigen Seuchen waren die Ärzte hilflos. Man bedenke die Lebensumstände! Die Ärzte konnten Seuchen nicht heilen. Ganz im Gegenteil. Die Ärzte damals hatten solche Angst vor Seuchen, dass sie flohen, um sich selbst das Leben zu retten. Der große Hippokrates, von dem der berühmte Eid stammt, schrieb vor, dass bei einer Epidemie die Ärzte so schnell, weit, und lange wie möglich fliehen sollten. Das würde jeder vernünftige Mensch tun! Die Christen aber nicht. Die Ärzte flohen, die Heiden schwiegen und hatten Heidenangst; die Christen blieben, redeten, handelten. Bischof Dionysius malt uns im 2. Jahrhundert davon ein Bild: „Die meisten unserer christlichen Brüder erwiesen ungehemmt Liebe und Treue, nahmen keine Rücksicht auf sich selbst und dachten nur an andere. Sie schauten nicht auf die Gefahr, sondern erbarmten sich der Kranken, kümmerten sich um ihre Bedürfnisse, dienten ihnen in Christus, und schieden mit ihnen aus diesem Leben in seliger Freude; denn sie steckten sich bei anderen an, nahmen die Krankheit ihrer Nächsten in sich auf und ertrugen freudig ihre Schmerzen. Indem sie andere pflegten und umsorgten, nahmen sie deren Tod auf sich und starben an deren Stelle. Die besten unsere Brüder ließen ihr Leben auf diese Weise.“ Wisst Ihr, was das zeigt? Ihr Verhalten ergibt gemeinsam ein Bild. Es ist wie diese Mosaikbilder aus vielen kleinen Fotos, die zusammengesetzt ein neues, übergeordnetes Bild ergeben. So auch hier. Die vielen Christen, die selbstlos für andere sorgen und sie pflegen, auch wenn es ihnen das Leben kostet, ergeben gemeinsam ein Bild von Jesus selbst im Leben seiner Kirche. Vom barmherzigen Samariter, der die Wunden der Geschlagenen und Geschundenen verbindet und die Leidenden pflegt. Es ist ein Bild von Christen, die tun, was Christus tat, dazu befähigt durch das, was Jesus tat. Sie empfingen Liebe, und so erwiesen sie auch Liebe. Wie kam es, dass dieses Gebiet überwiegend christlich wurde? Ohne Frage, das Wort Gottes hat alles gehandelt. Aber nicht in einem luftleeren Raum. Die Liebe Gottes drängte diese Christen, auch andere zu lieben.
Aber was konnten sie denn schon tun? Sie hatten keine Antibiotika, keine Impfstoffe, nicht mal Panado, sie konnten höchstens die Kranken waschen und versorgen und ihnen Betten oder Decken geben. Und das taten die Christen, als die Ärzte flohen. Was brachte das? Es brachte sehr viel. Die medizinische Wissenschaft heute gibt zu: Wenn alltägliche Dienste versagen, kann selbst einfache Pflege Sterbefälle ansehnlich vermindern. Nahrung, Wasser, Hygiene, Fürsorge; medizinische Experten heute glauben, dass gewissenhafte Pflege selbst bei schlimmen Seuchen und ohne Medikamente die Sterberate auf ein Drittel oder mehr reduzieren kann. Die Liebe Christi befähigte Christen dazu, es Christus nachzutun, sich selbst zu opfern, um füreinander zu sorgen. Es stimmt, viele Christen starben. Aber die Ironie ist eben, dass verhältnismäßig weit mehr Ungläubige als Christen starben. Wie wurde dieses Gebiet überwiegend christlich? Durch die Predigt des Evangeliums in Gemeinden, die Liebe erwiesen. Die Verkündigung der Wahrheit, begleitet vom Liebesdienst, überzeugte eine kranke Welt von Jesus.
Deine Mitchristen aus der Antike lebten unter weit schwereren Bedingungen als du. Sie sprechen zu dir über die Jahrhunderte hinweg: Die Corona Pandemie ist weder der erste noch der schwerste Stierkampf der Kirche. Du weißt, was zu tun. Jesus sagt es uns. An dem, der unterwegs unter die Räuber fiel und halbtot geschlagen wurde, ging der Priester achtlos vorbei. Und der Levit auch. Das ist Lieblosigkeit. Das ist Sünde. [8] Mach es uns nach. Geh hin und tu desgleichen! Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht, denn Gott ist die Liebe. Wir konnten lieben, weil Gott uns in dem geliebt hat. [9-10]
Wir leben in einer kranken Welt. Viele sind ratlos. Es ist wie im Buch „Der Herr der Ringe“, wo es heißt: „Die Angst schien eine riesige Hand auszustrecken, wie eine dunkle Wolke, die im Osten aufsteigt und sie zu verschlingen droht.“ Da sagt einer zum andern: „Ich wünschte, das wäre nicht zu meiner Zeit passiert.“ Antwort: „Das tun alle, die solche Zeiten erleben. Aber es liegt nicht in ihrer Macht, das zu entscheiden. Du musst nur entscheiden, was du mit der Zeit anfangen willst, die dir gegeben ist.“ So ist es. Wir haben uns nicht für die Corona Krise entschieden. Aber wir können entscheiden, was wir damit tun. Einer kranken Welt bieten Christen Pflege. Einer hoffnungslosen Welt bezeugen Christen Christus. In einer lieblosen Welt lieben die Geliebten Gottes mit der Liebe Christi. Jesus liebt. Darum lieben auch wir. So einfach ist das. Aber gerade diese einfache Liebe mit der Verkündigung der Wahrheit spricht Buchteile. Solch eine Liebe ist ansteckender als das Corona Virus. Und dazu – dazu! – sind wir hier. Amen.
Soli Deo Gloria – Pastor Dr. Karl Böhmer
JUDIKA (Der Hohepriester)
Wochenspruch
Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele. Matthäus 20, 28
Epistel
Christus hat in den Tagen seines irdischen Lebens Bitten und Flehen mit lautem Schreien und mit Tränen dem dargebracht, der ihn vom Tod erretten konnte, und er ist auch erhört worden, weil er Gott in Ehren hielt. So hat er, obwohl er Gottes Sohn war, doch an dem, was er litt, Gehorsam gelernt. Und als er vollendet war, ist er für alle, die ihm gehorsam sind, der Urheber des ewigen Heils geworden.
Hebräer 5, 7 – 9
Hauptlied: O Mensch, bewein dein Sünde groß 154
Evangelium
Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, gingen zu Jesus und sprachen: Meister, wir wollen, dass du für uns tust, um was wir dich bitten werden. Er sprach zu ihnen: Was wollt ihr, dass ich für euch tue? Sie sprachen zu ihm: Gib uns, dass wir sitzen einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken in deiner Herrlichkeit. Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr wisst nicht, was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder euch taufen lassen mit der Taufe, mit der ich getauft werde? Sie sprachen zu ihm: Ja, das können wir. Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr werdet zwar den Kelch trinken, den ich trinke, und getauft werden mit der Taufe, mit der ich getauft werde; zu sitzen aber zu meiner Rechten oder zu meiner Linken, das steht mir nicht zu, euch zu geben, sondern das wird denen zuteil, für die es bestimmt ist. Und als das die Zehn hörten, wurden sie unwillig über Jakobus und Johannes. Da rief Jesus sie zu sich und sprach zu ihnen: Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an. Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein, und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.
Markus 10, 35 – 45