Als „Royal Gifts“, „königliche Geschenke“ bezeichnet man Gaben, mit denen einem Mitglied des britischen Königshauses gegenüber Anerkennung und Verehrung zum Ausdruck gebracht werden. So erhielt zum Beispiel der englische König Charles aus Anlass seiner Krönung vor etwa drei Jahren unter anderem wertvolle Ehrengaben wie hochwertiges Parfüm, edle Manschettenknöpfe, ein kostbares Schwert und vom König von Bahrain – sage und schreibe! – einen sündhaft teuren Rolls-Royce geschenkt.
Ein Royal Gift, eine königliche Ehrengabe spielt auch die zentrale Rolle, als Jesus bei einem gewissen Simon im Haus zu Gast ist und sich die Gesellschaft an den Tisch setzt. Dieser Simon war früher einmal krank gewesen und heißt immer noch „Simon der Aussätzige“ – aber höchstwahrscheinlich hatte Jesus ihn geheilt. Und nun besucht er ihn in Bethanien. Es ist ein Zwischenstopp – das Passafest soll in den nächsten Tagen beginnen, und Jesus ist unterwegs nach Golgotha. Er weiß, was dort passieren wird, und hat seinen Jüngern wiederholt gesagt, dass der grausame Tod durch Erhängen am Kreuz ihn erwartet. Im Rahmen dieses Leidensweges wird Pilatus Jesus fragen: „Bist du ein König?“ – und er wird antworten: „Du sagst es, ich bin ein König“; aber König wovon? Jesus ist nicht ein König eines irdischen Territoriums, sondern er ist König in einem viel weitreichenderen Umfang: nämlich der allmächtige Gottessohn, dem gegeben wird alle Gewalt im Himmel und auf Erden; er ist der Allmächtige, der gleichzeitig unendlich barmherzig ist und Gnade vor Recht ergehen lässt.
So ein Kontrast! Solch eine Spannung! Aber Jesus hält sie aus: Er ist König der Juden, König der Universums, und gleichzeitig das Lamm Gottes und das große Opfer aller Zeiten, das zielgerichtet auf Leiden und Tod zugeht. Doch um Gegensatz zu Jesus haben die andern Gäste bei Simons Festmahl nicht das Kreuz im Sinn. Jemand anders aber schon. Plötzlich platzt ungebeten und ungerufen eine Frau herein, stört die Herrenrunde stürmt auf ihn zu und tut etwas Unerwartetes. Sie zerbricht eine Flasche mit Nardenöl, einem ganzen Liter davon, und gießt den Inhalt über das Haupt des Herrn. Nun: Gemälde, Passionsspiele und die allgemeine Vorstellung neigen dazu, diese Frau und was sie tut als ruhig, gelassen, feierlich darzustellen, aber die Erzählung klingt anders, man spürt dabei eine Plötzlichkeit und Tapsigkeit. Allein solche Alabasterflaschen waren nicht billig, und man konnte sie wiederverwenden, d.h. sie hatten einen Deckel, ein Siegel; aber sie zerschlägt die Flasche, die kann nie wieder gebraucht werden. Und sie gießt ihm das Öl auf das Haar – wohl nicht langsam und sanft, sondern wahrscheinlich so, dass er blinzeln und die Tropfen aus den Augen wischen muss.
Dann ist da noch der Wert der Salbe. Sie war mehr als 300 Silbermünzen wert, das war damals in etwa der Jahresverdienst eines Arbeiters. Sogar bei dem bescheidenen Mindestlohn in Südafrika von R30,23 die Stunde ergibt das bei 300 Arbeitstagen R80.000. Vor der Speisung der Fünftausend schätzten die Jünger, dass sie mit 200 Silbermünzen genug Essen für die ganze Menge kaufen konnten (Mk 6,37). Stellt euch nur einmal vor, wie viele Menschen man mit 300 Silbermünzen ernähren könnte! Das sagten sich auch die Gäste bei Simons Festmahlzeit, empört über die Verschwendung der Frau, entrüstet darüber, dass wegen ihrer Unbesonnenheit so viele hungern müssten. „Was ist los mit dir, Frau? Hast du den Verstand verloren? Du hättest das Parfüm verkaufen und das Geld den Armen geben sollen!“ Doch ihnen fehlt ganz einfach der Durchblick.
Jesus hingegen sieht immer klar. Er nimmt die Frau in Schutz. Er stellt sich vor sie und fordert ihre Kritiker auf, sie in Ruhe zu lassen. Jesus erkennt ihre ungeschickte, impulsive Handlung als ein Royal Gift, eine königliche Ehrengabe an den Leidenskönig, ein wunderschönes Werk, als Vorbereitung auf die schönste, edelste, höchste und barmherzigste Tat in der Geschichte der Menschheit, die je ein König getan hat: sein Leiden, sein Tod, sein Begräbnis.
Es ist gut, armen Menschen was zu geben, ihnen Gutes zu tun. Doch wenn der menschgewordene Sohn Gottes und König des Universums an deinem Tisch sitzt und sich darauf vorbereitet, in wenigen Tagen für die Sünden der Welt zu leiden und zu sterben, um dann bei seiner Beisetzung ohne ordnungsgemäße Salbung in aller Eile begraben zu werden, weil niemand Zeit oder Gelegenheit haben wird, seinem königlichen Leichnam Respekt und die letzte Ehre zu erweisen, dann, ja, dann ist Salböl im Wert von 300 Silbermünzen keine Verschwendung, sondern die rechte teure Gabe zur rechten Zeit. Was die Gäste beim Abendessen nicht erkennen konnten, war die schiere Einzigartigkeit, das ungeheure Gewicht des Augenblicks, dessen Zeugen sie waren. Denn Gottes Gesalbter – das ist es, was Christus und Messias bedeutet – sollte bald seinen Leib opfern, sein Leben als Lösegeld für die Menschenmengen dahingeben, als unendlich kostbaren Preis, um alle Menschen mit dem Brot der Welt zu ernähren, das ein für alle Mal gültige Passalamm Gottes zu sein, das die Sünde der Welt trägt. Bestimmt hat Gott der Vater an jenem Tag großzügig andere Wege gefunden, die Armen von Bethanien und Jerusalem zu versorgen, denn seine Schatzkammer ist unendlich groß.
Was für ein Duft muss dieses Parfüm im Haus verbreitet haben! So wie ein Dutzend Lilien in einem kleinen Kammer, die die Luft mit Duft erfüllen. Bald, bald, nur wenige Tage später hing Jesus am Kreuz. Als ihm dann Schweiß und Blut über das Gesicht strömten – konnte er da noch das Parfüm riechen, das ihn lebendigen Leibes für die Beerdigung vorbereitet hatte? Das hätte gut gepasst, denn, wie Paulus schreibt: Christus hat uns geliebt und „hat sich selbst für uns gegeben als Gabe und Opfer, Gott zu einem lieblichen Geruch“. (Eph 5,2). Der Duft des heiligen Königs Jesu Christi und seines Sühneopfers hat den Zorn Gottes über uns Sünder ein für alle Mal abgewendet.
Und ihr? In der Heiligen Taufe seid ihr im Blut des Lammes gewaschen und mit dem Heiligen Geist gesalbt worden, „ihr seid reingewaschen, ihr seid geheiligt, ihr seid gerecht geworden durch den Namen des Herrn Jesus Christus und durch den Geist unseres Gottes“ (1. Kor 6,11). Ja, in der Taufe ist der König zu euch gekommen und hat euch eine königliche Ehrengabe geschenkt. Der Leidenskönig hat euch seinen eigenen Königsmantel angelegt, das wunderschöne Gewand der Gerechtigkeit Christi, sodass ihr die ewige Verdammnis in der Hölle nicht länger fürchten müsst. Die Macht der Sünde, des Todes und Satans ist zerbrochen wie die Alabasterflasche mit dem teuren Öl, und ihr seid aus dem Reich der Finsternis befreit worden, um für immer im Reich des Lebens zu leben und für den Rest eures irdischen Lebens Gott von ganzem Herzen zu lieben und euren Nächsten wie euch selbst.
Genau das tat die namenlose Frau. Was hat sie dazu bewegt? Der Glaube an Jesus und die Liebe zu ihm, denn Jesus erklärt feierlich: „Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in aller Welt, da wird man auch sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie jetzt getan hat“ (Mk 14,9). Diese Frau ist zu einem festen Bestandteil der Geschichte des Evangeliums geworden, und das Evangelium geht immer darum, dass Menschen durch den Glauben Vergebung der Sünden empfangen.
Warum sagt uns Markus ihren Namen nicht? Weil sie sogar in diesem Moment, sogar mit ihrer teuren, edlen, königlichen Ehrengabe, als alle Augen auf sie sehen, nicht im Mittelpunkt steht – sondern das tut der gute König Jesus und sein Erlösungswerk. Sie ist anonym geblieben. Aber gerade durch ihre Anonymität lernen wir, wie wir gute Werke tun sollen. „Sie hat getan, was sie konnte“, sagt Jesus. Das heißt, sie lebte dort, wo Gott sie hingestellt hatte, und sie setzte ihre Gaben ein, dem König zu dienen, wo sie Gelegenheit fand. Sie tat es nicht, um von anderen gelobt oder gesehen zu werden, sie wollte auch keine Belohnung dafür, sondern sie hatte Augen nur für ihren König. Und nun, obwohl sie als Sünderin nichts vom Vater verdient hatte, hat sie ihre ewige Belohnung empfangen, alles um Jesu willen, den sie gesalbt hat.
Auch du bist dazu berufen, da wo Gott dich hingestellt hat, mit deinen Gaben das zu tun, was du kannst, um deinen König in der Gemeinde und in den Hilfebedürftigen zu ehren, in welcher Situation auch immer dein König dich jeden Tag stellt. Du bist frei geworden, du musst keine gute Werke tun, um von Menschen gelobt oder von Gott gerechtfertigt zu werden. Liebe Gemeinde, in Christus erhaltet ihr zeitliche und ewig teure Gaben und Belohnungen, die ihr niemals verdienen könntet, allein aus Gnade. Das nimmt euch jeglichen Druck und stellt euch unter sein leichtes Joch und seine leichte Last. Erkennt euren König und glaubt an das Evangelium. Empfangt froh die Ehrengabe, die dieser König euch gibt, und freut euch, dass ihr in den Augen dessen, der gerecht richtet, als vergeben und gerecht befunden worden seid! Und lasst euch von ihm einladen, eurem Glauben, eurer Dankbarkeit, eurem Vertrauen, eurer Ehrerbietung, eurem Dienst dem König Ausdruck zu geben. Auch in den Ärmsten. Amen.
Palmarum (Der Schmerzensmann)
Wochenspruch
Der Menschensohn muss erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben. Johannes 3, 14b. 15
Introitus – Nr. 26 (Matthäus 21, 9; Psalm 69, 31 u 33)
Epistel Seid so unter euch gesinnt, wie es auch der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht: Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt. Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz. Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist, dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.
Philipper 2, 5 – 11
Hauptlied
Du großer Schmerzensmann 161
Evangelium
Als die große Menge, die aufs Fest gekommen war, hörte, dass Jesus nach Jerusalem käme, nahmen sie Palmzweige und gingen hinaus ihm entgegen und riefen: Hosianna! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn, der König von Israel! Jesus aber fand einen jungen Esel und ritt darauf, wie geschrieben steht: „Fürchte dich nicht, du Tochter Zion! Siehe, dein König kommt und reitet auf einem Eselsfüllen.” Das verstanden seine Jünger zuerst nicht; doch als Jesus verherrlicht war, da dachten sie daran, dass dies von ihm geschrieben stand und man so mit ihm getan hatte. Das Volk aber, das bei ihm war, als er Lazarus aus dem Grabe rief und von den Toten auferweckte, rühmte die Tat. Darum ging ihm auch die Menge entgegen, weil sie hörte, er habe dieses Zeichen getan. Die Pharisäer aber sprachen untereinander. Ihr seht, dass ihr nichts ausrichtet; siehe, alle Welt läuft ihm nach.
Johannes 12, 12 – 19