Christabend 2021

Im Namen Jesu. Amen.

Der Schreck steckte ihnen noch in den Gliedern. Da waren die Feinde aus dem Norden in Israel eingefallen, sie hatten das Land erobert und seine Einwohner deportiert, für immer über die damalige Welt zerstreut und zerstoben. Angst und Schrecken herrschten auch im kleinen Südreich Juda mit seiner Hauptstadt Jerusalem. Angst vor Einbruch und Angriff und Verschleppung. Die Leute aus Juda hatten Angst davor, und mit Recht, sie hatten nur noch einen Wunsch: Endlich sicher wohnen zu können. Endlich ohne Angst vor Eindringlingen zu leben, endlich keine Angst vor Abschiebung in ein fremdes Land zu haben.

Der Schreck steckt ihnen noch in den Gliedern: Randalierer und Plünderer sind in die Geschäfte eingedrungen, haben sie leergetragen und abgebrannt. Oder: Es sind Diebe ins Auto eingebrochen, haben es gestohlen. Oder: Es waren Einbrecher im Haus und haben geraubt. Kommen die wieder? Bin auch ich bald dran? Was dann? Die Sehnsucht nach dem sicheren Wohnen, die steckt in uns allen. Kann das mit den Angriffen und Einbrüchen und Plünderungen nicht endlich mal ein Ende haben? Und dann kommen die Wahlen, und diese Fragen werden mit ganz bestimmten politischen Hoffnungen verbunden: Ach, wenn doch nur diese oder jene Partei regieren würde, dann würde endlich Frieden im Lande herrschen, dann wären wir endlich sicher!

Gott redet hier mit Menschen, die sich nach Sicherheit sehnen, danach suchen, die in Angst und Sorge ihre Hoffnung auf diesen oder jenen politischen Führer setzen und hoffen, irgendwann sicher und im Frieden zu wohnen. Aber das verspricht Gott nicht. Die Zukunft hängt nicht an Königen und Premiers und politischen Lösungen. Gott wird nicht durch sie seinem Volk Sicherheit und Frieden schenken. Sondern Gott der Herr fängt noch einmal ganz von vorne an. In Bethlehem Efrata. Bethlehem… Nicht blinzeln, wenn du durchfährst, sonst siehst du es nicht. Bethlehem… Klar, damit verbindet man die Verheißungen Gottes an David und durch Davids Nachkommen. Aber inzwischen war David tot und sein Königreich auch, das Ganze verbockt und das Land verzockt und das Volk erstmal lange im Ausland gehockt. Bethlehem… Ein Fleck, wo bloß der Weg etwas breiter wird. Bethlehem… Da will man nicht mal mehr tot über dem Zaun hängen, das dachten die meisten.

Aber so handelt Gott. Völlig unerwartet, wählt die unwahrscheinlichsten Typen an den unwahrscheinlichsten Orten und schafft unerwartet Großes durch sie. Nicht den starken Ischmael macht er zum Erben, sondern den Isaak, der so unwahrscheinlich zuletzt noch zur Welt kommt. Nicht der erstgeborene Esau erbt den Segen, sondern der Betrüger Jakob. Nicht der hochgeborene und hochgewachsene Saul wird Patriarch der ewigen Königsdynastie, sondern der schwächste aus sieben Brüdern, der kleine Schafhirte David. Immer wieder stellt Gott der Herr unser Denken auf den Kopf und zeigt, dass er aus dem Nichts und gegen alle Erwartungen Großes tut. So auch Bethlehem. In diesem Nichts-Dorf beginnt Gott wieder von vorne. Nicht in Rom im kaiserlichen Palast. Nicht im weißen Haus in Washington DC. Nicht in Downing Street Nr. 10. Nicht im Reichstag zu Berlin. Nicht einmal in Jerusalem im Königspalast. Sondern im Ziegen- und Schafdorf Bethlehem. Dorthin kommt ein neuer David. Der Nachkomme Davids. Und gleichzeitig wird er seinen Ausgang von Gott selber haben und seinen Ursprung aus der Ewigkeit, von Gott selbst. Und er wird der wirklich gute Hirte sein, der sein Volk nicht zu seinem eigenen Vorteil weiden wird, sondern selber in seiner Person der Friede sein wird.

[V.3] Heute Abend feiern wir aufs Neue die Erfüllung der Versprechen Gottes, feiern diesen Führer mit seinem wunderbaren Frieden. Wir würden ihn unter den „Royals“ in Jerusalem suchen als einen, der vor Kraft und Ehre strotzt und die Dinge aufwirbelt, der mächtig und gewaltig mit Glanz und Gloria und Pracht und Herrlichkeit einherfährt. Aber der Nachkomme Davids kommt als Sohn eines Zimmermanns, als Baby einer Jungfrau, als Nachkomme einer herabgekommenen Dynastie in einer Futterkrippe neben leise stinkendem Ziegenfell und laut kauenden Schafszähnen zur Welt, Gott im Fleisch, Gott, der Windeln trägt. Sein Wort sagt dir, was dein Auge dir verschweigt. Dieses Baby ist der Herr, der Messias, der Christus, der gute Hirte. Lass dieses Wort dich heute erneut packen. Lass die Arbeit warten und die Geschäftigkeit ruhen, sei nicht zu beschäftigt, herzukommen und hinzuhören und anzubeten. Du brauchst nicht nach Bethlehem zu fliegen, denn Bethlehem reist heute Abend zu dir. Hier darfst du singen mit den Engelchören: Ehre sei Gott im Himmel und auf Erden, und Friede den Menschen seines Wohlgefallens, hier darfst du staunen mit Hirten und anbeten mit Zeichendeutern und Sternkundigen.

Unsere Hoffnung liegt nicht in dem, was Menschen erreichen können. Unsere Hoffnungen liegen allein darauf, dass Gott mit uns Menschen einen Neuanfang gemacht hat, dass er den einen guten Hirten geschickt hat, der im Unterschied zu allen Königen und politischen Führern diesen Namen wirklich verdient. Er muss bald schon nach seiner Geburt am eigenen Leibe erfahren, was es heißt, unsicher leben zu müssen. Er muss fliehen aus seinem Land, ohne sicheren Wohnort leben, mächtige Männer wollen ihn töten, als Messias lebt er unstet und flüchtig, weiß morgens nicht, wo er abends sein Haupt hinlegen wird. Wie gefährdet und unsicher sein Leben ist, muss er schließlich in der Hauptstadt vor Königen, Richtern und Henkern erfahren und erst durch die Erhebung ans Kreuz in Not und Tod seinen Thron besteigen. Da gibt der gute Hirte sein Leben in größter Unsicherheit – für sein Volk. Für dich.

Was wird nun aus unserem sicheren Wohnen? Ihr Lieben, immer wieder erleben wir, dass unser Glaube an Jesus Christus uns nicht vor Einbrüchen und Plünderungen, Raub und Diebstahl bewahrt. Dass wir immer wieder enttäuscht werden, wenn wir unsere Hoffnung auf irdische Führer und Lösungen setzen. Es gibt nur einen, der wirklich hält, was er verspricht. Der, der diese Nacht unscheinbar in Bethlehem geboren wurde. Micha vergleicht die Zeit, in der damals seine Zuhörer lebten, mit den Wehen vor einer Geburt. Wehen tun bekanntlich weh, sie bringen Angst und Sorge mit sich. Wir leben auch noch in einer Zeit der Wehen, in einer Zeit, in der uns das Unrecht wehtut. Aber Wehen haben ein Ziel: am Ende entsteht riesige Freude über neues Leben. [3b-4a] Das ist sein Ziel für dich. Er gibt sich dir selbst als Brot des Lebens, damit du durchhalten kannst in allen Wehen. In ihm wohnst du sicher, in ihm hast du Frieden fürs Leben. Lass dich nicht dadurch stören, dass er so scheinbar klein und schwach als armes Baby kommt. Er ist und bleibt doch dein Hirte, der für dich sorgt, dein König, der recht regiert, dein Retter, der aus der Ewigkeit zu dir gekommen ist, um dir ein ewiges Zuhause zu schenken. Bei ihm bist du gut aufgehoben. Das wussten schon die Tiere. Bei ihm brauchst du keine Gitter einzubauen, nie abzuschließen. Bei ihm weißt du nicht einmal mehr, wo du deinen Schlüssel abgelegt hast. Und du wirst sicher wohnen, denn so weit die Welt ist, so herrlich wird er werden. Und er wird dein Friede sein. Amen.