Predigt | Ernährungsberater: Gottes Wort | 06. Sonntag nach Trinitatis 2025

Kleine Babys können zwar noch nicht reden, aber kommunizieren können sie allemal. Sie schreien, um Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Sie schreien oft vor Hunger – und werden mit Muttermilch gestillt. Ein gerade gestilltes, zufriedenes Baby zu erleben ist einfach schön. Das hat der Herr in diese kleinen Menschen hineingelegt, dass sie wissen und suchen und finden, was sie zum Leben brauchen. Normalerweise gibt es kaum eine bessere Nahrung für die kleinen Knirpse als Muttermilch. Das deutsche Wort für Kinder in diesem Alter ist deswegen auch „Säuglinge“, d.h. kleine saugende Wesen.

 

Quasimodogeniti, das ist nicht nur der Name eines Sonntags in der Osterzeit, sondern Menschen, die Gott sich wünscht: So sollt ihr sein, lehrt Gottes Wort, quasimodogeniti infantes, wie kleine neugeborene Kinder. Ja, sagt der Herr, ihr sollt sein wie kleine saugende Menschlein, wie Säuglinge eben. Das ist ja ein krasser Vergleich, lieber Gott, so mag man einwenden, wie kannst du das denn von uns fordern? Aber schaut mal, ihr Lieben, so macht der Heiland es doch auch, er stellt ein kleines Kind vor seine Jünger, vor diese großen, erwachsenen Männer und sagt: Wahrlich – ganz gewiss! – wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen. Das Wort Kinder bedeutet im Urtext hier so viel wie kleine saugende Menschlein, Säuglinge. Werdet wie sie!, ruft der Herr uns zu. Schaut mal, ihr Lieben, was bekommt ein Säugling denn beim Stillen? Nicht nur Nahrung, sondern auch Zuwendung, Nähe, Wärme, Geborgenheit. Und so geht es auch uns, wenn wir Gottes Wort hören oder lesen oder lernen, da bekommen wir nicht einfach nur Informationen übermittelt – geistliche Nahrung also –, sondern wir erfahren Gottes liebevolle Nähe – schmecken etwas davon, dass der Herr freundlich ist.

 

Das erlebt man oft bei Menschen, die als Erwachsene zum Glauben an Jesus Christus kommen oder das Gottvertrauen neu für sich entdecken. Ich kann mich daran entsinnen, wie ich in meiner amerikanischen Gemeinde einmal einen jungen, erwachsenen Mann zum Glauben führen und taufen durfte, an seine Fragen, an sein lebendiges Interesse, an sein „Begierigsein“, das war wie das Verlangen eines Säuglings nach Milch. Der erzählte davon, wie begeistert er davon war, was er in der Bibel gelesen hatte und wie sehr das sein Leben in ein anderes Licht tauchte. Wir kennen die Schrift schon so lange, dass wir oft keinen Sinn mehr dafür haben, wie wunderbar das ist, dass Gott so freundlich ist!

 

Aber wir wissen auch: Das menschliche Leben verändert sich. Wenn Säuglinge älter werden, werden sie nicht mehr gestillt. An die Stelle der Muttermilch treten andere Getränke und Mahlzeiten. Und so lässt sich oft bei denen, die schon länger als Christen leben, die Freude am Glauben manchmal nicht mehr ganz so deutlich erkennen wie bei denen, die all das erst neu entdeckt haben. Ja, so ist das. Was wir gut kennen, wird dann schnell normal oder verschwindet vielleicht sogar in den Hintergrund. Es gibt ja so viel anderes, worum ich mich kümmern muss. Da lässt der Durst nach der „Wortmilch“ nach.

 

Also nochmal: Dass sich unsere Diät im Laufe des Lebens verändert, das ist nun mal so. Das, was die Muttermilch alles für Gutes enthält, können wir als Erwachsene auch in anderen Speisen und Getränken zu uns nehmen. Ähnlich ist es auch mit den Nährstoffen des Wortes Gottes. An die Stelle von Kinderbibeln treten dann vielleicht Erklärungsbibeln. An die Stelle eines Glaubens, der kindlich begeistert überschäumt vor Freude tritt ein Gottvertrauen, das durch Krisen gegangen ist – das leiser wird und doch seine Tragfähigkeit gezeigt hat. Nein, dass sich etwas ändert, ist erst einmal kein Problem.

 

Aber wie und was sich ändert, darauf kommt es an. Wir wissen ja: Natürlich gibt es mehr als genug Nahrung für uns Erwachsene, die uns so guttut wie Muttermilch kleinen Kindern. Aber gleichzeitig ist es ja auch so, dass viele Menschen gerade hierzulande das zu sich nehmen, was eben nicht gut für sie ist: Alkohol im Übermaß, Softdrinks, zu Fettes, zu Süßes, zu Salziges. Da gibt es viele Möglichkeiten. Das ist dann alles weit weg von dem Guten, was die Muttermilch einem Menschen schenkt.

 

Darum geht es dem Apostel Petrus auch – um Nahrung, die auf den ersten Blick verlockend ist, aber bei genauem Hinsehen doch alles andere als gesund. Da ist z.B. das böse Afterreden, das Tratschen, oder, wie er es hier nennt, die üble Nachrede. Die kann das Klatschmaul genauso sehr berauschen wie alkoholische Getränke den Säufer. Da kann man sich so richtig reinsteigern darein, wie dumm die anderen sind, wie lieblos, wie altmodisch, wie stur. Aber solches Gerede macht nicht satt und stillt den Durst nicht.

 

Und dann gibt es auch den so süßen Saft der Heuchelei. Da kann ich bei den anderen genau sehen, was bei ihnen schiefläuft, aber mit mir selbst bin ich womöglich ganz zufrieden: Wenn die anderen doch bloß den Durchblick hätten, den ich habe – das wär doch schön! Ich bin den anderen doch ein ganzes Stück voraus! Der süße Geschmack dieser Gedanken ist verlockend. Und doch stillt auch das nicht meinen Durst, sondern hinterlässt einen faden Nachgeschmack. Es macht mich auch trotz des vielen Zuckers nicht satt. Es ist ganz und gar nicht so gut wie die Milch des Wortes Gottes für mich.

 

So erfahren wir durch all das nicht, wie freundlich der Herr ist, sondern viel mehr, wie unfreundlich wir zueinander sein können. Er ist freundlich – wir nicht, jedenfalls längst nicht immer. Nein, wir ziehen uns stattdessen den bitteren Duft des Neides durch die Nase ein und gönnen dem anderen nichts.

 

Der Sänger Herbert Grönemeyer beobachtet eine ähnliche Diskrepanz in seinem Lied „Ein Stück vom Himmel“. Da heißt es ganz am Ende: „Die Erde ist freundlich / Warum wir eigentlich nicht?“ Ähnlich könnte man in Anlehnung an diese Verse aus dem ersten Petrusbrief fragen: „Gott ist freundlich / Warum wir eigentlich nicht?“

 

Und mit der Bildwelt unserer Predigtworte ließe sich antworten: Weil wir das Falsche essen und trinken und ästimieren. Weil uns die gesunde Nahrung des Wortes Gottes eher langweilig erscheint oder uns der Durst verloren gegangen ist und uns das Reden über andere viel besser schmeckt als das Reden mit ihnen; weil es uns oft leichter fällt, die Fehler beim anderen zu sehen, als böse Absichten und Fehler und Sünde bei uns selbst einzugestehen.

 

Dadurch aber entsteht immer wieder der Eindruck, als wären wir gar nicht seine Leute – oder „nicht sein Volk“, wie es hier im 1. Petrusbrief ausgedrückt ist. Und so ist es ja auch: Von Hause aus, von Natur aus gehören wir nicht einfach zu Gottes Leuten, sondern manches trennt uns von ihm.

 

Umso größer ist das Wunder, dass wir, obwohl wir so anders sind als Gott, von Gott selbst nun als „sein Volk“ wahrgenommen werden, als seine Leute. Dass er euch als seine Kinder ansieht, bei Gott auserwählt und kostbar. Das ist nur möglich, weil Gott Gnade walten lässt. Und Gnade – das bedeutet nicht einfach: mal ein Auge zudrücken. Sondern Gnade bedeutet: Unverdiente Liebe. In der Taufe sind wir ganz neu in Gottes Familie hineingeboren worden. Gott nimmt Menschen in seine Arme, die auf den falschen Weg geraten sind. Jesus Christus hat geradegebogen, was bei uns schief lag – und immer wieder nicht gut ist. Gnade heißt: Es gibt einen neuen Anfang – trotzdem. Durch Gottes Liebe in Jesus Christus. Einen neuen Anfang: Rückkehr zur Taufe. Wieder neu anfangen wie die gerade erst geborenen Kinder. Das ist doch gerade das Wunderbare, dass wir in der Buße zu Gott zurückkehren dürfen, auch wenn wir komplett versagt haben, ja, dass Gott der Herr uns sogar einlädt, zu ihm in die Taufe zurückzukriechen und wieder täglich quasimodogeniti hervorkommen dürfen und als neue Menschen, (recht verstanden:) wie die Säuglinge auferstehen.

 

Wen mal so richtig die Übelkeit erwischt hat und ein Magenleiden gepackt hat, greift für die ersten Tage danach wieder auf die einfachste Nahrung zurück – Hühnersuppe, Jogurt oder vielleicht in schlimmen Fällen sogar auf Gläser mit Purity zurück. Wenn es vorher ganz schlimm war und jetzt ein vorsichtiger Neuanfang nötig ist, dann ist das gerade die richtige Speise zum Neustart.

 

Wenn wir uns von Gott entfremdet haben und Gott uns fremd geworden ist, wenn wir uns den Magen verdorben haben an Neid, an übler Nachrede und Heuchelei, an Unfreundlichkeit und Lieblosigkeit anderen gegenüber, dann sollte auch bei uns genau das auf der Speisekarte stehen, noch mal ganz von vorne anfangen: Mit der Muttermilch unseres Glaubens.

 

Wieder anfangen damit, für uns die zehn Gebote neu durchzubuchstabieren, Psalm 23, das Vaterunser. Uns unseren Konfirmationsspruch wieder aufsagen. Uns wieder neu festhalten an dem einen Bibelwort, das uns in den letzten Jahren neu wichtig geworden ist.

 

Wieder neu und begierig mit diesen Worten Gottes umgehen, darin Gottes Nähe und Gottes Freundlichkeit schmecken und erfahren, was nur er euch und nur in seiner Liebe schenken will: Buße, Vergebung der Sünden, Zuwendung, Nähe, Wärme, Schutz, ein ewiges, sicheres Zuhause in Jesus Christus. Darin habt ihr alles, was ihr braucht – fürs Leben und fürs Sterben: das, was euren Glauben ernährt, ja eben Geborgenheit schenkt, Liebe und Halt. Denn er, euer Vater im Himmel, ist euch freundlich zugewandt durch Jesus Christus. Amen.


Liturgische Farbe: grün

Festzeit: Trinitatiszeit

Wochenspruch: Jes 43,1

Wochenpsalm: Ps 139

Eingangspsalm: Ps 19, Ps 36, Ps 67, Ps 84, Ps 113

Epistel: Röm 6,(3-8) 9-11

Evangelium: Mt 28,16-20

Predigttext: 5. Mose 7,6-12

Wochenlied: 200


06. Sonntag nach Trinitatis (Taufsgedächtnis)

Erklärung zu den Perikopen:

Die biblischen Predigttexte sind aufgeteilt in die Perikopenreihen I bis VI. Jede Reihe gilt – beginnend mit dem 1. Advent – fortlaufend für ein ganzes Kirchenjahr (aktuelle Reihe = III). Die einzelnen Reihen haben verschiedene Schwerpunkte (Evangelien, Briefe usw.).

I(Evangelium): Mt 28,16-20

II: Röm 6,(3-8) 9-11

III: 5. Mose 7,6-12

IV: Apg 8,26-39

V: Jes 43,1-7

VI: 1. Petr 2,2-10