Reminiszere (Der Knecht Gottes) – 2022

Predigt zum Sonntag Reminiszere

Mt 26,36-46                                                                                    I.i.

 

Schlafen kann schön sein. Das genießt man doch im Urlaub oder mal an einem freien Tag, einfach lange zu schlafen, nicht geweckt zu werden. Jesus hat auch gerne mal geschlafen, wenn er müde war – und wenn es sein musste, mitten im Sturm auf einem Schiff. Aber es gibt Zeiten, da sollte man möglichst nicht schlafen. Wenn man am Steuer eines Autos sitzt, z.B. Wenn man einen Test schreibt, z.B. Oder in der Predigt, z.B. Es ist jedoch gar nicht so einfach, wachzubleiben, wenn man in der Nacht zuvor zu wenig geschlafen hat, oder wenn der Tag einfach zu viel Aufregung und Einsatz gefordert hat. Genau so ging es den Jüngern. Es war Abend geworden. Die leckere Passamahlzeit mit Lamm und Brot und Wein lag hinter ihnen. Jesus geht zu später Stunde mit den Jüngern in den Garten Gethsemane. Er weiß, was kommt. Sie – nicht, kapieren es nicht. Jesus fleht die Jünger an, wach zu bleiben und für ihn zu beten. Aber sie lassen ihn im Stich. Gerade da, wo Jesus Not hat, wo er die Jünger braucht – wo Gott seine Menschen braucht! – schlafen sie ein. Was für eine bittere, harte Erfahrung für den Herrn: Er lässt sich für die Menschen ans Kreuz nageln und sie, die ihn lieben und unterstützten sollten, schlafen und lassen ihn allein. Der Herr Jesus muss allein wachen und beten und leiden und sterben.

 

Meine Seele ist betrübt bis an den Tod. Jesus war zutiefst bedrängt, und er war angstverzerrt von Trauer und Unsicherheit. Dem Herrn Jesus war es offensichtlich so, als wenn die Trauer und die Angst und die Sorge ihn fast überwältigten. Allein schon seine Körpersprache bringt seine Not zum Ausdruck! Er kniet sich hin. Er fällt nieder auf sein Gesicht. Und als die Sorge und die Unruhe in ihm zunehmen, sackt er zusammen und windet sich auf dem Boden. Wir hören sein Gebet, wie er mit Angst und Not ringt: Mein Vater, ist’s möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber. Jesus sah auf das, was auf ihn zukam, und ihm war so zumute, als müßte er einen Becher voll von bitterer, ekelhafter Flüssigkeit austrinken. Manch einer unter uns meint, es wäre besser, wenn wir zuvor wüssten, an welchem Tag wir sterben werden, und wie, und wo. Aber der Herr verschont uns gnädiglich, indem er uns das gerade nicht offenbart. Denn es wäre eine furchtbare Last. Jesus aber muss sie tragen. Er weiß genau, was auf ihn wartet. Er weiß, wie man ihn packen wird, verhaften wird, abführen wird, verhöhnen wird, schlagen wird, durchpeitschen wird, foltern wird, Leiden zufügen wird, wie er sterben wird.

 

Wir können nicht verstehen, dass Jesus sich freiwillig in diese Lage begeben hatte. Er wusste schon zumindest drei Jahre lang, was kommen würde. Es ist so, wie wenn man zum Zahnarzt geht für eine Wurzelkanalbehandlung, oder wenn eine schwangere Frau auf die Geburt sieht, oder wenn man vor einer großen Operation steht. Man weiß, dass die Schmerzen kommen werden. Stell dir vor, auf die Stunde deines eigenen Todes zu schauen! Als wahrer Mensch graute Jesus sich vor dem Schmerz, der ihm bevorstand.

 

Das Lamm wurde zur Schlachtbank geführt. Jesus kannte keine Sünde – aber er sollte jeder Sünde schuldig befunden werden, die in der lasterhaften Geschichte dieser Welt aufgezeichnet wird. Man muss verstehen, was das bedeutet! Gott der Vater ist heilig. Ihm ist jede Sünde verhasst und hässlich. Jesus wusste: Wenn er diesen Becher trinken würde, dann würde sich der Vater in heiliger Verabscheuung von der Sünde abwenden, die auf seinen Sohn gehäuft war, von dem Haufen Sünde. Jesus wusste, dass sein Vater sich von ihm abwenden würde! Und darum war seine Seele von Grauen erfüllt. Das Lamm Gottes war in furchtbarer Not.

 

Stell Dir vor, was passiert wäre, wenn Jesus verschont geblieben wäre? Wenn er im letzten Augenblick nein gesagt hätte? Dann wären du und ich jetzt verloren und verdammt. Aber Jesus sagte mitten im Zittern und in der Todesnot nicht nein, sondern ja. Gottes Plan, aus Liebe die Welt zu retten, musste durchgeführt werden. Und dafür musste das Gotteslamm weitermachen, weiter beten, weiter wachen, weiter leiden, ganz bis zum bitteren Ende. Und er tat es wie ein Lamm, ohne zu klagen, und trug dabei die Schuld aller Menschen – Doch nicht wie ich will, sondern wie du willst!

 

Aber gerade die Menschen, deren Schuld er trägt, gerade die Menschen, für die er all dies tut – sie schlafen. Doch genau das ist die frohe Botschaft dieses Gottesworts: Jesus rettet uns, während wir schlafen, während wir gar nichts tun, nicht den geringsten eigenen Beitrag zu unserer Rettung leisten. Jesus rettet uns wirklich ganz allein, ohne unsere Mitwirkung. Wenn unsere Rettung, wenn unser ewiges Leben davon abhinge, dass wir auch etwas tun müssten, dann wären wir verloren. Wir können es nicht, wir schaffen es nicht, so zeigen es uns die Jünger hier in dieser Geschichte – und wir sind eben auch nicht besser als die Jünger, sind oft genug genauso geistliche Schlafmützen wie die Apostel damals auch.

 

Sag deinem Heiland Dank dafür, dass er den Weg zu deiner Rettung ganz allein gegangen ist, ohne Unterstützung, dass er wirklich alles für dich getan hat, dass nichts von dir abhängt! Jesus wartet nicht darauf, dass du erst einmal etwas tust, bevor er etwas für dich tut. Er hat schon alles getan, auch wenn wir ihn noch so sehr enttäuscht haben und auch weiter enttäuschen. Er weiß, wie es uns geht, er weiß, wie müde man sein kann, wenn man viel gearbeitet hat, wenn man nachts keinen Schlaf gefunden hat. Er verlangt von uns keine übermenschlichen Leistungen. Aber zugleich warnt er uns vor einer anderen Art von Müdigkeit und Schläfrigkeit: Wachet und betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt!

 

Jenseits der sog. „Boereworsgardine“ hört man den Ausdruck: „Ihr müsst wachschlafen.“ Sehr merkwürdig ist das. Wachschlafen. Eigentlich heißt das, dass man so schlafen soll, dass man aufwacht. Jesus nun redet hier von dem Gegenteil, vom Schlafwachen, von der großen Gefahr, dass man wach ist und trotzdem schläft. Das gibt es. Man kann hellwach und hochaktiv sein und sich trotzdem im Tiefschlaf befinden. Genau in diesen Tiefschlaf will uns der Teufel befördern. Er weiß: Mit Zwang und Druck kann er kaum einen dazu bewegen, die Verbindung mit Jesus Christus aufzugeben. Und darum versucht der Teufel, uns in dieser Verbindung mit Christus, im Glauben an ihn einfach einschlafen zu lassen. Er verpasst uns Schlaftabletten, ohne dass wir es merken. Der Teufel flüstert uns ein, dass wir ja sonntags in die Kirche gehen, da können wir im Alltag doch tun, was wir wollen. Oder er redet uns ein, dass Gottes Standards eigentlich immer viel zu hoch für uns sind, deswegen erwartet Gott nicht einmal von uns, dass wir uns anstrengen, im Alltag seinen Willen zu tun, sondern er versteht schon, dass wir es nicht können, und so brauchen wir es auch nicht. Oder er redet uns ein, wir haben die Freiheit, zu beschließen, ob wir dienen oder nicht. Wenn Gemeinde und Dienst und christliches Leben überhaupt erstmal eine Option werden unter vielen, eine Frage, die jedesmal neu beantwortet werden muss, da schafft der Teufel es, Menschen allmählich in den geistlichen Tiefschlaf zu befördern, ins Schlafwachen, und es geht schnell, ohne dass man es merkt. Da gerät man in Gefahr, einzuschlummern und unmerklich aus der Gemeinschaft mit Christus herauszurutschen.

Diese Schläfrigkeit ist gefährlich. Sie ist noch viel gefährlicher, als wenn ein Mensch hinter dem Steuer seines Autos einschläft. Diese Schläfrigkeit kann uns bis in die endgültige Trennung von Gott führen, auch und gerade dann, wenn wir uns dabei sehr gut fühlen!

 

Wachet und betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt! Der Geist willig; aber das Fleisch ist schwach. – So warnt Christus seine Jünger, so warnt er auch uns. Wir haben es ständig nötig, geistlich wach gehalten zu werden, wir haben es ständig nötig, immer wieder geistliche Wachmacher zu bekommen. Das Wort Gottes ist solch ein geistlicher Wachmacher. Wenn wir uns jeden Tag mit Gottes Wort beschäftigen, dann bewahrt uns das davor, Christus in unserem Leben aus den Augen zu verlieren. Gottes Vergebung in der Beichte ist ein solcher Wachmacher, der uns immer wieder ganz direkt erfahren lässt, wie dringend nötig wir es haben, immer wieder neu zu Christus zurückzukehren. Und natürlich sind gerade auch der Leib und das Blut Christi ein ganz starker Wachmacher, der uns immer wieder neu hilft, in der Gemeinschaft mit Christus zu bleiben, weil er in uns lebt, der stärker ist als alle Angriffe des Teufels.

 

Und wenn ihr dann diese Wachmacher empfangt, dann betet, betet immer wieder neu: Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen! Und dann schaut auf ihn, den gekreuzigten Herrn, gerade jetzt in dieser Fastenzeit! Schaut darauf, was er ganz ohne unser Zutun getan hat! Ja, macht euch immer wieder klar, was es bedeutet, dass er euch gerettet hat! Ich hoffe, dass ihr bis jetzt noch nicht bei dieser Predigt eingeschlafen seid. Was ihr hier hört, ist wichtiger als so vieles andere, was ihr jeden Tag vernehmt. Aber wenn ihr Christus immer im Blick habt, wenn er auch heute wieder in euch wohnt mit seinem Leib und Blut – dann könnt ihr nachher auch ganz beruhigt schlafen gehen, nämlich mit einem reinen Gewissen, und mit dem Psalmisten beten: Ich liege und schlafe ganz mit Frieden; denn allein du, HERR, hilfst mir, dass ich sicher wohne. Amen.

 


REMINISZERE (Der Knecht Gottes)

Wochenspruch

Gott erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns
gestorben ist, als wir noch Sünder waren. Römer 5, 8

Introitus

Nr. 22 (Psalm 25, 6; Psalm 25, 1, 2a. 4)

Epistel

Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus; durch ihn haben wir auch den Zugang im Glauben zu dieser Gnade, in der wir stehen, und rühmen uns der Hoffnung der zukünftigen Herrlichkeit, die Gott geben wird. Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist. [Denn Christus ist schon zu der Zeit, als wir noch schwach waren, für uns Gottlose gestorben. Nun stirbt kaum jemand um eines Gerechten willen; um des Guten willen wagt er vielleicht sein Leben. Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren. Um wieviel mehr werden wir nun durch ihn bewahrt werden vor dem Zorn, nachdem wir jetzt durch sein Blut gerecht geworden sind! Denn wenn wir mit Gott versöhnt worden sind durch den Tod seines Sohnes, als wir noch Feinde waren, um wieviel mehr werden wir selig werden durch sein Leben, nachdem wir nun versöhnt sind. Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch Gottes durch unsern Herrn Jesus Christus, durch den wir jetzt die Versöhnung empfangen haben.]

Römer 5, 1 – 5 [6 – 11]

Hauptlied

Wenn wir in höchsten Nöten sein 342

Evangelium

Jesus fing an, zu den Hohenpriestern und Schriftgelehrten in Gleichnissen zu reden: Ein Mensch pflanzte einen Weinberg und zog einen Zaun darum und grub eine Kelter und baute einen Turm und verpachtete ihn an Weingärtner und ging außer Landes. Und er sandte, als die Zeit kam, einen Knecht zu den Weingärtnern, damit er von den Weingärtnern seinen Anteil an den Früchten des Weinbergs hole. Sie nahmen ihn aber, schlugen ihn und schickten ihn mit leeren Händen fort. Abermals sandte er zu ihnen einen andern Knecht; dem schlugen sie auf den Kopf und schmähten ihn. Und er sandte noch einen andern, den töteten sie; und viele andere: die einen schlugen sie, die andern töteten sie. Da hatte er noch einen, seinen geliebten Sohn; den sandte er als Letzten auch zu ihnen und sagte sich: Sie werden sich vor meinem Sohn scheuen. Sie aber, die Weingärtner, sprachen untereinander: Dies ist der Erbe; kommt, lasst uns ihn töten, so wird das Erbe unser sein! Und sie nahmen ihn und töteten ihn und warfen ihn hinaus vor den Weinberg. Was wird nun der Herr des Weinbergs tun? Er wird kommen und die Weingärtner umbringen und den Weinberg andern geben. Habt ihr denn nicht dieses Schriftwort gelesen: „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der ist zum Eckstein geworden. Vom Herrn ist das geschehen und ist ein Wunder vor unsern Augen?” Und sie trachteten danach, ihn zu ergreifen, und fürchteten sich doch vor dem Volk; denn sie verstanden, dass er auf sie hin dies Gleichnis gesagt hatte. Und sie ließen ihn und gingen davon.

Markus 12, 1 – 12


Reminiszere (Der Knecht Gottes)

liturgische Farbe: violett

Festzeit: Fastenzeit

Wochenspruch: Röm 5,8

Wochenpsalm: Ps 10

Eingangspsalm: Ps 34

Epistel: Röm 5,1-5 (6-11)

Evangelium: Mk 12,1-12

Predigttext: Mt 12,38-42

Wochenlied: 366

Erklärung zu den Perikopen:

Die biblischen Predigttexte sind aufgeteilt in die Perikopenreihen I bis VI. Jede Reihe gilt – beginnend mit dem 1. Advent – fortlaufend für ein ganzes Kirchenjahr (aktuelle Reihe = III). Die einzelnen Reihen haben verschiedene Schwerpunkte (Evangelien, Briefe usw.).

I(Evangelium): Mk 12,1-12

II: Röm 5,1-5 (6-11)

III: Mt 12,38-42

IV: Jes 5,1-7

V: Joh 8,(21-26a) 26b-30

VI: Hebr 11,8-10