Predigt – Erhöht wie die Schlange – oder: Gift und Gegengift – Lätare 2026

Von allen Ländern der Welt hat Großbritannien den Ruf, das schlechteste Essen zu kochen. Blutwurstpudding; zerhackten Schaflungen in einem Schafsmagen durchgekocht; kalter, in Gelee eingelegter, schleimiger Aal: Die britische Küche. Aber das sind alles Gourmetgerichte im Vergleich zu dem Speiseplan im Esssaal in Oberursel, wo ich Theologie studierte. Da gab es lauwarmen, klumpigen Reis in geschmackloser, klumpiger Soße; von Mayonnaise triefendem, labberigen Gemüse; mysteriöse Fleischgerichte, bei denen man raten musste, was darin enthalten war. Und wir Studenten – haben gemeckert, genörgelt, geschimpft. Meistens unter uns. Vor einer besonders übelriechenden Mahlzeit bestand das Tischgebet aus zwei Wörtern: „Trotzdem – danke.“ Bei den Verantwortlichen hat man höflich Beschwerde eingelegt. Wir boten sogar an, selbst zu kochen. Es half nichts. Wir mussten dort essen. Glücklicherweise war mein Arzt nach wochenlangen Verdauungsbeschwerden bereit, mir eine Bescheinigung auszustellen, dass das Essen mir nicht bekam. Diese Bescheinigung war mein Ticket in die Freiheit. Ab dann durfte ich selbst kochen. Daraus habe ich drei Dinge gelernt: 1. Es gibt Schlimmeres als die britische Küche; 2. wie sinnlos es ist, vor sich hin zu meckern, zu klagen und zu schimpfen; und 3. wie befreiend Hilfe von außen sein kann.

Wir sind Meister im Murren und Meckern. Uns ist das Wetter zu kalt, die Straße zu schlecht, das Fleisch zu teuer usw. Meckern. Murren. Jammern. Das taten die Menschen Israels in der Wüste auch. Schon mal wieder. Sie waren 40 Jahre lang in der Wüste. Der Herr war 40 Jahre lang bei ihnen. Der Herr hat sie 40 Jahre lang geführt. Der Herr hat sie 40 Jahre lang ernährt. Und sie erreichen fast die Grenze des verheißenen Landes. Sie sind so nah, fast schon da. Sie gewinnen eine letzte große Schlacht, einen großen Sieg. Und nun steht ihnen nur noch ein Land im Weg, namens Edom. Aber anstatt durch Edom zu ziehen, führt Gott sie um das Land herum. Für den Moment entfernen sie sich wieder vom gelobten Land, laufen in die andere Richtung, verlieren die Beherrschung. Und es heißt: „Die Stimmung des Volkes wurde kurz wegen des Weges.“ Sie verlieren die Geduld, fangen an zu murren, zu nörgeln, sich zu beschweren. Wenn man verärgert ist, regt man sich selbst über die kleinsten Dinge auf. Sich über Kleinigkeiten zu beschweren, ist oft Zeichen einer zugrundeliegenden Unzufriedenheit. Sie beschweren sich über Gottes Speiseplan: [5b] Wohlgemerkt: sie litten keinen Hunger. Und im Gegensatz zu unserem Studentenessen war das Manna lecker. Doch sie haben es satt. Sie beschweren sich über das Essen. Aber: Im Grunde sind sie unzufrieden über Gottes Führung. Darüber beschweren sie sich: über Gottes Befreiung aus Ägypten; über Gottes Weg durch die Wüste; über Gottes Versorgung. Sie wären lieber von Peitschen getrieben und lebenslänglich Sklaven als Gottes Bundesvolk, und so beschweren sie sich über Gottes Segen.

Gott reagiert darauf, indem er ihnen seinen Segen entzieht. Auf ihre direkte Beleidigung reagiert er, indem er giftige Schlangen auf sie loslässt. Stellt euch das vor: Schlangen in der Bettwäsche. Schlangen auf den Zeltdächern. Schlangen im Kochtopf. Schlängelnde, schleichende Schlangen überall, man kann kaum einen Schritt tun, ohne auszurutschen und über noch mehr Schlangen zu stolpern. Und sie beißen, und ihre Bisse töten. Gottes Volk verachtet die Nahrung, die ihm Leben schenkt, und wählt damit den Tod.

Und wir? Je mehr wir unserer Unzufriedenheit Luft machen, meckern und jammern, weil der liebe Gott nicht nach unserer Pfeife tanzt, je mehr üben wir uns in der Undankbarkeit. Und das hat Folgen. Meistens schickt Gott der Herr keine feurigen, beißenden Schlangen in unsere Gemeinden. Aber er wird dennoch zornig über uns, wenn wir die Fürsorge und Speise verachten, die er uns gibt, die uns Leben schenkt. Erstens Gut und Nahrung; zweitens spreche ich von der Speise des Lebens, die der Herr uns in seinem Abendmahl gibt.

So unfassbar es scheinen mag: Die feurigen Schlangen sind Gottes Lehrer. Sie lehren uns die rechte Gottesfurcht. Der Gott Himmels und der Erden ist kein niedliches Kuscheltier, das uns jede Woche ein paar Streicheleinheiten schuldig ist. Wir sollen Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen! Wie leicht vergessen wir das. Die Schlangen machen deutlich, was Jesus selbst sagt: Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können. Fürchtet euch aber viel mehr vor dem, der Seele und Leib verderben kann in der Hölle. (Mt 10,28) Wir haben Gott immer mit Ehrfurcht und Respekt zu begegnen. Denn die einzige Alternative zu Gottes Segen ist Gottes Zorn. Der Herr will die tief in uns verwurzelte Vorstellung ausrotten, dass wir es besser wissen als er, dass wir für uns selbst sorgen können. Gottes Segen abzulehnen bedeutet, Gottes Zorn zu wählen. Das Ergebnis ist der Tod. Erst als Gottes Volk dies erkennt und Gottes Zorn es zur Besinnung gebracht hat, tut es Buße und wendet sich an den Mittler Mose: [7] Und nun tut Mose den rechten Mittlerdienst und bittet für sie zum Herrn. Gottes Kinder lernen, was auch wir durch Gottes Gnade lernen: Dass deine Unzufriedenheit dich blendet, sodass du Gottes Segen nicht mehr erkennst; dass der Weg zurück zu ihm über Umkehr, Buße, Sündenbekenntnis, einen Mittler und dann zu Gottes gnädigem Erhören, Antworten und seiner Wiederherstellung führt. Im Römerbrief fragt dich Gottes Wort: Verachtest du den Reichtum seiner Güte, Geduld und Langmut? Weißt du nicht, dass dich Gottes Güte zur Buße leitet? (Röm 2,4) Dass du Buße tun kannst und noch Zeit hast dazu, das ist nicht Gottes Gesetz. Es ist seine Güte, seine Liebe und Barmherzigkeit. Er schenkt Buße und den rechten Mittler, Christus, der für dich spricht und betet. Und deswegen hast du Grund zur Freude!

Schaut genau hin. Die Schlangen sind immer noch da und beißen. Gott hätte sie schnell verschwinden lassen können – doch das Volk hätte ihn und seine Hilfe ebenso schnell vergessen. Wenn Gott unsere Gebete schnell erhört, verlieren wir manchmal auch genauso schnell wieder das Interesse an ihm. Stattdessen antwortet Gott auf Moses Bitte auf andere Weise: [8]. Gott nimmt die Schlangen nicht weg. Stattdessen bietet er ein Gegengift an. Und es kommt in Form eines Sakraments: Er gibt ein Zeichen mit einer Verheißung: Eine Schlange aus Bronze auf einer Stange. Wie kann Bronze solche großen Dinge tun? Bronze tut’s freilich nicht, sondern das Wort Gottes, so mit und bei der Bronze ist, und der Glaube, so solchem Worte Gottes in der Bronze trauet. Ja, und was sagt das Wort Gottes? Es sagt zu Mose: Mach eine feurige Schlange. Seltsam! Das Heilmittel sieht aus wie das Gift. Die eherne Schlange wirkte nicht wie Zauberei. Sie forderte die Menschen auf, ihre Sünde zu bekennen und ihr Vertrauen auf Gottes Wort allein zu setzen. Stell dir vor, wie schwer das gewesen sein muss. Überall von Schlangen gebissene, von Schlangen getötete Menschen, und genau die Schlangen, die das getan haben, schlängeln sich auf dich zu. Und Gott sagt: Was schaust du da an? Schau weg! Höre auf mein Wort; vertraue mir; schau auf mein Heilmittel! Aber das Heilmittel sieht genauso aus wie der Fluch. Das Heilmittel sieht aus wie die Personifizierung von Gottes Zorn. Es zeigt, dass Gottes Zorn nicht einfach verschwindet. Menschen müssen dem Bild von Gottes Zorn in die Augen schauen. Und – so widersprüchlich es scheinen mag – wird dieses Abbild von Gottes Zorn ihre Rettung sein. [9]

Alle Menschen auf dieser Erde seit Adam und Eva kommen mit Schlangenbiss auf diese Welt. Das Gift der Schlange fließt auch in unseren Adern. Diese Schlange hat immer noch Macht, viel Unheil zu tun. Gott hat diese Schlange auch nicht weggenommen – noch nicht. Stattdessen hat er ein Heilmittel bereitgestellt. Ein Gegengift. Nein, keine zweite Bronzeschlange auf einer Stange, sondern das, worauf der Schatten hinwies: Wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben (Joh 3,14f) Weißt du, wie man Gegengift herstellt? Man spritzt einem Pferd, einem Schaf oder einem Lamm Gift ein, und wenn das Tier eine Immunität dagegen aufgebaut hat, werden Antikörper gewonnen, und daraus wird ein Gegengift hergestellt. So wurde auch das Lamm Gottes am Kreuz erhöht, um das Gift für dich in sich aufzunehmen. Der Vater ließ ihn vor aller Welt als das Abbild seines Zorns erscheinen. Christus nahm den Stachel der Sünde mit der vollen Kraft des Zorns Gottes auf sich. Das Gift war so stark, dass er sterben musste.

Aber weil er wieder lebt – und nicht anders – hat er das einzige Gegengift gegen den Schlangenbiss erzeugt. O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege! (Röm 11) Rückkehr unter den Segen Gottes. Freude! Das Gegengift von dem, der das Heil ist. Rückkehr zu Gottes Führung, Gottes Gegenwart, zum Leben. Das christliche Leben ist wie die Zeit der Kinder Gottes in der Wüste. Manchmal erlebst du große Siege des Glaubens, manchmal aber Entbehrungen, Lasten, schwieriges Vorankommen. Manchmal führt dieser Weg scheinbar in die völlig falsche Richtung. Worauf legst du Wert? Achtest du nur auf das, was du nicht hast? Wenn der Herr dir Lasten auferlegt, wie redest du darüber, und mit wem? Christus ruft dich auf, ihm deine Last zu bringen, sie ihm zu sagen, nicht blind auf drohende Gefahren und Nöte zu starren – sondern auf ihn zu schauen, der erhöht wurde. Jesus hat das Leben als Jünger nicht schöngeredet. Es können schwere Zeiten kommen. Aber wenn sie kommen, schaut im Glauben auf den Menschensohn, der hoch am Kreuz erhoben ist. Vielleicht lautet auch euer Gebet mal: Trotzdem – danke. Dennoch: seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus an euch. (1. Thess 5,17) Folgt Christus, denn dann kommt ihr heil in das bessere gelobte Land. Er lädt euch an seinen Tisch, um dort dankbar sein himmlisches Manna und das lebensspendende Gegengift in seinem Blut zu empfangen. Das ist der beste Speiseplan, den es gibt. Lasst euch stärken. Und freut euch! Amen.

Soli Deo Gloria


Latäre (Das Brot des Lebens)

Wochenspruch
Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt
es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.
Johannes 12, 24

Introitus – Nr. 24 (Jesaja 66, 10; Psalm 84, 6 u 8)

Epistel Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, der uns tröstet in aller unserer Trübsal, damit wir auch trösten können, die in allerlei Trübsal sind, mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott. Denn wie die Leiden Christi reichlich über uns kommen, so werden wir auch reichlich getröstet durch Christus. Haben wir aber Trübsal, so geschieht es euch zu Trost und Heil. Haben wir Trost, so geschieht es zu eurem Trost, der sich wirksam erweist, wenn ihr mit Geduld dieselben Leiden ertragt, die auch wir leiden. Und unsre Hoffnung steht fest für euch, weil wir wissen: wie ihr an den Leiden teilhabt, so werdet ihr auch am Trost teilhaben.

2. Korinther 1, 3 – 7

Hauptlied
Jesus, meine Freude 332

Evangelium Es waren aber einige Griechen unter denen, die heraufgekommen waren, um anzubeten auf dem Fest. Die traten zu Philippus, der von Betsaida aus Galiläa war, und baten ihn und sprachen: Herr wir wollten Jesus gerne sehen. Philippus kommt und sagt es Andreas, und Philippus und Andreas sagen’s Jesus weiter. Jesus aber antwortete ihnen und sprach: Die Zeit ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht. Wer sein Leben lieb hat, der wird’s verlieren; und wer sein Leben auf dieser Welt hasst, der wird’s erhalten zum ewigen Leben. Wer mir dienen will, der folge mir nach; und wo ich bin, da soll mein Diener auch sein. Und wer mir dienen wird, den wird mein Vater ehren.

Johannes 12, 20 – 26


Lehrgottesdienst

 


liturgische Farbe: violett

Festzeit: Fastenzeit

Wochenspruch: Joh 12,24

Wochenpsalm: Ps 84

Eingangspsalm: Ps 34

Epistel: 2. Kor 1,3-7

Evangelium: Joh 12,20-26

Predigttext: Joh 6,55,65

Wochenlied: 98 und 396


Erklärung zu den Perikopen:

Die biblischen Predigttexte sind aufgeteilt in die Perikopenreihen I bis VI. Jede Reihe gilt – beginnend mit dem 1. Advent – fortlaufend für ein ganzes Kirchenjahr (aktuelle Reihe = III). Die einzelnen Reihen haben verschiedene Schwerpunkte (Evangelien, Briefe usw.).


I(Evangelium): Joh 12,20-26

II: 2 Kor 1,3-7

III: Joh 6,55,65

IV: Phil 1,15-21

V: Joh 6,47-51

VI: Jes 54,7-10