11. Sonntag nach Trinitatis (Pharisäer und Zöllner) – 2022

11. Sonntag nach Trinitatis (Pharisäer und Zöllner) | Predigt zum 11. Sonntag n. Trinitatis, den 23. August 2020

Christusgemeinde Kirchdorf

  1. Sam 12,1–10.13–15a I.i.

 

„Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?“ „Batseba“, sagte der Spiegel. Und David war mächtig stolz auf sich. Die Schönste im ganzen Land, Mrs. Israel höchstpersönlich, sollte sein werden. Und niemand ahnte, wie er es geschafft hatte. Keiner weiß, was hinter verschlossenen Türen passiert, heißt es im Country-Western Hit „Behind closed doors“. Das meinte auch David. Der Herr aber meinte es nicht. Er sah das anders. Seine Augen sahen alles. Bathseba mag Frau Israel gewesen sein, ja sogar Frau Altes Testament, aber zuallererst war sie Frau Uria, verheiratet mit einem treuen und tapferen Soldaten, dessen Ehre und Mannhaftigkeit im Gegensatz zu der bösen Begierde und Hasenherzigkeit des Königs stand. Er schreckte nicht einmal vor Mord zurück, um sich an Uria zu vergreifen und seine Frau an sich zu reißen. Keiner weiß, was hinter den verschlossenen Türen von Davids Herz und Schlafzimmer vor sich geht. Aber der Herr weiß es.

 

Was David hier tut, beginnt alles mit einem lüsternen Blick über die Dächer. Das klassische Fallbeispiel, wie Sünde entsteht: Ein jeder, der versucht wird, wird von seinen eigenen Begierden gereizt und gelockt. Danach, wenn die Begierde empfangen hat, gebiert sie die Sünde… Und was jetzt geschieht, ist das klassische Beispiel dafür, wo sie hinführt: die Sünde aber, wenn sie vollendet ist, gebiert den Tod.  (Jak 1,14f). Ihr Lieben, wir können nichts vor Gott verstecken. Er sieht alles. Deine innersten Wünsche und Gedanken, die Dinge, die du vor allen anderen verbirgst – der Herr sieht sie. Du entkommst seinem Blick nicht. Er ist der Gott, der sieht. Und was er hier sieht, das ärgert ihn. [27b] Auf Hebräisch heißt es hier buchstäblich: Was David tat, war böse in den Augen des HERRN. So lautet Gottes Urteil über was David tat.

 

Was würdest du an Gottes Stelle tun? Dein Knecht, dem Du alles gegeben hast, was sein Herz begehrt, Kraft, Erfolg, Sieg über seine Feinde, Reichtum, Ehre, Saus und Braus, der vergewaltigt die schöne Ehefrau einer seiner besten Soldaten, schwängert sie, betrügt ihren Mann und lässt ihn kaltblütig ermorden als Dank für seine Treue, um dann noch unter einem Schein des Rechts die Frau zu heiraten. Was würdest du mit ihm machen? Ganz erstaunlich ist, was der Herr macht. Auch jetzt noch lässt er Gnade walten, will er David zurückgewinnen, ihn zur Umkehr bringen und ihm seine Sünde vergeben. Er schickt David also keinen Blitz, keinen Feuerstrahl, keinen Geheimagenten mit Walther PPK. Nein. Er schickt Nathan zu David. Der arme Nathan. Was für eine Aufgabe. Nun steht seine ganze synodale Karriere auf dem Spiel. Nathan muss zu dem Mann gehen, der alle Macht im Land hat, der sein Leben die Toilette runterspülen kann, und muss ihn mit seiner Sünde konfrontieren. Nathan setzt hier sein Leben aufs Spiel und konfrontiert den König, aber er tut es auf eine sehr schlaue Weise. Er beginnt mit einer Geschichte.

 

Und was für eine Geschichte. Eine bewegende Geschichte. Eine Geschichte von Ungerechtigkeit, von Diskriminierung, vom Niedertrampeln der Rechte der Machtlosen. Zwei Nachbarn. Der eine reich. Der andere arm. Der Reiche „hatte sehr viel“, die neusten Scheunen alle voll. Der andere hatte nichts. Naja, sozusagen nichts. Ein kleines Lamm. Es war wie bei Mary: der Arme hat ein kleines Lamm mit Fell so weiß wie Schnee, und überall, wohin er ging – ihr kennt die Geschichte. Eine engere Beziehung zwischen Besitzer und Lamm kann es nicht geben. Das Lamm brachte die Kinder zum Lachen und Spielen, so ist das mit den Haustieren, die Kinder hatten das Lamm noch lieber als der Arme selbst. Aber dann hat jemand sich daran vergriffen. Der reiche Schuft von nebenan. Will als gastfreundlich gelten, aber nicht, dass die Gastfreund-schaft ihn etwas kostet. Also trampelte er in ihr Haus und auf ihre Rechte und nimmt ihr Haustier für Matunjanes und Lamb Shanks mit Rotweinjus.

 

David hört sich das an und wird wütend und immer wütender, bis ihn der heilige Zorn packt und der König das Urteil spricht: Todesstrafe! Und vierfache Wiedergutmachung! Aber dann dreht Nathan den Spieß um: „Attah Ha-Ish“. Du bist der Mann, David. Überraschung! Du hast dich gerade selbst zum Tode verurteilt. Der reiche Mann bist du. Batseba, die du wie Matunjanes genießt, ist der Liebling des armen Uria. Du bist der Mann, David, sagt Gott, das hast du Uria angetan. Das hast du mir angetan.

 

Gott nennt mit seinem Gesetz die Sünde und die Schlechtigkeit das, was sie ist. Das ist sehr erfrischend. Unsere Welt liebt es, das Böse schönzureden und zu entschuldigen. „Dubul‘ iBhunu“ wird dargestellt als Kulturgut statt als Hass- und Mordrede. Die Welt erfindet Ausreden für das Böse und findet Gefallen an neuen Formulierungen, die das Böse schmackhaft und akzeptabel darstellen. „Alternative Lebensformen“ nennt man heute Lebensweisen, von denen man früher nicht einmal öffentlich reden konnte. Gottes Wort aber entblößt alle diese Versuche und zeigt sie auf als das, was sie sind. Es nimmt kein Blatt vor den Mund, sondern es nennt die Dinge, wie sie wirklich sind. Gottes Wort ist erfrischend. Aber es ist auch erschreckend. Niemand kann ihm entkommen. Nicht einmal der mächtigste Mann im Land.

 

David ist einfach baff. Wie ein Hase im Licht der Scheinwerfer steht er in den Augen Gottes. So steht der Sünder vor dem Gesetz des Herrn. Und – packt Gott nun zu? Knallt er David ab? Nein, das tut er nicht. [13] Das ist das reine Evangelium. Anstatt David den zeitlichen und ewigen Tod zu verpassen, verkündet Gott ihm Gnade, gewährt Amnestie, schenkt Barmherzigkeit. Das scheint uns vielleicht ungerecht zu sein. Es ist widersprüchlich. Aber es liegt daran, wer Gott wirklich ist. Jesus sagt: Geht aber hin und lernt, was das heißt (Hos 6,6): »Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer.« Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten. Unser Gott ist von Herzen barmherzig. Er hat Gefallen an Barmherzigkeit. Wenn wir… unsre Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit. Wenn wir sagen, wir haben nicht gesündigt, so machen wir ihn zum Lügner, und sein Wort ist nicht in uns. (1Jo 1). JHWH vergibt David. Und er vergibt dir, wenn du Buße tust.

 

Doch es bleibt ein Teil dieser Geschichte, den wir kaum oder nur sehr schwer einordnen können: Dass der Sohn, den David durch Vergewaltigung in Batseba gezeugt hat, nun sterben muss. Dass der kleine Junge also für die Sünde des Vaters sterben muss. Dazu gibt es allerdings mehreres zu sagen. 1. Der Herr nennt selbst den Grund dafür. Er sagt zu David: [14] Das heißt, dass Davids Mord an Uria doch aufgeflogen ist. Die Sünde ist also doch öffentlich geworden, sodass selbst Gottes Feinde davon hörten und deswegen Gott selbst verlästerten. Das hat der Herr nicht geduldet. Er will seine Ehre nicht verlästern lassen. Er hat David durch den Tod seines Sohnes bestraft, damit auch seine Feinde erkennen mussten, dass Gott gerecht ist. 2. Ein berühmter Kirchenmann warnt uns vor dem, was er „billige Gnade“ nennt. „Billige Gnade ist Predigt der Vergebung ohne Buße, ist Taufe ohne Gemeindezucht, ist Abendmahl ohne Bekenntnis der Sünden, ist Absolution ohne persönliche Beichte. Billige Gnade ist Gnade ohne Nachfolge, Gnade ohne Kreuz, Gnade ohne den lebendigen, menschgewordenen Jesus Christus.“ Billige Gnade ist es, wenn ein Pastor predigt: „Ja, du hast gesündigt, aber jetzt ist dir alles vergeben, bleib ruhig, wie du bist, sündige tapfer weiter, Gott hat dafür Verständnis.“ Ihr Lieben, wer so denkt, der vergisst, dass Gott die Sünde verabscheut und hasst. Das große Problem der billigen Gnade ist, dass sie nicht Umkehr fordert, keine Forderung nach Jüngerschaft enthält. Aber Jesus ruft dich auf, sein Jünger zu sein, ihm ähnlich zu werden, ihm zu folgen. Seine Gnade ist alles andere als billig.

 

Das Gegenteil von billiger Gnade ist teure Gnade. „Teure Gnade ist Gnade als das Heiligtum Gottes, das vor der Welt behütet werden muss, das nicht vor die Hunde geworfen werden darf, sie ist darum Gnade als lebendiges Wort, Wort Gottes, das er selbst spricht, wie es ihm gefällt. Es trifft uns als gnädiger Ruf in die Nachfolge Jesu, es kommt als vergebendes Wort zu dem geängstigten Geist und dem zerschlagenen Herzen. Teuer ist die Gnade, weil sie den Menschen unter das Joch der Nachfolge Jesu Christi zwingt, Gnade ist es, dass Jesus sagt: „Mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.“ David erhält teure Gnade. Er lebt. Sein Kind stirbt. Damit spielt Gott nun nicht „Auge um Auge, Zahn um Zahn.“ Nein, das Kind muss sterben, damit der Sünder, der den Herrn zutiefst verachtet hat, im Tod seines eigenen unschuldigen Sohnes erfahren kann, was es bedeutet, von Gott verurteilt und vergeben zu werden. Es bedeutet nicht, dass David nun die Früchte des Ehebruchs mit gütigem göttlichem Segen genießen darf. Gott der Herr rechtfertigt den bußfertigen Sünder – aber nie die Sünde. Gott segnet die Sünde nicht.

 

David zeugte später weitere Söhne mit Batseba. Von ihrem 4. Sohn Nathan sollte einst der größere Sohn Davids abstammen. Batseba, die das erste Opfer Davids Sünde ist, wird zur Vorfahrin des Herrn Jesus. Ihr erster Sohn muss für die Sünde des Vaters sterben. Ihr großer Sohn für die Sünde der Welt. Er stirbt den vollkommen unschuldigen Tod für Davids Sünde – und für deine. Und für meine. Das hat Gott nicht im Verborgenen oder nur heimlich für besonders Geliebte oder Begnadete getan, sondern in aller Öffentlichkeit für die Sünden der ganzen Welt. Gott hat nichts von David gefordert, dass er nicht selbst hundertmal mehr bezahlt hat. Auch für dich hat er das getan. Und mich. Er rettet uns vor den ewigen Folgen der Sünde. Er sorgt für das Lamm, das deinen Hunger stillt und dir teure Gnade schenkt. Er schenkt den Sohn, der stirbt, damit du leben und ihm nachfolgen kannst. Und weil dieser Herr alles weiß und ein gnädiger Gott ist, verheimlichen wir nichts vor ihm. Er sieht es sowieso. Er wir sagen es ihm und freuen uns über seine Vergebung und werden befreit von allem Übel zu einem Leben in seinem Licht. Amen.


11. Sonntag nach Trinitatis (Pharisäer und Zöllner)

Wochenspruch
Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.

1. Petrus 5, 5b

Introitus – Nr. 52 (Daniel 9, 18)

Epistel

Gott, der reich ist an Barmherzigkeit, hat in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat, auch uns, die wir tot waren in den Sünden, mit Christus lebendig gemacht – aus Gnade seid ihr selig geworden -; und er hat uns mit auferweckt und mit eingesetzt im Himmel in Christus Jesus, damit er in den kommenden Zeiten erzeige den überschwenglichen Reichtum seiner Gnade durch seine Güte gegen uns in Christus Jesus. Denn aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es, nicht aus Werken, damit sich nicht jemand rühme. Denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, dass wir darin wandeln sollen.

Epheser 2, 4 – 10

Hauptlied
Aus tiefer Not schrei ich zu dir 272

Evangelium

Jesus sagte zu einigen, die sich anmaßten, fromm zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis: Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stand für sich und betete so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme. Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig! Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.

Lukas 18, 9 – 14


liturgische Farbe: grün

Festzeit: Trinitatiszeit

Wochenspruch: 1. Petr 5,5b

Wochenpsalm: Ps 113

Eingangspsalm: Ps 19, Ps 36, Ps 67, Ps 84, Ps 113

Epistel: Eph 2,4-10

Evangelium: Lk 18,9-14

Predigttext: Mt 21,28-32

Wochenlied: 299


Erklärung zu den Perikopen:

Die biblischen Predigttexte sind aufgeteilt in die Perikopenreihen I bis VI. Jede Reihe gilt – beginnend mit dem 1. Advent – fortlaufend für ein ganzes Kirchenjahr (aktuelle Reihe = III). Die einzelnen Reihen haben verschiedene Schwerpunkte (Evangelien, Briefe usw.).


I(Evangelium): Lk 18,9-14

II: Eph 2,4-10

III: Mt 21,28-32

IV: Gal 2,16-21

V: Lk 7,36-50

VI: 2. Sam 12,1-10.13-15a