1 Kanzelgruß
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus.
2 Text
Strebt nach der Liebe! Bemüht euch um die Gaben des Geistes, am meisten aber um die Gabe der prophetischen Rede! 2 Denn wer in Zungen redet, der redet nicht für Menschen, sondern für Gott; denn niemand versteht ihn, vielmehr redet er im Geist von Geheimnissen. 3 Wer aber prophetisch redet, der redet den Menschen zur Erbauung und zur Ermahnung und zur Tröstung. 4 Wer in Zungen redet, der erbaut sich selbst; wer aber prophetisch redet, der erbaut die Gemeinde. 5 Ich wollte, dass ihr alle in Zungen reden könntet; aber noch viel mehr, dass ihr prophetisch reden könntet. Denn wer prophetisch redet, ist größer als der, der in Zungen redet; es sei denn, er legt es auch aus, damit die Gemeinde dadurch erbaut werde. 6 Nun aber, liebe Brüder, wenn ich zu euch käme und redete in Zungen, was würde ich euch nützen, wenn ich nicht mit euch redete in Worten der Offenbarung oder der Erkenntnis oder der Prophetie oder der Lehre? 7 Verhält sich’s doch auch so mit leblosen Dingen, die Töne hervorbringen, es sei eine Flöte oder eine Harfe: wenn sie nicht unterschiedliche Töne von sich geben, wie kann man erkennen, was auf der Flöte oder auf der Harfe gespielt wird? 8 Und wenn die Posaune einen undeutlichen Ton gibt, wer wird sich zum Kampf rüsten? 9 So auch ihr: wenn ihr in Zungen redet und nicht mit deutlichen Worten, wie kann man wissen, was gemeint ist? Ihr werdet in den Wind reden. 10 Es gibt so viele Arten von Sprache in der Welt und nichts ist ohne Sprache. 11 Wenn ich nun die Bedeutung der Sprache nicht kenne, werde ich den nicht verstehen, der redet, und der redet, wird mich nicht verstehen. 12 So auch ihr: da ihr euch bemüht um die Gaben des Geistes, so trachtet danach, dass ihr die Gemeinde erbaut und alles reichlich habt. 23 Wenn nun die ganze Gemeinde an einem Ort zusammenkäme und alle redeten in Zungen, es kämen aber Unkundige oder Ungläubige hinein, würden sie nicht sagen, ihr seid von Sinnen? 24 Wenn sie aber alle prophetisch redeten und es käme ein Ungläubiger oder Unkundiger hinein, der würde von allen geprüft und von allen überführt; 25 was in seinem Herzen verborgen ist, würde offenbar, und so würde er niederfallen auf sein Angesicht, Gott anbeten und bekennen, dass Gott wahrhaftig unter euch ist.
3 Predigt
Liebe Brüder und Schwestern in Christus. Wenn ich hier stehen und sagen würde: „Ich bin ein Prophet“, stell ich mir vor, dass einige, wenn nicht alle, ein Problem damit haben würden. Ihr würdet denken, dass dieser Vikar einen viel zu großen Kopf bekommen hat. Und vielleicht sogar mich von der Kanzel jagen. Dieser Prophetenbegriff ist heutzutage etwas anderes als damals im Alten Testament. Heutzutage finden wir immer wieder Menschen, die diesen Propheten-Titel an sich nehmen, um ihre Botschaft damit zu betonen. Sie nehmen diesen Titel und sagen damit aus: Ich bin ein Prophet, meine Botschaft kommt direkt von Gott, deshalb müsst ihr mir zuhören. Aber allzu oft sind diese heutigen Propheten mehr darauf aus, reich zu werden oder sich einen Namen zu machen, und verkündigen so was immer sie wollen, um das zu erreichen. Ob sie Doom-Sprühdosen als Exorzismus-Mittel oder Petrol als Reinigungsgetränk verkaufen – meistens predigen diese Propheten nur ihre eigene Botschaft.
Ist die Prophetie also etwas, das wir lieber im Alten Testament lassen sollen, hat sie ihren Zweck erfüllt? Unser Text scheint dieses anders zu deuten. Er preist gerade die prophetische Rede, und die prophetische Rede ist ja gerade das, was einen Propheten ausmachen sollte. Ein Prophet sollte wohl schon prophetisch reden, nicht wahr? Wer prophetisch redet, ist doch wohl ein Prophet? Was ist denn nun wirklich ein Prophet, und was ist diese prophetische Rede, um die es hier geht?
Das bringt uns zu unserem Text aus dem 1. Korintherbrief. Einem Brief, den der Apostel Paulus an eine Gemeinde schrieb, die mehrere Probleme hatte: Ein falsches Taufverständnis; eine pervertierte Sexualethik; ein heuchlerisches Abendmahlsverständnis; und dann das Problem, dass wir heute näher betrachten: ein komplettes Missverstehen der Geistesgaben. Diese Geistesgaben bespricht Paulus in den Kapiteln 12-14. Kurzgefasst spricht Kapitel 12 die Quelle an: Alle Geistesgaben kommen von Gott. Das sehr bekannte Kapitel 13, das Hohelied der Liebe, spricht von dem „was“. Was treibt diese Geistesgaben: Gottes Liebe selbst. Und unser Kapitel spricht nun von dem Sinn und Zweck: Wozu diese Geistesgaben? Wozu hat Gott uns diese Geistesgaben gegeben? Um dies zu erklären, vergleicht Paulus zwei Geistesgaben: Die Zungenrede und die Prophetie.
Die Zungenrede hat in der heutigen Zeit sicherlich einen kontroversen Ruf, mehr noch als die Prophetie. Das Hauptproblem der Zungenrede ist, dass niemand eigentlich mit hundertprozentiger Sicherheit sagen kann, was sie eigentlich ist. Manche sind sich sicher, dass die Zungenrede wie die Rede der Apostel zu Pfingsten ist: die Gabe, dass man in Fremdsprachen redet. Andere behaupten, dass sie etwas ist, dass gelernt werden muss. Ich kenne auch einige Menschen, die das angeblich getan haben. Wieder andere sehen die Zungenrede als ein ekstatisches Gebet, ein Gebet, das zwar von uns nicht verstanden werden kann, aber vom Teufel auch nicht, und gerade deshalb besonders heilig ist. Manche behaupten sogar: wer nicht die Zungenrede hat (was sie auch immer sein mag), der hat den Heiligen Geist nicht und ist auch eigentlich kein Christ. Was ist nun diese Zungenrede? Brauchen wir sie, um Christen zu sein? Die Antwort auf die letzte Frage lautet in aller Kürze klar und deutlich NEIN. Die Zungenrede ist nicht das Zeichen, dass wir den Heiligen Geist haben, sondern das ist vielmehr unsere Taufe.
Aber was ist die Zungenrede denn? Erst einmal ist es wichtig, dass wir festhalten, dass die Zungenrede, von der unser Text redet, nichts Schlechtes ist. Paulus glaubt, selbst diese Gabe zu haben und dankt Gott dafür. Die Zungenrede ist nichts Schlechtes. Ganz bestimmt kommt die echte Zungenrede von Gott. Im Gegenzug aber gilt: nur weil etwas von Gott ist, heißt es nicht, dass es unbedacht gebraucht werden kann. Denn, liebe Brüder und Schwestern, was wichtig bei diesen Geistesgaben ist, was uns im ganzen 13. Kapitel gesagt wird: das wie: wie werden sie gebraucht? Und wenn diese Antwort nicht mit „christlicher Liebe, dem Nächsten zum Dienste“ ist, dann helfen sie auch nichts. Paulus warnt nicht von der Zungenrede an sich, sondern vor dem falschen Gebrauch dieser Gabe. Denn ein falscher Gebrauch kann die Gemeinde gefährden und zerstören. Solch ein Missbrauch mahnt zur Vorsicht im Gebrauch dieser Gabe.
Was genau ist die Zungenrede? Das ist unsere Frage. Dieser Frage aber geht die Schrift nicht nach. Das 14. Kapitel beantwortet nicht die die Frage: „Was sind die Geistesgaben eigentlich?“ Sondern es stellt die Frage nach dem „wozu“. Wozu diese Geistesgaben? Was ist ihr Sinn? Was ist ihr Zweck? Wozu diese Zungenrede? Wozu diese Prophetie? Darauf gibt uns unser Text eine schöne Antwort. Wozu Geistesgaben? Damit die Gemeinde erbaut werden kann. Das ist entscheidend. Erbaut die Gabe die Gemeinde? Wenn ja, dann soll die Geistesgabe eingesetzt werden, und Gott ist dafür zu loben. Wenn nein, dann ist es sie unwichtig und braucht keine weitere Aufmerksamkeit. Es geht nicht darum, ob die Zungenrede in den charismatischen Kirchen von Gott gegeben ist oder nicht, oder welche nun die eigentliche Zungenrede ist. Das Einzige, was wir für unser Leben hier auf Erden wissen müssen, ist, ob sie die Gemeinde in christlicher Liebe, den Nächsten erbaut. Die entscheidende Frage ist also nicht, ob ich die Zungenrede habe, sondern vielmehr, ob ich die Geistesgabe habe, die die Gemeinde Gottes erbaut? So kann Paulus eine Geistesgabe über die andere erheben und diese mehr loben. Die Schrift macht deutlich, dass das prophetische Reden besser aufbaut, wogegen die Zungenrede leicht missbraucht werden kann, leicht auf mich selbst bezogen werden kann. Die Prophetie dagegen – wenn sie denn wirkliche Prophetie ist – bezieht sich nicht auf mich, sondern auf etwas anderes.
Im Gegensatz zu der Zungenrede steht eigentlich recht viel über die Prophetie in unserer Bibel. Propheten finden wir überwiegend im Alten Testament. Aber leider haben die modernen Medien unsere Sicht auf die Propheten ein wenig verzerrt. Wenn ich irgendjemanden hier fragen würde, was die Haupteigenschaft eines Propheten ist, würde die Antwort wohl gleich lauten: Propheten können die Zukunft vorhersagen. Sogar in der deutschen Sprache definiert der Duden das Prophezeien als „etwas Zukünftiges vorauszusagen“. Und das ist nicht falsch, aber die Vorhersage der Zukunft ist nur eine glückliche Nebenwirkung dessen, was ein Prophet tut. Vielmehr ist die Haupteigenschaft eines Propheten, dass er das Wort spricht, das Gott ihm gegeben hat: dass er prophetisch redet. Man braucht keinen Detektiv, um den Zusammenhang zwischen diesen beiden Dingen zu finden. Wenn eine Person das Wort Gottes spricht – und wenn das Wort Gottes die Wahrheit ist –, dann kann man davon ausgehen, dass die Worte, die gesprochen werden, auch eintreten werden. Ein Prophet gibt Gottes Wort weiter, er spricht Gottes Wort; prophetisch Reden heißt, Gottes Wort mitzuteilen. Ein echter Prophet ist nicht der, der das Wort Gottes verdreht, um seine eigene Botschaft zu verkünden. Nein, ein echter Prophet ist der, der die frohe Botschaft, das Evangelium Gottes so weitergibt, wie er es von Gott selbst bekommen hat. Ein Prophet ist ganz einfach eine Person, die das Wort Gottes spricht oder anwendet.
Und ich würde gerne dieses wagen: In diesem Sinne bin ich ein Prophet. Ich spreche das Wort Gottes. Jedes Mal, wenn ich hier oben stehe, spreche ich das Wort Gottes. Jeden Sonntag, an dem ich auf dieser Kanzel predige, predige ich das Wort Gottes. Aber nicht nur der Prediger auf der Kanzel ist ein Prophet. Das seid auch ihr. Jeden Tag, an dem ihr Jesu Botschaft erwähnt, an dem ihr über euren Herrn und Heiland sprecht, seid ihr Propheten. Ich würde so weit gehen, zu behaupten: wir sind alle Propheten. Nicht im Sinne der Propheten des Alten oder Neuen Testaments. Wir bekommen keine neuen Offenbarungen von Gott: Wir brauchen nämlich keine weitere göttliche Offenbarung. Wir haben schon was viel Besseres bekommen. Wir haben schon alles bekommen, was wir brauchen: Diese Schrift ist die uns gegebene, geschenkte, vollständige Gottesoffenbarung.
Ein Geschenk, mit dem wir seine Gemeinde erbauen dürfen. Wir haben die Ehre, seine Gemeinde zu erbauen, die auf seinem Grundstein ruht, Jesus Christus. Jesus Christus, der sich selbst durch sein Wort und Werk als Gottessohn und Erlöser der Welt geoffenbart hat. Jesus Christus, der heute noch das Gleiche tut in seinem Evangelium. Dieses Evangelium ist unser größtes Geschenk, aber auch unser größter Auftrag: Wir wollen alle Gottes Wort reden, prophetisch reden, zur Erbauung. Ob wir also in Zungen reden können oder nicht, das tut nichts zur Sache, wir können was viel Besseres. Uns allen ist in der Taufe alles gegeben. Wir können, nein, wir sollen, unseren Nächsten Gottes Wort weitersagen. Wir sagen ihnen die frohe Botschaft, und wir können sicher sein, dass dies seine Gemeinde erbaut, dass dies eine wirkliche Geistesgabe ist. Wie der Herr durch Jona ein Wunder an Ninive geschehen lässt, so kann er das auch bei uns, mit uns, durch uns, indem wir Werkzeuge Gottes werden, prophetisch reden, damit Menschen Gottes Vergebung empfangen können. Das ist die Aufgabe der Kirche, ja, wir prophezeien nun der ganzen Welt: Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium.
Amen.
4 Gebet
Herr, wir danken dir, dass wir die Ehre haben, dein Wort weitergeben zu dürfen. Zwar wird es wie bei deinen Propheten auch uns nicht immer leichtfallen, aber wir haben die Zuversicht, dass wir dein wahres Wort mit uns tragen. Gib uns die Kraft, in schweren Zeiten dein Wort reden zu können, damit deine Gemeinde in Christus Jesus erbaut wird.
5 Kanzelsegen
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. (Phil. 4:7 LUT)
Amen.
Wochenspruch
Christus spricht: Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Matthäus 11, 28 Introitus – Nr. 43
(Matthäus 5, 6; Psalm 18, 2 – 3)
Epistel
Christus ist gekommen und hat im Evangelium Frieden verkündigt euch, die ihr fern wart, und Frieden denen, die nahe waren. Denn durch ihn haben wir alle beide in einem Geist den Zugang zum Vater. So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen, erbaut auf den Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist, auf welchem der ganze Bau ineinandergefügt wächst zu einem heiligen Tempel in dem Herrn. Durch ihn werdet auch ihr mit erbaut zu einer Wohnung Gottes im Geist.
Epheser 2, 17 – 22
Hauptlied
Kommt her zu mir, spricht Gottes Sohn 303
Evangelium
Einer, der mit zu Tisch saß, sprach zu Jesus: Selig ist, der das Brot isst im Reich Gottes! Jesus sprach: Es war ein Mensch, der machte ein großes Abendmahl und lud viele dazu ein. Und er sandte seinen Knecht aus zur Stunde des Abendmahls, den Geladenen zu sagen: Kommt, denn es ist alles bereit! Und sie fingen an alle nacheinander, sich zu entschuldigen. Der erste sprach zu ihm: Ich habe einen Acker gekauft und muss hinausgehen und ihn besehen; ich bitte dich, entschuldige mich. Und der zweite sprach: Ich habe fünf Gespanne Ochsen gekauft, und ich gehe jetzt hin, sie zu besehen; ich bitte dich, entschuldige mich. Und der dritte sprach: Ich habe eine Frau genommen; darum kann ich nicht kommen. Und der Knecht kam zurück und sagte das seinem Herrn. Da wurde der Hausherr zornig und sprach zu seinem Knecht: Geh schnell hinaus auf die Straßen und Gassen der Stadt und führe die Armen, Verkrüppelten, Blinden und Lahmen herein. Und der Knecht sprach: Herr, es ist geschehen, was du befohlen hast; es ist aber noch Raum da. Und der Herr sprach zu dem Knecht: Geh hinaus auf die Landstraßen und an die Zäune und nötige sie hereinzukommen, dass mein Haus voll werde. Denn ich sage euch, dass keiner der Männer, die eingeladen waren, mein Abendmahl schmecken wird.
Lukas 14, 15 – 24
liturgische Farbe: grün
Festzeit: Trinitatiszeit
Wochenspruch: Mt 11,28
Wochenpsalm: Ps 36
Eingangspsalm: Ps 19, Ps 36, Ps 67, Ps 84, Ps 113
Epistel: Eph 2,17-22
Evangelium: Lk 14,(15) 16-24
Predigttext: Mt 22,1-14
Wochenlied: 250 und 363
Erklärung zu den Perikopen:
Die biblischen Predigttexte sind aufgeteilt in die Perikopenreihen I bis VI. Jede Reihe gilt – beginnend mit dem 1. Advent – fortlaufend für ein ganzes Kirchenjahr (aktuelle Reihe = III). Die einzelnen Reihen haben verschiedene Schwerpunkte (Evangelien, Briefe usw.).
I(Evangelium): Lk 14,(15) 16-24
II: Eph 2,17-22
III: Mt 22,1-14
IV: 1. Kor 14,1-3..20-25
V: Jes 55,1-3b (3c-5)
VI: 1. Kor 9,16-23