Predigt – Verricht‘ das Deine nur getreu – 09. Sonntag nach Trinitatis 2026

Irgendwann im Laufe des Lebens kommt für jeden die Zeit, sich für einen Beruf zu entscheiden. Einige Schüler müssen bald entscheiden, welche Fächer sie im nächsten Jahr belegen wollen, ob Musik oder Mathematik; andere, welche Studienrichtung sie nach dem Matrik einschlagen oder welche Ausbildung sie machen wollen. Dafür gibt es heute Berufsberater, die dir bei der Wahl helfen, die nach deinen Interessen, Fähigkeiten, Hoffnungen, Neigungen schauen, nach passenden Berufen suchen und dir mitteilen, was du werden könntest, ob Polizist, Postbote, Pilot, Professor, Pastor oder Pathologe.

Solch große Auswahl gab es früher meistens nicht. Mädchen wurden Sekretärin, Krankenschwester, Lehrerin oder Hausfrau. Jungs ergriffen den Beruf ihres Vaters. So war es auch bei dem jungen Jeremia aus Anatot in der Nähe von Jerusalem. Sein Vater, Großvater und Urgroßvater waren Priester, und so hatte auch Jeremia sich wohl damit abgefunden, Priester zu werden. Priester hielten Liturgie und Opfer, beteten, segneten, pflegten Tempel und heilige Geräte, unterrichteten. Jeremia rechnete damit, Priester zu werden, doch dann kam der oberste Berufsberater und zog ihm einen Strich durch die Rechnung.

Anstatt aber mit Jeremia zu beginnen, anstatt mit ihm über seine Interessen, Fähigkeiten und Gelegenheiten nachzudenken und dann auf Basis von Tests die beste Option zu wählen, bestimmt der Herr zuerst den Beruf und die Aufgabe und wählt dann den Kandidaten dafür aus. Er fasst einen Entschluss im Blick auf die Zukunft und beginnt mit einer einzigen Zelle im Mutterleib. Schon lange vor seiner Geburt hatte Jeremia eine Identität, einen Daseinsgrund und eine Bestimmung. Gott gibt diesem kleinen Menschen sein Leben, seinen Start, aber erst im Laufe der Zeit Begabungen und Fähigkeiten, so wie er sie braucht, um seinen Beruf auszuüben. Und es wird ein „Beruf“ – der Herr be-„ruft“ Jeremia in sein Amt. Das macht der Herr nicht nur mit einigen Propheten. Nein, die Schrift lehrt, dass Gott die Ungeborenen alle kennt und ihn Leben voraussieht, bevor es beginnt, dass befruchtete Eizellen sehr wohl Personen in seinen Augen sind und in seiner Liebe eingeschlossen sind. Aber heute will der vermeintlich ach so fortschrittliche Mensch selbst bestimmen, was mit den Ungeborenen geschieht; Gott dem Herrn sind sie vollwertige Menschen, aber dem Menschen sind sie im Wege, lästige Zellklumpen, denn alles, was sie können, ist seine „Pläne durchkreuzen“, und darum räumt er sie aus dem Weg durch die „Morning After“ Tablette oder eben durch die Abtreibung. Liebe Gemeinde, Gott der Herr, der schon die ungeborenen Einzeller kennt und liebt, will ihr Leben und stellt sie unter den Schutz des 5. Gebotes: Du sollst nicht töten, und wer sich an ihnen vergreift, der vergreift sich ihrem Schöpfer. Der ihr Leben fördert und gibt, der will, dass auch wir für das Leben eintreten und den Mund auftun für die Stummen, und für die Sache aller, die verlassen sind.

Der, der Jeremia gekannt hat, bevor er ihn im Mutterleibe bereitete, ist derselbe Schöpfer, derselbe allmächtige und liebevolle Gott, der heute noch Prediger beruft wie damals Jeremia. Er wählt einige Männer aus und beruft sie zum Dienst in seinem Reich. Er bereitet sie und regt sie dazu an, zu studieren und sich zur Verfügung zu stellen. Aber es ist nicht so, dass jeder Pastor eine solche persönliche Berufung wie die von Jeremia in einer Vision vom Herrn erhält. Kandidaten für das Pastorenamt verspüren oft einen Drang dazu, der sie nicht in Ruhe lässt, dass sie Gottes Wort studieren und sich auf das Pastorenamt vorbereiten sollen. Doch solch ein Drang allein reicht nicht aus. Und manch geeigneter Mann ist Pastor geworden, ohne ihn zu spüren. Ausschlaggebend ist, dass er nach dem Studium von einer Kirche oder Gemeinde berufen wird. Keiner soll predigen oder Sakramente reichen ohne solch eine Berufung.

Also gut, der Herr wählte und berief damals Jeremia und heute Pastoren, aber was hat dieses Gotteswort dir zu sagen? Erwählt, bereitet, beruft, befähigt der Herr denn auch dich, die Lehrerin, die Ärztin, den Buchhalter, Handwerker, Geschäftsinhaber, die Hausfrau? Ja, sagt die Schrift, das kann jeder Christ von sich sagen: Ihr seid alle Gottes Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die der Herr zuvor bereitet hat, dass ihr sie tut (Eph 2,10). Bevor der Herr dich im Mutterleib bereitete, kannte er dich schon. Bevor du geboren wurdest, hat er dich gewollt und gestaltet. Er hat dich aus Gnade durch den Glauben an Christus gerettet, in der Taufe gezielt neugeschaffen für ein Leben voller guter Projekte, Aufgaben, Dienste, die er im Voraus bereitet hat. Bevor noch das erste Tageslicht auf dein kleines Gesicht fiel, kannte Gott deinen Namen. Als noch keiner erkennen konnte, wie kostbar du sein würdest, kannte dich Gott. In der Taufe berief er dich zu seinem Kind und Erben, und seitdem begleitet und leitet und befähigt er dich, ihm zu leben und zu dienen.

Vielleicht sagst du: „Aber ich habe doch keine besondere Berufung. Was will er denn von mir?“ Im 11. Jahrhundert wurde das deutsche Großreich von Kaiser Heinrich III. regiert. Man erzählt, dass ihm das Regieren zu viel wurde und er es satthatte, König zu sein. Und so wandte er sich an Abt Richard, der ein Kloster in der Nähe leitete, und bat ihn, ihn aufzunehmen, damit er den Rest seines Lebens im Kloster verbringen konnte. „Eure Majestät“, sagte Abt Richard, „ist Euch bewusst, dass Ihr dazu ein Gehorsamsgelübde ablegen müsst? Das wird Euch schwerfallen, denn Ihr wart ein König.“ „Ich verstehe“, sagte Heinrich. „Für den Rest meines Lebens werde ich Euch gehorsam sein, so wie Christus Euch führt.“ Abt Richard sagte zu ihm: „Gut. Dann werde ich Euch sagen, was Ihr tun sollt. Kehrt zurück auf Euren Thron und dient treu an dem Ort, an den Gott Euch gestellt hat.“ Liebe Gemeinde, der Herr beruft euch nicht, eure Familie und Gemeinschaft zu verlassen und eine Sonderstellung in Bloemfontein oder Kalkutta anzutreten. Wenn ihr Gottes Ruf nicht mehr im Alltag erkennt, oder eure Rollen und Verantwortlichkeiten satthabt, hilft es, euch daran zu erinnern, dass Gott euch an einen bestimmten Ort gestellt hat, dass er euch aufgetragen hat, ihm als Pensionierte, als Tischler, Buchhalter, Lehrerinnen, Großeltern oder Kinder zu dienen. Er hat jedem von euch eine eigene Berufung, eine eigene Aufgabe und einen Ort im Leben gegeben, den nur ihr innehabt und an dem ihr eurem Nächsten dient. Ihr dient eurem Herrn, indem ihr gute christliche Mütter und Väter seid, euren Beruf treu ausübt, getreue Nachbarn und Bürger und Zeugen seiner Liebe seid.

Auf Gottes Berufung zum Propheten aber antwortete Jeremia: [6] Seht ihr, damals war es gar nicht so anders als heute. Jeremia hört, was Gott von ihm will, und antwortet: Ach, Herr! Schau mich an. Ich bin unerfahren, ungeeignet, introvertiert. Das Predigen liegt mir nicht. Ich habe schon beschlossen, was ich machen will. Such doch einen Passenderen. Jeremia macht Ausreden. Und es stimmt; er hat keine Erfahrung im öffentlichen Reden und ist zu jung. Doch der Herr bleibt dabei: [7f.] Jeremia macht sich derselben Sünde schuldig, die auch wir begehen: Er ist ungehorsam, will nicht auf Gott hören, meint, er weiß es besser. Deswegen lehrt der Herr Jesus uns beten: „Dein Wille geschehe.“ Damit bitten wir, dass Gottes Wille auch bei uns geschehe. Und wie passiert das? „Wenn Gott allen bösen Rat und Willen bringt und hindert,“ z.B. „unsers Fleisches Wille…“ Als Jeremia hört, was Gott von ihm will, schaut er auf sich selbst und meint, dass er es nicht kann und auch nicht will. Gott aber akzeptiert keine Ausreden. Er bleibt bei seinen Geboten. Wir können ihn noch so sehr auf unsere Schwächen hinweisen, er ändert seinen Willen nicht. Stattdessen tut er etwas anderes. Er streckt seine Hand aus und berührt Jeremias Mund und sagt zu ihm: Schau nicht auf dich. Schau auf mich. Ich lege meine Worte in deinen Mund. Vertrau mir. Ich werde bei dir sein. Ich kenne dich. Ich habe dich ja gemacht! Und gerufen, meinen Willen zu tun! Schau nicht auf die Größe der Aufgabe oder auf deine Mängel, sondern schau auf mich, ich gebe dir nicht nur Auftrag und Gelegenheiten, meinen Willen zu tun, sondern mein Wort in dir, das du gelernt hast und hörst, das macht dich fähig, meinen Willen zu tun.

Der Herr legt seine Hand auf dich. Er berührt dich mit seiner Hand des Evangeliums und der Vergebung in Christus, dem Gekreuzigten, und der Kraft des Heiligen Geistes. Du gehörst zu ihm. Und du bist hier, um die guten Werke zu tun, die er für dich vorbereitet hat und zu deren Vollendung er dich befähigt.

Und dann kommt die konkrete Aufgabe, zu der Gott Jeremia beruft: [10] Und genau das hat er auch getan. Es ist sein Lebenswerk geworden. Die Aufgaben, zu denen Gott dich beruft, sind andere. Sie sind nicht immer angenehm oder leicht zu bewältigen. Jeremia hat später bitterlich über seine Berufung beklagt. Doch er konnte sich der Tatsache nicht entziehen, dass Gott ihn berufen und für seine Aufgabe ausgerüstet hatte und dass der Herr ihn so lange stützen würde, wie es nötig war, bis die Aufgabe erfüllt war. Du und ich können dieselbe Überzeugung teilen. Schließlich helfen wir dabei, das Reich des Herrn aufzubauen, nicht unser eigenes. Und unser Lohn liegt nicht unbedingt hier in dieser Welt oder in dieser Zeit, obwohl der Herr denen, die zu ihm gehören, großen Segen versprochen hat. Aber wenn wir nicht für den Herrn und seine Aufgaben leben, für den anderen leben, wenn wir Gottes Ruf ablehnen und selbst alles bestimmen wollen, dann wird unser Leben immer leer und sinnlos sein. Wir werden keine Erfüllung finden, bis wir auf den Herrn schauen, zu ihm sprechen: Dein Wille geschehe, und gehorsam hingehen und tun, wozu er uns bestimmt hat. Es gibt viele Ausreden, die wir anführen könnten, warum wir dem Herrn nicht folgen oder die Dinge nicht tun sollten, zu denen Er uns beruft. Doch keiner davon und auch nicht alle zusammen kommen auch nur annähernd an den Segen und die Erfüllung heran, die darin liegen, Seinen Willen zu tun.

Sing, bet und geh auf Gottes Wegen / verricht‘ das Deine nur getreu

und trau des Himmels reichem Segen, / so wird er bei dir werden neu.

Denn wer nur seine Zuversicht / auf Gott setzt, den verlässt er nicht.