04. Sonntag nach Trinitatis (Die Gemeinde der Sünder) – 2021

Predigt zum 4. Sonntag nach Trinitatis (Die Gemeinde der Sünder) – Christusgemeinde Kirchdorf

Die Gnade unsres Herrn, Jesus Christus, und die Liebe Gottes, und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes, sei mit uns allen. Amen.

 

Text: 1. Mose 50, 15 – 21

                                

15Die Brüder Josefs aber fürchteten sich, als ihr Vater gestorben war, und sprachen: Josef könnte uns gram sein und uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben. 16Darum ließen sie ihm sagen: Dein Vater befahl vor seinem Tode und sprach: 17So sollt ihr zu Josef sagen: Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben. Nun vergib doch diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters! Aber Josef weinte, als sie solches zu ihm sagten. 18Und seine Brüder gingen hin und fielen vor ihm nieder und sprachen: Siehe, wir sind deine Knechte. 19Josef aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt? 20Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk. 21So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen. Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen.

 

Lasst uns beten: Lieber himmlischer Vater wir danken dir, dass du dich den Menschen schon seit je her als den gütigen und gnädigen Gott gezeigt hast, der vergibt wenn man ihn um Vergebung bittet. Wir bitten dich, lehre auch uns immer wieder, dass wir uns untereinander um Vergebung bitten sollen, und, dass wir vergeben sollen denen, die sich an uns versündigt haben. Komm nun, lieber Herr, und segne jetzt unser Reden und unser Hören. Amen.

 

Im Namen unsres gnädigen Gottes, liebe Gemeinde

 

Die Geschichten und Berichte über das Leben Josephs und seiner Brüder sind uns allen wahrscheinlich immer noch gut bekannt. Deshalb wissen wir wohl noch, weshalb Josephs Brüder nach dem Tode ihres Vaters Jakob, Angst vor einer möglichen Racheaktion ihres Bruders hatten. Sie hatten ihn ja als jungen Botschafter und Lieblingssohn ihres Vaters, gehasst! Deshalb hatten sie ihn dann auch an Sklavenhändler verkauft und sich dabei wohl gedacht, dass sie ihn damit für immer aus ihrem Leben, und aus der Familie entfernt hätten. Aber Gott hatte es alles ganz anders geführt und hatte Joseph zu einem mächtigen Mann in Agypten werden lassen. Und nun, wo die Kontrolle des Vaters Jakob über seine Familie nicht mehr da war, hätte Joseph natürlich alle Gelegenheit gehabt, um sich an seinen Brüdern zu rächen für alles Böse, das sie an ihm getan hatten. Aber er tat es nicht!

 

Liebe Gemeinde, das Thema für den heutigen Sonntag heiß jat: Die Gemeinde der Sünder, und unser Text gibt uns sehr deutliche Hinweise darüber, wie es innerhalb der Gemeinde der Sünder, zu der wir ja alle gehören, nach Gottes Willen, zugehen soll. Deshalb wollen wir heute aus diesem Text zwei Aspekte betrachten und sie auch auf unser Leben als Christen anwenden, nämlich:

  1. Sünde und Unrecht sollen vor den betroffenen Mitmenschen, an denen sie getan wurden, erkannt und bekannt werden; und
  2. Die bekannte Sünde soll dann auch von uns, den Schuldigen, vergeben werden!

 

Wie ihr alle wisst, bleibt es ja leider in diesem Leben nicht aus, dass wir Menschen uns aneinander versündigen. Wir tun und sagen oft Dinge die unsere Mitmenschen schwer verletzen können. So etwas kann sich dann, wie eine unsichtbare Wand, zwischen uns aufbauen. Man ist zwar immer schön lieb und freundlich zu einander. Aber tief innen denkt man sich trotzdem immer noch sein Teil über den Nächsten, der einem vielleicht schon vor Jahren einmal dieses oder jenes gesagt oder getan hat. Es bleibt zwar äußerlich bei der Höflichkeit, aber zur Herzlichkeit kommt es zwischen solchen Personen leider nicht mehr, es sei denn, dass diese Sache bereinigt und aus der Welt geschafft wird.

 

Ihr Lieben, alte Verschuldungen können nämlich, auch wenn lange Zeit darüber geschwiegen wurde, leider immer wieder ausgegraben und aufgetischt werden. Manches Problem zwischen uns Menschen, sogar in der Ehe und innerhalb der Familie, wird sogar verursacht durch solche unbereinigte Schuld, die immer wieder ihren Kopf irgendwo heraussteckt. Deshalb tun wir gut, wenn wir hier von Joseph und seinen Brüdern lernen. Die Dinge zwischen Joseph und seinen Brüdern waren ja auch noch längst nicht in Ordnung. Joseph selber, und auch der Vater Jakob, waren ja in dieser Angelegenheit auch nicht unschuldig.

 

Der damalige Hass der zehn Halbbrüder auf Joseph kam ja eigentlich daher, dass Joseph der erste Sohn von Rahel, die Jakob wirklich geliebt hatte, war. Dagegen waren die anderen zehn alle Kinder von Lea, mit der Laban den Jakob ja eigentlich betrogen hatte. Jakob hatte ja sieben Jahre lang, wie abgemacht, für Rahel gearbeitet und bekam dann auf einmal die ältere Schwester, Lea zur Frau. Erst nach weiteren sieben Jahren durfte er dann auch seine geliebte Rahel haben. Deshalb hatte Jakob den Joseph vor den anderen bevorzugt und er hatte es auch öffentlich gezeigt, dass dieser sein Lieblingssohn war, z.B. mit dem bunten Rock, den er ihm hatte machen lassen.

 

Aber nun kommt der Höhepunkt in der Geschichte dieser Familie. Die Brüder erkennen ihre Schuld, und bitten Joseph um Vergebung. Sie verstecken sich zwar zu Anfang hinter der Aussage, dass es auch der Wunsch ihres verstorbenen Vaters war, dass Joseph ihnen vergeben sollte. Das taten sie mit der Hoffnung, dass sie dadurch Josephs Herz erweichen könnten. Deshalb schickten zu Anfang auch erst einmal nur einen Boten zu ihm hin.

 

Liebe Gemeinde, Sündenerkenntnis und besonders ein ehrliches Sündenbekenntnis ist immer eine schwierige Sache, die einem viel Mut und Überwindung kostet. Aber das ist wahrscheinlich auch schon ein Teil von der Strafe für die Sünde. Man muss diesen Mut fassen, und in diesen sogenannten sauren Apfel hineinbeißen, und die Sache mit dem Nächsten offen und ehrlich besprechen und ins Reine bringen. Wenn man das nicht tut, muss man wissen, dass das böse Gewissen einen weiter begleiten wird, weil es nicht einfach nur so verschwinden wird. Deshalb lohnt es sich zum Schluss immer, um rechtzeitig den Weg der Versöhnung zu gehen. Dadurch wird aus der Schuld nicht eine Sache, die sich dann über Jahre und Jahrzehnte hinweg zieht, wie hier bei Josef und seinen Brüdern.

 

Zweitens haben wir aber auch von Josephs Reaktion viel zu lernen. Er war förmlich zu Tränen gerührt über die Reue und das Leid, das die Brüder nun hatten wegen alledem, was sie an ihm getan hatten. Sie knieten vor ihm, so wie die Garben in dem Traum, den der junge Joseph einst hatte. Aber nun erhebt er sich nicht über sie, sondern er nimmt ihre Entschuldigung bedingungslos an. In Vers 19 lesen wir: Josef aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes Statt?

 

Und das ist die nächste wichtige Lehre, die dieser Text uns bringt. Nur Gott kann den Menschen die Sünden behalten. Aber er tut es nur, wenn einer ohne Reue und Leid, in seinen Sünden lebt, und damit weiter macht, obwohl man ihn daraufhin angesprochen und gewarnt hat. Wer absichtlich und anhaltend gegen Gottes Gebote, auch gegen das Gebot der Vergebungsbereitschaft handelt, muss wissen, dass er schließlich selber nicht mehr mit Gottes Vergebung rechnen kann!

 

Wir Menschen sollen und müssen also jedem, der uns ehrlich um Entschuldigung bittet, vergeben! Sonst stellen wir uns an Gottes statt, wie Joseph es hier ausdrückt, und werden damit selber vor Gott schuldig! Jesus hat sogar einmal zu Petrus gesagt (Mt. 18, 21), dass wir unsrem Nächsten siebzig Mal siebenmal, das sind 490-mal täglich vergeben müssen! Damit hat er alle Einschränkung und Begrenzung für unsere Vergebungsbereitschaft weggenommen.

 

Zusätzlich tröstet Joseph dann seine Brüder auch noch mit den bekannten Worten aus Vers 20, nämlich: Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen! Was die Brüder vor vielen Jahren im Zorn und aus Rache gegen Joseph und den ungerechten Vater Jakob taten, hat Gott benutzt, um viel Gutes für viele Menschen und Völker zu bewirken. Das durfte Joseph, der von Gott mit besonderer Weisheit gesegnet war, erkennen. Und deshalb trug er seinen Brüdern auch nichts mehr nach.

 

Liebe Gemeinde, der Ausleger, Gottfried Vogt, warnt aber in seiner Auslegung von diesem Vers davor, dass man den Bogen hier nicht zu weit ziehen darf. Man soll nämlich aus diesen Worten nicht zu der Schlussfolgerung kommen, dass Gott aus allem Bösen, was wir Menschen hier auf Erden zustande bringen, jedesmal etwas Gutes machen wird. Gott kann das Böse benutzen, und er tut es auch oft, aber er brauch es nicht immer und jedes Mal zu  tun. Das Böse und harte Herz des Pharaos zurzeit Mose, hat zum Beispiel nichts Gutes für das Volk der Ägypter mit sich gebracht. Das war sogar die Ursache davon, dass schließlich in jeder Familie das erstgeborene Kind starb. Auch heute noch passieren viele Dinge auf dieser Welt, wie Kriege usw. wobei da wirklich nichts Gutes für die Menschheit heraus kommt.

 

Dieser Vers 20 wird nämlich allgemein als ein Verweis auf das Gute gesehen, das Gott aus der bösen Tat der Kreuzigung Jesu für alle Menschen auf der ganzen Welt zustande gebracht hat. Da hat Gott das Böse, dass die Obersten der Juden an seinem Sohn getan hatten wirklich zum Guten gemacht, dadurch, dass er für die Sünden aller Menschen gestorben ist und nun alle, die an ihn glauben ewig selig werden.

 

Wir sollen deshalb heute wieder neu lernen, was es heißt, einander zu vergeben wie Gott uns vergibt. Joseph hat in dem Guten, dass Gott aus der bösen Absicht seiner Brüder zustande gebracht hatte erkannt, dass Gott ihnen vergeben hatte. Es war Gottes Güte und Gnade, die sie zur Erkenntnis des Bösen, dass sie an ihm getan hatten, gebracht hatte. Deshalb hat er ihnen auch seine Vergebung zugesagt, wie wir es in dem letzten Vers unseres Textes lesen: Joseph sprach: So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen. Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen.

 

Liebe Gemeinde, lasst uns deshalb, weil wir wissen, dass Gott uns vergeben hat, auch tun, was Dr. Martin Luther in der Erklärung zur 5. Bitte im Katechismus sagt, nämlich; „So wollen wir wiederum auch herzlich vergeben und gerne wohltun denen, die sich an uns versündigen!“

 

Dazu helfe uns Gott durch seinen Heiligen Geist. Amen.

 

Wir beten: Lieber himmlischer Vater, wir sind oft unwillig, um uns mit einander zu versöhnen, wenn wir uns gegenseitig Unrecht zugefügt haben. Vergib uns und hilf uns, in der Kraft des Heiligen Geistes, dass wir den Mut zu solcher Versöhnlichkeit aufbringen. Und schenk uns dann auch die herrliche Freiheit, die durch die gegenseitige Vergebung in unsre Herzen einziehen wird! Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsre Herzen und Sinne in Christus Jesus zum ewigen Leben. Amen.

 


04. Sonntag nach Trinitatis (Die Gemeinde der Sünder) – 2017 – Gemeinde Wittenberg.

liturgische Farbe: grün

Festzeit: Trinitatiszeit

Wochenspruch: Gal 6,2

Wochenpsalm: Ps 42

Eingangspsalm: Ps 19, Ps 36, Ps 67, Ps 84, Ps 113

Epistel: Röm 14,10-13

Evangelium: Lk 6,36-42

Predigttext: 1. Mose 50,15-21

Wochenlied: 428 und 495


Erklärung zu den Perikopen:

Die biblischen Predigttexte sind aufgeteilt in die Perikopenreihen I bis VI. Jede Reihe gilt – beginnend mit dem 1. Advent – fortlaufend für ein ganzes Kirchenjahr (aktuelle Reihe = III). Die einzelnen Reihen haben verschiedene Schwerpunkte (Evangelien, Briefe usw.).


I(Evangelium): Lk 6,36-42

II: Röm 14,10-13

III: 1. Mose 50,15-21

IV: 1. Petr 3,8-15a (15b-17)

V: Joh 8,3-11

VI: Röm 12,17-21