Predigt zu Karfreitag, den 10. April 2020
Christusgemeinde Kirchdorf
- Kor 5,19-21 I.i.
19 Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. 20 So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott! 21 Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.
Von A.T.L. Armstrong stammt eine Erzählung vom Weltgericht. Da versammeln sich Völker am Ende der Zeit vor Gottes Thron, darunter auch eine Gruppe, die hitzig miteinander diskutiert. „Wie kann Gott über uns zu Gericht sitzen?“, faucht eine Jüdin, die man mit 17 in Auschwitz in die Gaskammer gebracht hatte: „Was versteht der Ewige schon von Gerechtigkeit?“ Ein schwarzer Mann aus Amerika, der mit seinem kleinen Jungen von Weißen misshandelt, geteert und gefedert und schließlich aufgehängt worden war, stimmt ihr zu. Mehrere andere erzählen ihre Leidensgeschichten. Die andern hören zu, am Ende einigt man sich darauf, dass Gott, bevor er sie nun alle richten darf, zuerst all das ertragen muss, was sie erlitten haben. Gott soll als Jude im finstersten Winkel der Welt geboren werden, schon als Kind auf die Flucht müssen, später von den eigenen Freunde verraten, aufgrund falscher Anschuldigungen angeklagt, von einem voreingenommenen Gericht verhört, gefoltert und von einem feigen Richter zum Tode verurteilt werden. Ein Haufen hartgesottener Männer soll ihn halb totschlagen und ihn nackt so aufhängen, dass er erst nach stundenlanger Todesqual verendet; noch im Verröcheln verspottet von teilnahmslosen Zuschauern. Nachdem dieses Urteil über Gott verkündet ist, erhebt sich ein großes Gemurmel in der Menge, gefolgt von einem langen Schweigen. Alle, die Gott verurteilt hatten, sehen sich betroffen an. Keiner wagt mehr, etwas zu sagen. Denn plötzlich weiß es jeder: Gott hat genau dieses Leiden in seinem Sohn Jesus Christus auf sich genommen.
Christus ist mitten in das Leiden dieser Welt hineingekommen. Einige von uns kennen das Leid. Wer selber viel leidet oder gelitten hat, hat immer wieder mit Zorn über Gott zu kämpfen, weil es uns nicht einleuchtet, wie er solch Schweres über seine Kinder kommen lassen kann, weil er so lange scheinbar nichts von sich hören lässt. Aber der Karfreitag macht deutlich: Gott der Herr kennt Leid nicht vom Hörensagen. Er begibt sich in die Mitte des Leidens. Er verkörpert das Leiden, er nimmt es buchstäblich in sich auf. Und das, obwohl er es nicht verschuldet hat, obwohl er in keiner Weise dazu beigetragen hat – unschuldig trägt und erträgt er das Leid der Welt.
Aber wer wirklich bissig sein will, mag einwenden: Das ist ja schön und gut, was der Herr Jesus da für uns tut und erleidet, aber – er hatte die Wahl. Er hat sich das Leiden ausgesucht und es freiwillig ertragen. Ich nicht. Lieber Freund, wer das sagt, der hat noch viel über Gott und über das Herz Gottes zu lernen. Ja, es stimmt, der Herr Jesus hat sich ergeben in das Leiden, hat es auf sich genommen; er hätte auch nein sagen können, wieder und immer wieder; hätte 12 Legionen Engel herbeirufen und sich im Nu befreien lassen können; hätte sich gegen Pontius Pilatus verteidigen können; hätte sich vom Kreuz losreißen können; hätte seinen Peinigern und den Spöttern nach ihren Werken vergelten können. Warum tat er es nicht? Stattdessen sagt er: Ja, Vater, ja, von Herzensgrund, leg auf, ich will dirs tragen… Jesus selbst erklärt sein Leiden den Emmausjüngern so: „Musste nicht Christus dies erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen?“ Er musste es tun, musste das Leiden auf sich nehmen, musste den bitteren, qualvollen Tod ertragen. Warum denn?
Weil unsere Lage so furchtbar verfahren war, dass wir uns nicht selbst retten konnten. Schauen wir auf den Herrn Christus und sein Leiden und auf das Wort „muss“, dann wird deutlich: Es ging nicht anders, wenn wir denn errettet werden sollten von einer Ewigkeit in der Hölle in Qual und Pein. Es ging nicht anders. Die Brutalität des Leidens und des Sterbens Jesu, der Tod Gottes am Kreuz, diese Dinge zeigen: Unsere Sünde ist ein Problem von solcher Enormität, dass es Gott braucht, um es zu lösen. Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.
Warum musste er das Leiden selber ertragen? Als Antwort unterrichtet der Herr Jesus die Emmausjünger über die Heilige Schrift. Er zeigt, dass das ganze Alte Testament sein Kommen und Leiden verspricht, dass Gott sich also selbst in seinem Wort gebunden hat, hat versprochen, Jesus kommt, und um seinen Versprechen treu zu bleiben, um sein Wort zu halten, ging es nicht anders, Jesus musste dies erleiden, am Kreuz sterben, um die Schrift zu erfüllen, weil Gott der Herr sonst zum Lügner gemacht würde.
Warum musste Jesus das Leiden selber ertragen? Weil Gott Gott ist und bleibt. Die Schrift sagt uns: Gott ist die Liebe. Er ist das Wesen der Liebe, der Inbegriff der Liebe, Gott ist Liebe, Luther sagte, Gott ist ein glühender Backofen voller Liebe. Solch ein Gott steht nicht tatenlos herum, während seine Geschöpfe leiden. Er überlässt sie nicht kalt ihrem Schicksal, auch wenn sie es tausendmal verdient haben. Nein, er muss selbst kommen und ihr Schicksal teilen, muss ihr Leiden in sich und auf sich nehmen und ihren Tod sterben, und er muss das, um sich selbst und seinem Wesen treu zu bleiben. Solch einen Gott hast Du. Solch ein Gott kommt in Jesus in diese Welt.
So ernst stand es also uns um Sünder. Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. Hätte Jesus dies nicht getan, wir wären in alle Ewigkeit verloren. Gott der Herr nahm dies auf sich, zahlte diesen furchtbaren Preis, um dich in Ewigkeit bei sich zu haben. Das nennt sich Versöhnung. Versöhnung bedeutet, einen Streit zu schlichten, einen Krieg beizulegen, Frieden zu schaffen. Das hat Jesus getan. Wir waren hoffnungslos mit ihm zerstritten. Aber Gott macht ihn, den Herrn Jesus, der von keiner Sünde weiß, das Bild der Unschuld und Reinheit, den macht er für uns zur Sünde. Das ist die Sünde, die am Kreuz stirbt. Das ist die Sünde, die hingerichtet wird. Die Sünde wird getötet, muss mit dem Leben bezahlen, ihr werden Nägel durch die Hände und Füße geschlagen. Sieh es und staune.
Martin Luther schrieb mal an seinen bekümmerten Freund Georg: „Mein lieber Bruder, lerne Christus, und zwar den Gekreuzigten. Ihm lerne lobsingen und an dir selbst verzweifelnd zu ihm sagen: Du, Herr Jesus, bist meine Gerechtigkeit, ich aber bin deine Sünde. Du hast angenommen, was mein ist, und mir gegeben, was dein ist. Du nimmst an, was du nicht warst, und gibst mir, was ich nicht war. Hüte dich darum, niemals solche Reinheit anzustreben, dass du vor dir nicht mehr als Sünder erscheinen und selbst kein Sünder sein willst. Christus nämlich wohnt nur unter Sündern. Dazu kam er ja vom Himmel, wo er unter Gerechten wohnte, damit er auch unter Sündern Wohnung nähme. Solcher seiner Liebe sinne immer wieder nach, und du wirst seinen überaus süßen Trost sehen. Denn wenn wir nämlich aus eigenen Mühen und Qualen zur Ruhe unseres Gewissens kommen wollen, wozu wäre er dann gestorben? Nein, nur in ihm durch getroste Verzweiflung an dir und deinen Werken wirst du Frieden finden. Dadurch wirst du von ihm lernen, dass gleichwie er dich angenommen und deine Sünden zu den seinen gemacht hat, so hat Er auch seine Gerechtigkeit zu der Deinen gemacht.“
Dieses Heil bietet Gott der Herr immer noch durch seine Kirche an. So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott! „Botschafter“ meint einen bevollmächtigten Herold, der z.B. einer belagerten Stadt das Friedensangebot des Kaisers überbringt. Gott schenkt uns durch seine bevollmächtigten Botschafter Zugang zum Himmel. Der „Frieden Gottes“, den die Botschafter anstelle von Christus in Beichte, Predigt und Abendmahl zusprechen, gilt vor Gott tatsächlich! Merkwürdig nur, dass Gott durch seine Bevollmächtigten uns Menschen bittet: „Lasst euch versöhnen mit Gott!“ Für griechisches Denken ist ein Gott, der bittet, lächerlich, für jüdische und muslimische Frömmigkeit ist solch ein schwacher Gott kein Gott, sondern tiefstes Ärgernis! Für alle religiösen Menschen ist es schlicht Unsinn, dass Gott Frieden am Kreuz schafft und uns anbietet, ohne dass der Mensch sich das irgendwie verdienen kann und muss. Darum ist dieses Friedensangebot Gottes am Kreuz der Kern des Evangeliums: Gott liebt dich und nimmt dich ernst mit deinen Überzeugungen und Lebenseinstellungen und bittet dich heute durch diese Worte neu: „Lass dich versöhnen mit Gott!“ Das heißt, nimm diese Versöhnung an, verlass dich darauf, dass dir der Himmel offensteht und lebe selbst als Bote des Friedens Gottes in der Welt.
Heute ist diese Botschaft aktueller denn je. Ein Pfarrerkollege schickte dieser Tage den Bericht eines Arztes aus Norditalien: „Bis vor zwei Wochen waren meine Kollegen und ich Atheisten. Es war völlig normal, dass wir es waren, die Wissenschaft schloss für mich die Existenz Gottes aus. Ich habe immer darüber gelächelt, dass meine Eltern in die Kirche gingen. Vor neun Tagen kam ein 75 Jahre alter Priester zu uns. Er war ein freundlicher Mann, hatte ernsthafte Atemprobleme, brachte aber eine Bibel mit. Es beeindruckte uns, dass er sie den anderen vorlas und den Sterbenden die Hand hielt. Wir waren alle zu müde, entmutigt, psychisch und physisch fertig, um ihm zuzuhören. Jetzt aber müssen wir es zugeben: Wir Menschen sind an unsere Grenzen gekommen. Wir sind erschöpft, wir haben zwei Kollegen, die gestorben sind, andere von uns wurden infiziert. Wir müssen erkennen, dass wir Gott brauchen. Wir bitten ihn nun um Hilfe, wenn wir ein paar freie Minuten haben. Wir reden miteinander und können es noch nicht glauben, dass wir als Atheisten jetzt jeden Tag auf der Suche nach Frieden sind. Dass wir den Herrn bitten, uns zu helfen, uns Kraft zu schenken, damit wir uns um die Kranken kümmern. Gestern ist der 75-jährige Priester gestorben. Obwohl es in unserem Krankenhaus innerhalb von drei Wochen über 120 Todesfälle gab und wir alle erschöpft und verstört sind, hat es dieser Priester trotzdem geschafft, uns einen FRIEDEN zu bringen, den wir nicht mehr zu finden hofften. Der Hirte ging zum Herrn, und bald werden wir ihm auch folgen, wenn das hier so weitergeht. Ich war seit sechs Tagen nicht mehr zu Hause, ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal gegessen habe. Ich erkenne meine Wertlosigkeit auf dieser Erde an und möchte meinen letzten Atemzug erst machen, nachdem ich anderen geholfen habe. Ich bin froh, zu Gott zurückgekehrt zu sein, während ich vom Leiden und Tod meiner Mitmenschen umgeben bin.“[1] Das ist ein erschütternder Bericht. Das ist getroste Verzweiflung. Und zugleich ein Zeugnis für das Lamm Gottes, den seine glühende Liebe zu uns in das Leiden trieb, um für uns zu sterben. Der Priester hat das Lamm Gottes in die Klinik gebracht. Und mit dem Lamm Gottes Versöhnung mit Gott. Amen.
Soli Deo Gloria
Pastor Dr. Karl Böhmer
ZEIT ONLINE, Beistand statt Social Distancing, vom 25.03.2020, abgerufen am 06.04.2020.
Karfreitag (Die Erhöhung ans Kreuz)
Tagesspruch
Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.
Johannes 3, 16
Introitus – Nr. 28 (Johannes 1, 29; Psalm 22, 2 u 20)
Epistel
[Wenn einer für alle gestorben ist, so sind sie alle gestorben. Und er ist darum für alle gestorben, damit, die da leben, hinfort nicht sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben und auferstanden ist. Darum kennen wir von nun an niemanden mehr nach dem Fleisch; und auch wenn wir Christus gekannt haben nach dem Fleisch, so kennen wir ihn doch jetzt so nicht mehr. Darum: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden. Aber das alles von Gott, der uns mit sich selber versöhnt hat durch Christus und uns das Amt gegeben, das die Versöhnung predigt.] Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. So sind wir nun Botschafter an Christi Statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi Statt: Lasst euch versöhnen mit Gott! Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.
2. Korinther 5, [14b – 18] 19 – 21
Hauptlied
Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld 158
Evangelium
Pilatus überantwortete Jesus, dass er gekreuzigt würde. Sie nahmen ihn aber, und er trug sein Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, auf Hebräisch Golgatha. Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere zu beiden Seiten, Jesus aber in der Mitte. Pilatus aber schrieb eine Aufschrift und setzte sie auf das Kreuz; und es war geschrieben: Jesus von Nazareth, der König der Juden. Diese Aufschrift lasen viele Juden, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt. Und es war geschrieben in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache. Da sprachen die Hohenpriester der Juden zu Pilatus: Schreib nicht: Der König der Juden, sondern, dass er gesagt hat: Ich bin der König der Juden. Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben. Als aber die Soldaten Jesus gekreuzigt hatten, nahmen sie seine Kleider und machten vier Teile, für jeden Soldaten einen Teil, dazu auch das Gewand. Das war aber ungenäht, von oben an gewebt in einem Stück. Da sprachen sie untereinander: Lasst uns das nicht zerteilen, sondern darum losen, wem es gehören soll. So sollte die Schrift erfüllt werden, die sagt: „Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben über mein Gewand das Los geworfen.” Das taten die Soldaten. Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala. Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn! Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich. Danach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet. Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und steckten ihn auf ein Ysoprohr und hielten es ihm an den Mund. Als nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht! und neigte das Haupt und verschied.
Johannes 19, 16 – 30