Miserikordias Domini (Der gute Hirte)
In vielen Kulturen grüßt man sich mit einem netten Wunsch wie „guten Tag“ – oder mit einem einfachen Grußwort „Hallo“. Dagegen hat die Zulukultur einen eigentümlichen und gleichzeitig wunderbar durchdachten Gruß: Sawubona, bzw. sanibonani. Ich sehe dich (euch). Andere Menschen wirklich zu sehen ist die Grundlage für den gegenseitigen Respekt. Das zeigt auch schon seine Grundbedeutung im ursprünglichen Latein – das Wort „respicere“ bedeutet beachten, berücksichtigen. Wenn ich jemanden sehe, beachte, erweise ich ihm Respekt. Dann kann ich nicht rücksichtlos oder achtlos an ihm vorbeigehen, sondern ich sehe ihn als Mensch, ich nehme ihn wahr, ich beachte ihn. Und er wiederum fühlt sich beachtet und – respektiert. In der Zulukultur gelten bei diesem Gruß bestimmte Regeln. Es wird erwartet, dass der, der einen Besuch macht, zuerst die schon Anwesenden grüßt. Und wenn sich eine ältere und eine jüngere Person begegnen, dann soll die jüngere Person anhalten, innehalten und die ältere Person grüßen, und nicht umgekehrt. Der mit geringerem Status grüßt den mit größerem Status. Das erweist Respekt.
Eigentlich kennen wir das aus unserer Kultur auch. Kinder gelten als wohlerzogen, wenn sie bei einer Begegnung ältere Personen grüßen. Diese Sitte hat aber ein wenig nachgelassen in unseren Kreisen. Liebe Kinder, liebe Jugendliche, ich möchte es euch ans Herz legen, dass ihr das macht – dass ihr nicht achtlos an älteren Leuten in der Gemeinde vorbeigeht, sondern von euch aus auf sie zugeht, ihnen in die Augen schaut und sie grüßt. Das lernt ihr an den Schulen sowieso. Aber es ist auch in der Gemeinde eine gute Sitte, denn für ältere Leute bedeutet dieser Gruß sehr viel. Man fühlt sich wahrgenommen, geachtet, respektiert. Wo draußen in der Welt ältere Leute oft nicht mehr wahrgenommen und respektiert oder sogar abgeschoben werden, soll es bei uns anders sein. Ihr Eltern, ich bitte euch, bringt euren Kindern das bei. Denn so spricht der Herr selbst: Vor einem grauen Haupt sollst du aufstehen und die Alten ehren und sollst dich fürchten vor deinem Gott; ich bin der HERR. (3. Mose 19,32)
Nicht gesehen zu werden – nicht beachtet zu werden – nicht respektiert zu werden – das ist furchtbar. Denn es führt zu großer Einsamkeit. Darum geht es uns auch in diesem Abschnitt der Heiligen Schrift – um einen Menschen, der nicht gesehen wird. Nicht beachtet wird. Nicht respektiert wird. Um einen Menschen, der ganz unten angekommen ist. Als Abram und Sarai wegen einer Hungersnot nach Ägypten ziehen mit ihrem Hab und Gut, und sich dort eine Weile aufhalten, eignen sie sich zumindest eine ägyptische Sklavin an. Ob sie Hagar gekauft haben – wir wissen es nicht. Wir wissen nur, dass als Abram und Sarai nach Kanaan zurückziehen, sie eine ägyptische Sklavin besitzen und sie mitnehmen. Hagar heißt sie. Hagar bedeutet: Die Fremde, die Verschleppte, die Emigrierte. Hagar hat keine Wahl, wo sie lebt oder wo sie hingeht. Sie ist Sklavin. Nach damaligem Recht war sie kein Mensch – an sich natürlich schon, aber im juristischen Sinne nicht. Sie muss sich alles gefallen lassen. Nun lebt sie schon jahrelang in der Fremde. Und zwar ganz unten in der Hackordnung.
Abram und Sarai warten immer noch darauf, dass Gott sein Versprechen an ihnen wahrmacht. 10 Jahre sind vergangen, seitdem der Herr ihnen gesagt hatte, er wolle ein großes Volk aus ihnen machen, aber noch immer haben sie kein einziges Kind. Sarai ist inzwischen 75 Jahre alt. Sie sieht der Tatsache ins Auge, sie geht zu Abram und sagt: „So wie der Herr den Himmel verschließt, dass es nicht regnet, so hat er auch mich verschlossen, dass ich nicht Kinder bekomme. So, und nun gehst du zu meiner Sklavin. Vielleicht bekommen wir Nachkommen durch sie.“ Und Abram willigt ein. Nun, ihr Lieben, nach damaligem Recht war das auch ganz in Ordnung, aber schaut mal, was es bedeutet. Die junge Sklavin Hagar wird ohne ihren Willen verheiratet. Sie hat kein Sagen. Sie wird nicht Abrams Frau, sondern Nebenfrau, muss gehorchen, sich hingeben zu einem sexuellen Verhältnis mit einem 85-jährigen Mann. Hagar, die Fremde, muss ein Kind gebären, das ihr nicht gehören wird. Hagar ist einsam, weit entfernt von ihrer Verwandtschaft und Freundschaft, in einem fremden Land bei fremden Leuten, die sie besitzen und über sie bestimmen können, wie es ihnen gefällt. Hagar ist einsam. Und sie wird gedemütigt.
Es kommt, wie es kommen muss – Hagar wird schwanger. Aber damit wendet sich das Blatt gewissermaßen für sie. Denn sie, die Sklavin, die immer übersehen wird, missachtet wird, gedemütigt wird, die Fremde, Außenseiterin, sie schafft gerade in ihrer Demütigung das, was ihre Herrin und Besitzerin, die schöne, reiche Sarai nicht kann – Hagar wird Abram einen Erben schenken. Aber das steigt der Sarai zu Kopf. Sie benimmt sich auf eine unschöne Weise. All den aufgestauten Unmut über ihre Demütigung, die Bitterkeit und Resignation über ihre Lebenslage, das lässt sie nun alles an Sarai aus. Es fallen sarkastische Bemerkungen über Sarai, hässliche Worte, Hagar schaut auf Sarai hinab. Und nun müssen Abram und Sarai lernen, dass ihre Gedanken nicht Gottes Gedanken waren und ihre Wege nicht seine Wege. Bloß weil Gott ihnen etwas versprochen hatte, gab es ihnen nicht das Recht, Gottes Verheißung selbst herbeizuführen. Daraus haben wir auch einiges zu lernen, nicht wahr? Gottes viele Verheißungen an uns geben uns nicht das Recht, voreilig selbst einzugreifen, denn dann pfuschen wir in sein Handeln. Und das kann böse Konsequenzen nach sich ziehen.
So auch bei Abram und Sarai. Sarai beklagt sich bei ihrem Mann: „Das Unrecht, das mir angetan wird, komme über dich! Mann, du hattest letztlich die Verantwortung zu tragen, und nun sollst du es auch tun! Ich, ich habe dir meine Sklavin in den Schoß gesetzt, und nun, da sie sieht, dass sie schwanger ist, bin ich verachtet in ihren Augen! JHWH richte zwischen mir und dir!“ Abram antwortet: „Hör mal zu. Sie ist deine S k l a v i n. Mach mit ihr, was du willst.“ Das tut Sarai auch. Sie fällt über Hagar her wie ein Sack Kartoffeln, hält ihr den Finger unter die Nase, beginnt, sie zu demütigen. Und das wird der Hagar zu viel. Nun reißt ihr der Geduldsfaden, sie flieht bei Nacht und Nebel nach Süden. Offensichtlich will sie nach Ägypten zurück. Nach Hause. Aber – der Weg ist lang. Sie muss durch die Wüste gehen. Und sie ist schwanger. Und sie ist allein. Der Engel des Herrn erscheint. Er findet Hagar bei einem Brunnen. „Hagar, Sarais Sklavin, wo kommst du her und wo gehst du hin?“ Und dann schickt er sie zurück nach Sarai: „Demütige dich unter ihre Hand.“
Hier packt uns das Mitgefühl für diese Frau. Wie kann Gott das von ihr erwarten? Aber, ihr Lieben, wir wollen sehen, was hier alles geschieht. Hagar wird als Sklavin von vielen, vielleicht sogar von allen anderen in ihrem Leben übersehen. Nicht wahrgenommen. Nicht respektiert. Sie ist am Ende ihrer Kräfte und will nur noch weg. Doch sie ist Ausländerin. Gottes Versprechen galt Abram und Sarai, nicht Hagar. Wir würden meinen, wenn Hagar irgendwas von Gott wollte, dann müsste sie sich noch mehr demütigen, durch Abram zu Gott kommen, ihn ehren, ihn respektieren, zu ihm aufblicken, ihn anrufen. Aber nun geschieht genau das Gegenteil. Der Herr kommt zu Hagar. Er sieht sie. Gott hat ihre Einsamkeit gesehen, dort in Sarais Haus. Gott hat ihre Demütigung gesehen. Gott hat auch ihre Schuld gesehen, ihren Stolz und ihren Hochmut, den sie an Sarai ausgelassen hat. Gott sieht das alles. Aber er zieht seine Augen nicht von ihr ab. Er sieht hinter ihr her, er, der Gott Himmels und der Erde, dessen Status höher nicht sein könnte, der kommt zu ihr. Er sieht sie. Er grüßt sie. Er erkennt sie an als Gegenüber, als Mensch. Und er sieht nicht nur sie, sondern eine Zukunft für sie. Ja, sie soll zu Sarai zurückkehren. Aber er sieht sie auch dort. Und er bietet ihr eine Zukunft. Ihren Sohn soll sie „Ismael“ nennen, „der Herr hört“ – aber was hört er? Ismael, „denn der Herr hat dein Elend erhört.“ Ist das nicht bezeichnend: Der Herr erhört Elend? Ja, und dann verrät der Herr Hagar die Zukunft ihres Sohnes: Ein starker, trotziger Mann soll er werden, und Nachkommen soll er der Hagar bescheren, so viele, dass sie der Menge wegen nicht gezählt werden können.
Vielleicht geht es dir ähnlich wie der Hagar. Vielleicht fühlst du dich auch übersehen. Vielleicht bist auch du einsam. In unserem Land sind es sehr viele, denen es so geht. Das ist doch die Ironie: Wo wir heute problemlos über Knopfdruck verbunden sind mit Menschen auf der ganzen Welt, wo wir heute kommunizieren können wie nie zuvor, kommt uns immer mehr die Gemeinschaft abhanden und wir sind einsam als Gesellschaft wie nie zuvor. Südafrika steht an achter Stelle der einsamsten Gesellschaften der Welt. Und was es noch schlimmer macht, ist dass die Einsamkeit nachweislich zu größeren Problemen führt, zu Dingen wie Depression, Ängstlichkeit, Psychosen, Substanzmissbrauch und Selbstmordgedanken.
Was können wir dagegen tun? Erstmal dürfen wir neu erkennen, was Gott für uns tut. Er wartet nicht darauf, dass wir zu ihm kommen, ihn sehen, ihn grüßen, ihn respektieren. Sondern dieser Gott tut das Unfassbare. Er sieht uns, die wir keinen Status haben. Er sieht dich. Er beachtet dich. Er sieht deine Einsamkeit. Er sieht es auch, wenn du gedemütigt wirst, missachtet wirst, übersehen wirst. Er kommt zu dir, grüßt dich. In Jesus Christus kommt der große Gott Himmels und der Erde auf Augenhöhe zu dir. Er sieht deine Schuld, so wie bei Hagar. Aber er lässt dich nicht darin. Er hat dafür vorgesehen. Er lädt deine Schuld auf sich, mit der Strafe und Missachtung und Gottverlassenheit, die Schuld mit sich bringt, all das trägt und erträgt er am Kreuz. Du darfst es wissen und feiern und in Anspruch nehmen und singen: Du, mein guter Hirte, „hattest längst nach deinem Schaf getrachtet, eh‘ es auf des Hirten Ruf geachtet, und mit teurem Lösegeld mich erkauft von dieser Welt.“ Und er ruft dich und mich als Einzelne und als Gemeinde in seine Nachfolge.
Was bedeutet das? Es bedeutet, dass du mit deinen Sorgen und Nöten und Bedürfnissen von Gott beachtet wirst. Deine Familie mag dich übersehen, die andern mögen dich übersehen, vielleicht übersieht dich auch dein Pastor, aber dein Herr, der gute Hirte, sieht dich und beachtet dich und nimmt dich seiner an. Weil das so ist, weil wir von dem heiligen Gott so wertgeachtet sind, darf bei uns in der Gemeinde auch wahre Gemeinschaft entstehen. Dass wir uns Zeit lassen für den Nächsten und ihn beachten. Dass wir die Älteren und Schwachen und am Rande stehenden sehen und respektieren und beachten. Öfter darf ich hören, wie ihr das tut; Menschen melden, wie Glieder unserer Gemeinde sich um sie kümmern. Das ist gut, das wollen wir ausbauen, gegenseitig Lasten tragen und Fürbitte leisten. Einige haben es nämlich noch nicht gespürt; auch sie wollen wir sehen und beachten.
Es bedeutet aber auch, dass wir uns nicht der Gemeinschaft entziehen, sondern das Beisammensein in Gottesdiensten und Gemeinschaft suchen und andern schenken. Aber mehr noch. Es bedeutet, dass wir unser Altenheim kräftig unterstützen, damit die fähigen Leute dort ihre wichtige Arbeit tun können. Und den Pensionierten unserer Gemeinde möchte ich Mut machen, ins Altenheim zu ziehen. Denn dort ist eine Gemeinschaft gegeben, ein Füreinanderdasein, dass man wieder gesehen und beachtet wird.
Nicht gesehen zu werden – nicht beachtet zu werden – nicht respektiert zu werden – ist furchtbar und führt zu großer Einsamkeit. Aber Hagar lernt Gott ganz neu kennen. Er ist ein Gott, der Elend erhört. Und als einige der wenigen in der Schrift gibt sie dem Herrn einen neuen Titel, einen neuen Namen: „Du bist ein Gott, der mich sieht.“ So ist es. Ja, Hagar heißt sie, die Fremde, die Verschleppte. Und sie muss wieder zurück zu Sarai. Aber sie ist nicht allein. Der Herr sieht sie. Das ist doch ganz wunderbar, dass auch wir wissen dürfen, was Hagar weiß: Bei ihm gibt es keine Fremden. Der Herr sieht und versieht uns mit Liebe, Identität und Gemeinschaft. Darum wollen wir uns von diesem guten Hirten finden lassen und ihm treu nachfolgen. Denn er sieht auch unsere Zukunft. Ismael – der Herr hört. Der Herr sieht. Wo er ist, haben wir’s gut. Amen.
Miserikordias Domini (Der gute Hirte)
Wochenspruch
Christus spricht: Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben. Johannes 10, 11a. 27 – 28a
Introitus – Nr. 33 (Psalm 33, 5b. 6a. 1)
Epistel
Christus hat für euch gelitten und euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußtapfen; er, der keine Sünde getan hat und in dessen Mund sich kein Betrug fand; der nicht widerschmähte, als er geschmäht wurde, nicht drohte, als er litt, er stellte es aber dem anheim, der gerecht richtet; der unsre Sünde selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heil geworden. Denn ihr wart wie die irrenden Schafe; aber ihr seid nun bekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.
1. Petrus 2, 21b – 25
Hauptlied
Der Herr ist mein getreuer Hirt 327
Evangelium
Jesus sprach: Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe. Der Mietling aber, der nicht Hirte ist, dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht – und der Wolf stürzt sich auf die Schafe und zerstreut sie -, denn er ist ein Mietling und kümmert sich nicht um die Schafe. Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich, wie mich mein Vater kennt, und ich kenne den Vater. Und ich lasse mein Leben für die Schafe. Und ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall; auch sie muss ich herführen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde und ein Hirte werden. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen. Mein Vater, der mir sie gegeben hat, ist größer als alles, und niemand kann sie aus des Vaters Hand reißen. Ich und der Vater sind eins.
Johannes 10, 11 – 16 u 27 – 30
liturgische Farbe: weiß
Festzeit: Österliche Freudenzeit
Wochenspruch: Joh 10,11a.27-28a
Wochenpsalm: Ps 23
Eingangspsalm: Ps 118
Epistel: 1. Pet 2,21b-25
Evangelium: Joh 10,11-16 (27-30)
Predigttext: Hes 34,1-2 (3-9) 10-16.31
Wochenlied: 274
Erklärung zu den Perikopen:
Die biblischen Predigttexte sind aufgeteilt in die Perikopenreihen I bis VI. Jede Reihe gilt – beginnend mit dem 1. Advent – fortlaufend für ein ganzes Kirchenjahr (aktuelle Reihe = III). Die einzelnen Reihen haben verschiedene Schwerpunkte (Evangelien, Briefe usw.).
I(Evangelium): Joh 10,11-16 (27-30)
II: 1. Pet 2,21b-25
III: Hes 34,1-2 (3-9) 10-16.31
IV: 1. Petr 5,1-4
V: Joh 21,15-19
VI: Hebr 13,20-21