Predigt – Gottes Blick auf die Kreuzigung – Karfreitag – 2026

Mit ganz unterschiedlichen Augen haben wir uns in der Passionszeit dieses Jahr befasst – mit verräterischen Augen (Judas), schläfrigen Augen (die drei Jünger im Garten), verleugnenden Augen (Petrus), mordlustigen Augen (Hohenpriester und Schriftgelehrten), weltliche Augen (Pontius Pilatus, die römischen Soldaten und die jüdischen Menge) und zuletzt kritischen und verständnislosen Augen wie die der Zuschauer bei der Salbung des Königs Jesus mit dem so teuren Parfüm. Gestern Abend wurde deutlich, dass beim letzten Passafest und ersten Abendmahl viel mehr läuft, als man auf den ersten Blick erkennen kann. Morgen kommen uns die trauernden Augen der Frauen in den Sinn, wie sie auf das versiegelte Grab Jesu schauen, und am Sonntag wollen wir das leere Grab mit den Augen des Engels betrachten. Heute aber gehen wir dem nach, was die Bibel uns über Gottes Augen sagt, wie Gott der Vater, der Sohn und der Heilige Geist die Kreuzigungsah und was sie für uns erreicht hat.

Was sieht Gott der Vater am Karfreitag? Er sieht, was kein Vater jemals sehen will, er sieht, was Abraham zuletzt doch nicht sehen musste, er sieht seinen einziggeborenen Sohn, wie er ungerecht an ein römisches Kreuz genagelt wird, leidet, blutet, stirbt. Kannst du dir vorstellen, dein eigenes Kind auf diese Weise sterben zu sehen? Es ist unfassbar. Als sündige, sterbliche Menschen können wir ohnehin nicht verstehen, wie es ist, der unsterbliche, heilige Gott zu sein, aber sicherlich war das Herz des Vaters unbeschreiblich betrübt.

Doch noch unfassbarer ist, dass Gott dich so sehr liebt, dass er dies seinem geliebten Sohn auferlegt. Die Schrift sagt, dass der Vater seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern ihn für uns alle dahingegeben hat (Röm 8,32); „Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.“ (Röm 5,8). Am Pfingsttag lässt der Heilige Geist predigen: Diesen Jesus, „der durch Gottes Ratschluss und Vorsehung dahingegeben war, habt ihr durch die Hand der Ungerechten ans Kreuz geschlagen und umgebracht“ (Apg 2,23). Der Vater sagt damit zu dir und mir: Ich habe euch meinen Sohn gegeben, aber ihr habt ihn gekreuzigt und getötet. Gott erhebt seine Anklage nicht nur gegen die Juden, sondern gegen alle Sünder. Ob ein Sünder nun im 1. oder im 21. Jahrhundert lebt, die Schuld ist dieselbe: Wir alle haben den Sohn Gottes durch unsere Sünde gekreuzigt. 

Schau auf deine Hände. Wenn wir unsere Sünde und Unwürdigkeit bekennen, müssen wir uns vorstellen, wie diese Hände Jesus ans Kreuz nageln – ich, ich und meine Sünden…! Doch zugleich geschah seine Kreuzigung, durch „Ratschluss und Vorsehung“ Gottes, des Vaters. Welchen Wert sah der Vater in diesem Plan? Der Vater sah – und nun können wir alle sehen –, wie Gottes eigene Herrlichkeit der Welt offenbart wurde. Dafür hat Jesus nur wenige Stunden vor seiner Kreuzigung gebetet: Jesus „hob seine Augen auf zum Himmel und sprach: Vater, die Stunde ist gekommen: Verherrliche deinen Sohn, auf dass der Sohn dich verherrliche; so wie du ihm Macht gegeben hast über alle Menschen, auf dass er ihnen alles gebe, was du ihm gegeben hast: das ewige Leben. Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen. Ich habe dich verherrlicht auf Erden und das Werk vollendet, das du mir gegeben hast, damit ich es tue.“ (Joh 17,1–4).

Der Vater und der Sohn erkennen beide ihre Herrlichkeit darin, Sündern Barmherzigkeit zu erweisen. Das ist es, was das Ganze soll, was Gott durch das vollkommene Leben, Leiden, den Tod und die Auferstehung Christi bezweckt. Der Vater sieht, wie Jesus all deine Sünden auf sich ans Kreuz nimmt, sogar die Sünde, seinen Sohn gekreuzigt zu haben. Ja, mehr noch, er sieht, wie sein brennender Zorn über die Sünde von den Sohn ausgetrunken wird und sein Leben fordert und sein rotes Blut vergießt. Der Vater sieht, wie Jesus an deiner Stelle Gottes Zorn auf sich nimmt und stirbt, um dich zu retten, damit du lebst.

Was sieht Gott der Sohn am Karfreitag? Jesus wusste immer schon, dass sein Name „der Herr rettet“ bedeutet; daher sieht er sich selbst als Zielscheibe des Zornes des Vaters, dich aber als Zielscheibe seines Heiles. Er schluckt den Zorn seines Vaters bis auf den letzten Tropfen, er erkennt, wie sein Vater ihn verlässtund ruft seinem Vater nach, schreit es aus: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Doch dies ist kein Schrei der Verzweiflung. Er leidet unter der Verlassenheit durch seinen Vater, er leidet die Qualen aller verdammten Sünder, doch er schaut nach wie vor mit vollkommener Liebe und Vertrauen auf seinen Vater: „Mein Gott“, ruft er mit gebrochener Stimme, aber ungebrochenem Glauben. Mit den Worten „Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände!“ (Lk23,46) haucht er seinen letzten Atemzug aus. Er weiß, dass sein Vater ihn immer noch liebt und ihn am dritten Tag von den Toten auferwecken wird. Mit diesem Geistesblick und in diesem Vertrauen stirbt er.

Was sieht Jesus am Karfreitag, wenn er euch und alle Sünder ansieht? Er erkennt euch und mich als Ursache seines Leides, aber er hält es nicht gegen uns. Das Lamm Gottes trägt dies in Geduld. Er will nichts anderes als euer Erlöser sein. Er schaut euch an und betet: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Er blickt in eure sündigen Augen und sagt: „Ich liebe euch trotzdem. Mein Vater und ich lieben euch so sehr, dass wir dieses Opfer für euch bringen. Ich opfere mich an eurer Stelle unter dem Zorn des Vaters, um euch von euren Sünden zu erretten und euch vor der Hölle zu bewahren.“

Und der Heilige Geist, was sieht er am Karfreitag? Erstens sieht er den Sohn und eilt Jesus zu Hilfe, als dieser sein Leben dem Vater als Lösegeld darbringt. Gott verrät uns die Einzelheiten nicht, doch im Hebräerbrief sagt er, dass Christus „sich selbst als Opfer ohne Fehl durch den ewigen Geist Gott dargebracht hat“ (Heb 9,14) und so durch das Blut seines Kreuzes eure Erlösung vollbracht hat.Jesus hatte bei seiner Taufe den Geist in Fülle empfangen, und wir wissen, dass der Geist der Helfer ist; und so half der Heilige Geist Jesus nicht nur während seines irdischen Wirkens, alle Gerechtigkeit zu erfüllen, sondern half ihm auch, sich am Kreuz dem Vater darzubringen.

Dann sieht der Geist am Karfreitag, dass alles, was für deine Erlösung notwendig ist, durch den Sohn vollbracht wird. Auch darüber hatte Jesus nur wenige Stunden vor seinem Tod geredet und versprochen: „Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in aller Wahrheit leiten. … was zukünftig ist, wird er euch verkündigen. Er wird mich verherrlichen; denn von dem Meinen wird er’s nehmen und euch verkündigen. Alles, was der Vater hat, das ist mein. Darum habe ich gesagt: Er nimmt es von dem Meinen und wird es euch verkündigen. (Joh16,13-15). Hier sehen wir die Heilige Dreieinigkeit, wie sie in ihrer natürlichen, vollkommenen Harmonie zusammenarbeitet. Der Vater gib dem Sohn die Aufgabe, die Menschheit zu erlösen. Der Sohn nimmt diese Aufgabe bereitwillig auf sich. Und der Heilige Geist verkündet euch freudig diese Botschaft, damit ihr den Segen bekommt, den der Opfertod des Sohnes bewirkt hat.

Der Heilige Geist nimmt, was Christus gehört, und verkündet es euch. Er nimmt die Gerechtigkeit Jesu und gibt sie in das Wasser der Heiligen Taufe, damit es zu einem gnadenreichen Wasser wird, das lebendig macht, und zu einem Bad der Wiedergeburt in Gottes ewiges Reich. Er nimmt die Vergebung Jesu und verkündet sie euch durch das Evangelium und durch die Worte der Absolution. Und er gibt durch das Wort Jesu den Leib und das Blut, die am Kreuz für dich hingegeben wurden, damit du sie im Heiligen Abendmahl zur Vergebung der Sünden, zum Leben und zum Heil empfängst.

Am Karfreitag sehen Gottes Augen alles, was es kostet, und alles, was nötig ist, um dich von Sünde, Tod und Hölle zu erretten. Und nun, wenn der Vater dich ansieht, sieht er Christi willen vergeben wird, der Sohn rechnet dir seine eigene Gerechtigkeit an, und der Heilige Geist macht dich zu einem Teilhaber an der Heiligkeit Jesu. Du bist getauft im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes; halte daher diese Wahrheit stets in deinem Gedächtnis, in deinem Herzen und vor deinen Augen: Wenn Gott dich ansieht, sieht er den Augapfel seines Auges, sein geliebtes Kind, das mit Christus in den Tod begraben wurde und zu neuem, ewigem Leben mit ihm auferweckt ist. Durch diese herrliche Sichtweise lehrt Gott dich, auch dich selbst recht zu sehen. Amen.


Karfreitag (Die Erhöhung ans Kreuz)

Tagesspruch
Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.

Johannes 3, 16

Introitus – Nr. 28 (Johannes 1, 29; Psalm 22, 2 u 20)

Epistel

[Wenn einer für alle gestorben ist, so sind sie alle gestorben. Und er ist darum für alle gestorben, damit, die da leben, hinfort nicht sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben und auferstanden ist. Darum kennen wir von nun an niemanden mehr nach dem Fleisch; und auch wenn wir Christus gekannt haben nach dem Fleisch, so kennen wir ihn doch jetzt so nicht mehr. Darum: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden. Aber das alles von Gott, der uns mit sich selber versöhnt hat durch Christus und uns das Amt gegeben, das die Versöhnung predigt.] Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. So sind wir nun Botschafter an Christi Statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi Statt: Lasst euch versöhnen mit Gott! Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.

2. Korinther 5, [14b – 18] 19 – 21

Hauptlied
Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld 158

Evangelium

Pilatus überantwortete Jesus, dass er gekreuzigt würde. Sie nahmen ihn aber, und er trug sein Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, auf Hebräisch Golgatha. Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere zu beiden Seiten, Jesus aber in der Mitte. Pilatus aber schrieb eine Aufschrift und setzte sie auf das Kreuz; und es war geschrieben: Jesus von Nazareth, der König der Juden. Diese Aufschrift lasen viele Juden, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt. Und es war geschrieben in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache. Da sprachen die Hohenpriester der Juden zu Pilatus: Schreib nicht: Der König der Juden, sondern, dass er gesagt hat: Ich bin der König der Juden. Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben. Als aber die Soldaten Jesus gekreuzigt hatten, nahmen sie seine Kleider und machten vier Teile, für jeden Soldaten einen Teil, dazu auch das Gewand. Das war aber ungenäht, von oben an gewebt in einem Stück. Da sprachen sie untereinander: Lasst uns das nicht zerteilen, sondern darum losen, wem es gehören soll. So sollte die Schrift erfüllt werden, die sagt: „Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben über mein Gewand das Los geworfen.” Das taten die Soldaten. Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala. Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn! Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich. Danach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet. Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und steckten ihn auf ein Ysoprohr und hielten es ihm an den Mund. Als nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht! und neigte das Haupt und verschied.

Johannes 19, 16 – 30