Reminiszere (Der Knecht Gottes) – 2020

Predigt zum Sonntag Reminiszere

Christusgemeinde Kirchdorf                                               8. März 2020

Röm 5,1-11                                                                                       I.i.

1 Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus;  2 durch ihn haben wir auch den Zugang im Glauben zu dieser Gnade, in der wir stehen, und rühmen uns der Hoffnung der zukünftigen Herrlichkeit, die Gott geben wird. 3 Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt,  4 Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung,  5 Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.

6 Denn Christus ist schon zu der Zeit, als wir noch schwach waren, für uns Gottlose gestorben.  7 Nun stirbt kaum jemand um eines Gerechten willen; um des Guten willen wagt er vielleicht sein Leben.  

8 Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.  9 Um wie viel mehr werden wir nun durch ihn bewahrt werden vor dem Zorn, nachdem wir jetzt durch sein Blut gerecht geworden sind! 10 Denn wenn wir mit Gott versöhnt worden sind durch den Tod seines Sohnes, als wir noch Feinde waren, um wie viel mehr werden wir selig werden durch sein Leben, nachdem wir nun versöhnt sind.  11 Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch Gottes durch unsern Herrn Jesus Christus, durch den wir jetzt die Versöhnung empfangen haben.

In unserer Kultur gibt es zwei Arten von Menschen. Einmal die, die den Preis zahlen, der auf dem Preisschild steht. Sie gehen in den Laden und schauen sich um. Wenn die Ware einigermaßen gut ist und in ihrer Preisklasse oder vielleicht gerade noch an der Schmerzgrenze liegt, dann zahlen sie den angesetzten Preis und gehen. Das sind die einen. Die Nichthändler. Dann gibt es die anderen. Das sind die Händler. Sie suchen sich die Ware aus, die sie wollen, und dann rufen sie den Verkäufer herbei. „Wieviel kostet das hier? Wieviel? Wow, das ist aber viel Geld. Ich sag Dir was…“ Sie wollen ein Paar Schuhe kaufen und sagen zu dem Verkäufer: „Hallo… Ich sehe, hier steht R1400. Ich gebe Dir R950. Was sagst Du? Der Typ im Geschäft da hinten sagt, er verkauft mir das gleiche Paar Schuhe zu R950, aber ich mag Dich. Ich will Deinen Laden unterstützen… Ist das Dein bester Preis? Willst Du nicht mal mit dem Manager sprechen?“ Familienangehörige von solchen Händlern wollen sich manchmal verkriechen, aber dafür können die Händler eben doch oft einen besseren Preis aushandeln. In vielen Kulturen geht man regelrecht davon aus, dass die Kunden ganz bestimmt handeln werden, und wer in solch einer Kultur zahlt, was auf dem Preisschild steht, gilt als völlig naiv.

In unserer Kultur gibt es also diese zwei Arten von Menschen, die Händler und die Nichthändler. Aber unter den Religionen dieser Welt gibt es nur eine Art. Alle sind sie Händler. Alle wollen sie mit Gott verhandeln, die Seligkeit aushandeln. Einen Monat lang fasten und Almosen geben – und dafür gibt Gott dir ein Quantum Segen. Fünfmal am Tag beten und halal essen und den Qur’an auswendig lernen und du erntest ein bestimmtes Maß an Respekt und Anerkennung im Islam; Jihad kämpfen und im Jihad sterben und du verdienst dir garantiert einen Platz im Paradies. Ein gutes Geschäft, nicht wahr? Juden befolgen die 613 rabbinischen Gebote und die dreizehn Prinzipien, leben koscher und führen ein gerechtes Leben, und dafür wollen sie mit Seligkeit belohnt werden. Oder die vier edlen Wahrheiten des Buddhismus und den achtfachen Pfad des Buddha und man bekommt dafür die Beendigung des Leidens und die Fähigkeit zur Selbsterweckung. Ein guter Deal! Und so geht es mit allen Religionen. Man bietet gute Absichten, gute Einsichten, gute Ansichten, die rechten Gebete, die rechten Gebote, die rechten Worte und dafür bekommt man den rechten Deal, Erfolg im Geschäft, Gesundheit, Arbeit für die Frau, ein neues Auto, ein neues Haus, einen Platz im Himmel – oder so meint man. Aber auf solch einen Handel lässt Gott der Herr sich nicht ein.

Überhaupt erweist der Herr sich als ein sehr merkwürdiger Händler. Denn Christus ist schon zu der Zeit, als wir noch schwach waren, für uns Gottlose gestorben. Was für ein Handel ist das denn? Ein gerissener Händler beutet doch jede Schwachheit des Gegners aus! Er schlägt Profit aus der Unfähigkeit des anderen: wenn der andere schwach ist, dann nutzt er das gnadenlos aus. Und Gott weiß genau, was er an uns Menschen hat – Gottlose, Menschen, die nichts zu geben und alles zu verlieren haben, aber Gott der Herr nutzt unsere Schwachheit nicht aus! Christus ist göttlich, wir sind gottlos. Christus ist ohne Sünde, wir sind voll davon. Aber er gibt alles auf und beugt sich unter das Gesetz, er wird einer von uns und eins mit uns in seinem Tod. Wo gibt es das denn? Paulus sagt, vielleicht findest du jemanden, der für eine gute Person stirbt oder sein Leben opfert für jemanden, den er liebhat. Wir denken da vielleicht an einen Soldaten, der sich opfert, damit sein Kamerad überlebt. Oder an Racheltjie de Beer, die ihre Kleidung und ihren Körper und ihr Leben dafür hergibt, dass ihr kleiner Bruder nicht erfriert. Ganz bestimmt ein tapferer Heldentod. Aber es war kein stellvertretender Tod. Heldenhaft ja, stellvertretend nein. Bei Christus schon! Was für Handel geht er denn ein?

Ein Kuhhandel ist das! Aber es kommt noch schlimmer: In diesem Handel sind wir nicht nur gottlose Schwächlinge, sondern obendrein noch Gottes Feinde. Christus stirbt für seine gottlosen, sündigen Feinde. Was würde ein gerissener Händler nicht in solch einer Lage alles aus seinem Feinde herausquetschen, der mit ihm verhandeln muss? Aber Jesus ist nicht auf sein eigenes Wohl aus, sondern auf das seiner Feinde. Er tritt an ihre Stelle, er stirbt an ihrer Stelle. Nicht für seine Familie und Freunde, sondern für seine Feinde. Für die, die sich freuen, wenn Gott stirbt. Du und ich, wir fallen auch unter diese Gruppe, unter die Feinde Gottes. Ihr guten, ehrbaren, fleißigen, zur Kirche gehenden Menschen seid ohne Jesus gottlose Feinde des Herrn. Und ich bin es auch. Aber so erweist Gott seine Liebe – als wir noch als Menschheit tot in unseren Sünden waren, Feinde Gottes, stirbt der gute Hirte für uns. Ein Leben für ein Leben. Das ist der Deal. Er wird der Sünder, der den Platz jedes Sünders einnimmt. Das ist es, was die Bibel meint, wenn sie sagt, dass wir durch sein Blut gerecht worden sind. Das Blut des sündlosen Heilands ist deine Gerechtigkeit vor Gott. Es deckt zu, wer du bist, und bedeckt dich mit wer Jesus ist. Und wenn Gott dich anschaut in Jesus, sieht er keine Sünde mehr, keine Schwachheit, keine Gottlosigkeit, erst recht keine Feindschaft, sondern das Blut seines Sohnes, das perfekte Leben, das an deiner Stelle gelebt wurde; und ob deine Sünden noch so viele wären, das Blut ist stärker, ein Tropfen davon mehr wert als sie alle.

Ja, sagst du, das hab ich schon mal gehört. Wunderbar! Aber du musst es immer wieder hören. In unserer Kultur und bei Kingsmead Shoes gibt es vielleicht zwei Arten von Menschen, aber vor Gott sind wir Menschen von Natur aus alle Händler. Wir wollen mit Gott handeln, ihm eine Leistung entgegenbringen, damit wir seinen Segen bekommen oder dies oder das und letztlich die Seligkeit. Deswegen muss uns dies immer wieder ganz klar gemacht werden: Wenn Jesus für Schwache, für Gottlose, ja, für Gottes Feinde stirbt, dann ist alles Handeln aus. Dann gibt es keinen Raum mehr für Unterhandeln mit Gott. Es geht nicht darum, dass wir vor Gott prahlen über das, was wir alles für Jesus tun – so läuft dieser Handel nicht. Du kannst nicht bei Gott einen besseren Deal bekommen, ihn beeindrucken oder runterhandeln oder für ihn Cooldrinks kaufen. Gott handelt. Er handelt. Er liebt uns in seinem Sohn. Und er tut das für seine Feinde ohne erst unsere Erlaubnis zu fragen.

Dieser Tod des gerechten Heilands versöhnt uns mit Gott. Denn wenn wir mit Gott versöhnt worden sind durch den Tod seines Sohnes, als wir noch Feinde waren, um wieviel mehr werden wir selig werden durch sein Leben, nachdem wir versöhnt worden sind. Er schafft Frieden. Gott stiftet Frieden mit dir in Jesus. Das ist nicht, wie wir uns Versöhnung vorstellen. Wenn zwei Leute oder zwei Parteien sich zanken, dann geht das meistens so, dass sie beide zum Tisch gebeten werden und ein Mittler sich bei beiden Parteien einsetzt und einen Frieden aushandelt, wo beide Parteien Bedingungen nennen und ihre Voraussetzungen für einen Frieden. Und dann, wenn man sich einigt auf Leistung und Gegenleistung, dann gibt es Versöhnung. So geht es bei den Gewerkschaften und den Firmen, bei Arbeitgebern und Arbeitnehmern, bei zerstrittenen Ehen. Du gibst ein bisschen, du nimmst ein bisschen, und das Geschäft geht seinen gewohnten Gang. Aber bei Gott nicht. Er versöhnt sich mit dem Feind während der Feind noch sein Feind ist. Er stiftet Frieden mit dem Sünder, während er noch Sünder ist. Friede, sagt er, Friede sei mit dir. Er unterbricht und unterbindet den Handel und schafft stattdessen ganz selbständig Versöhnung. Er bietet sie dir in Christus kostenlos an. Das ist sein bester Preis. Bei solch einem Preisschild ist naiv, wer nicht sofort zugreift. Besser als geschenkt geht nicht!

Ja, und wie lebt es sich versöhnt und geliebt und als Gottes Freund? In der griechisch-orthodoxen Kirche gibt es in der Passionszeit eine schöne Sitte. Da stehen alle Gemeindeglieder in der Kirche auf und bilden einen Kreis, und dann setzt sich der Kreis wie eine Fahrradkette in Bewegung, sodass jedes Gemeindeglied nach und nach jedem anderen Gemeindeglied gegenübersteht. Und jedes Glied bittet sein Gegenüber um Vergebung für irgendwas und alles, dass er oder sie ihm oder ihr angetan hat. Da wird nicht gehandelt oder argumentiert, sondern da wird Vergebung erbeten und Vergebung erteilt. Stellt euch vor, wir machten das mal bei uns. Aber vielleicht ist das gar nicht nötig. Vielleicht können wir einfach damit anfangen, dass wir zu den Leuten gehen, von denen wir wissen, dass sie etwas gegen uns haben. Und anstatt dass wir mit ihnen verhandeln, bitten wir um Vergebung. Und wenn wir um Vergebung gebeten werden, erteilen wir sie. Kostenlos. Frei. Wie schön, wenn das unser christlicher Handel und Wandel hier wäre! Dann würde Gottes Versöhnung unter uns immer mehr Gestalt gewinnen. Gott der Herr gebe durch seine Liebe, dass alle Feindschaft unter uns ein Ende nehmen darf. Jetzt schon darf das so sein. Weil dir vergeben ist. Weil du mit Gott versöhnt bist. Weil er dir seine Liebe erweist. Und weil du Frieden hast mit Gott durch unseren Herrn Jesus Christus. Und dieses Angebot gilt allen. Aber eben nur in diesem einzigartigen und unmenschlich großzügigen Herrn Jesus Christus. Amen.

Soli Deo Gloria

Pastor Dr. Karl Böhmer


REMINISZERE (Der Knecht Gottes)

Wochenspruch

Gott erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns
gestorben ist, als wir noch Sünder waren. Römer 5, 8

Introitus

Nr. 22 (Psalm 25, 6; Psalm 25, 1, 2a. 4)

Epistel

Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus; durch ihn haben wir auch den Zugang im Glauben zu dieser Gnade, in der wir stehen, und rühmen uns der Hoffnung der zukünftigen Herrlichkeit, die Gott geben wird. Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist. [Denn Christus ist schon zu der Zeit, als wir noch schwach waren, für uns Gottlose gestorben. Nun stirbt kaum jemand um eines Gerechten willen; um des Guten willen wagt er vielleicht sein Leben. Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren. Um wieviel mehr werden wir nun durch ihn bewahrt werden vor dem Zorn, nachdem wir jetzt durch sein Blut gerecht geworden sind! Denn wenn wir mit Gott versöhnt worden sind durch den Tod seines Sohnes, als wir noch Feinde waren, um wieviel mehr werden wir selig werden durch sein Leben, nachdem wir nun versöhnt sind. Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch Gottes durch unsern Herrn Jesus Christus, durch den wir jetzt die Versöhnung empfangen haben.]

Römer 5, 1 – 5 [6 – 11]

Hauptlied

Wenn wir in höchsten Nöten sein 342

Evangelium

Jesus fing an, zu den Hohenpriestern und Schriftgelehrten in Gleichnissen zu reden: Ein Mensch pflanzte einen Weinberg und zog einen Zaun darum und grub eine Kelter und baute einen Turm und verpachtete ihn an Weingärtner und ging außer Landes. Und er sandte, als die Zeit kam, einen Knecht zu den Weingärtnern, damit er von den Weingärtnern seinen Anteil an den Früchten des Weinbergs hole. Sie nahmen ihn aber, schlugen ihn und schickten ihn mit leeren Händen fort. Abermals sandte er zu ihnen einen andern Knecht; dem schlugen sie auf den Kopf und schmähten ihn. Und er sandte noch einen andern, den töteten sie; und viele andere: die einen schlugen sie, die andern töteten sie. Da hatte er noch einen, seinen geliebten Sohn; den sandte er als Letzten auch zu ihnen und sagte sich: Sie werden sich vor meinem Sohn scheuen. Sie aber, die Weingärtner, sprachen untereinander: Dies ist der Erbe; kommt, lasst uns ihn töten, so wird das Erbe unser sein! Und sie nahmen ihn und töteten ihn und warfen ihn hinaus vor den Weinberg. Was wird nun der Herr des Weinbergs tun? Er wird kommen und die Weingärtner umbringen und den Weinberg andern geben. Habt ihr denn nicht dieses Schriftwort gelesen: „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der ist zum Eckstein geworden. Vom Herrn ist das geschehen und ist ein Wunder vor unsern Augen?” Und sie trachteten danach, ihn zu ergreifen, und fürchteten sich doch vor dem Volk; denn sie verstanden, dass er auf sie hin dies Gleichnis gesagt hatte. Und sie ließen ihn und gingen davon.

Markus 12, 1 – 12


Reminiszere (Der Knecht Gottes)

liturgische Farbe: violett

Festzeit: Fastenzeit

Wochenspruch: Röm 5,8

Wochenpsalm: Ps 10

Eingangspsalm: Ps 34

Epistel: Röm 5,1-5 (6-11)

Evangelium: Mk 12,1-12

Predigttext: Mt 12,38-42

Wochenlied: 366

Erklärung zu den Perikopen:

Die biblischen Predigttexte sind aufgeteilt in die Perikopenreihen I bis VI. Jede Reihe gilt – beginnend mit dem 1. Advent – fortlaufend für ein ganzes Kirchenjahr (aktuelle Reihe = III). Die einzelnen Reihen haben verschiedene Schwerpunkte (Evangelien, Briefe usw.).

I(Evangelium): Mk 12,1-12

II: Röm 5,1-5 (6-11)

III: Mt 12,38-42

IV: Jes 5,1-7

V: Joh 8,(21-26a) 26b-30

VI: Hebr 11,8-10