18. Sonntag nach Trinitatis (Das vornehmste Gebot) – 2020

18. Sonntag nach Trinitatis (Das vornehmste Gebot)


Predigt zum 18. Sonntag n. Trinitatis (Das vornehmste Gebot), den 11. Oktober 2020
Christusgemeinde Kirchdorf
5. Mose 30, 11-14 I.i.

Denn das Gebot, das ich dir heute gebiete, ist dir nicht zu hoch und nicht zu fern. Es ist nicht im Himmel, dass du sagen müsstest: Wer will für uns in den Himmel fahren und es uns holen, dass wir’s hören und tun? Es ist auch nicht jenseits des Meeres, dass du sagen müsstest: Wer will für uns über das Meer fahren und es uns holen, dass wir’s hören und tun? Denn es ist das Wort ganz nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass du es tust.

Eine perfekte Welt. Danach sehnen wir uns alle. Eine Welt ohne Blutvergießen, eine Welt ohne Hass und Ärger und Streit, ohne Alkohol- und Drogensucht und den schrecklichen Folgen des Substanzmissbrauchs, eine Welt ohne Gewalt und Missbrauch, in der weder Kindern noch Erwachsenen leid getan wird, eine Welt ohne Korruption und Bestechung, eine Welt ohne heimliche oder gar offene Kriminalität – eine Welt der Schönheit und der Ruhe und des Friedens – nach so einer Welt sehnen wir uns wohl mit jeder Faser unseres Wesens. Und bis auf psychisch schwerkranke Menschen und Psychopathen teilt wohl jeder einzelne Mensch auf Erden die Sehnsucht nach solch einer Welt.

Im Laufe der Geschichte haben unterschiedliche Bewegungen und Religionen den Menschen immer wieder solch eine perfekte Welt vorgehalten, als sei sie zum Greifen nah, wenn man nur tut, was einem vorgeschrieben wird. Politische Denker forderten und fordern volle Kapitulierung und versprechen den Gehorsamen den Himmel auf Erden: Gib alle Ansprüche auf Privateigentum auf und überlass dem Staat die Fürsorge, dann wird alles gut! Oder: Wenn du zu den richtigen Bevölkerungsschichten und Kulturgruppen gehörst, dann gehorche dem Führer/dem Regime/der Partei und befolge die strengen Regeln, und du wirst im Paradies leben! Ähnlich auch die vielen Sekten und Kulte der Welt: Hänge diesem oder jenem Propheten an, ergib dich ihm ganz und gar, lebe im System mit ihm im auserlesenen Ort, dem Zion auf Erden, dort wo der liebe Gott barfuß spazieren geht, und der Prophet wird dein Messias, und du erfährst nur Friede und Freude. Eine perfekte Welt!

Immer noch gibt es solche Glücksbringer und Heilspropheten zur Genüge, entweder in der Gestalt der größten politischen Partei im Land, der Black Power oder White Power Mobilmacher, der Europäischen Union, Mutter China usw. Dagegen macht sich in der westlichen Welt gleichzeitig eine Gegenbewegung breit: Der Ruf nach Anarchie und Befreiung vom Gesetz. Der Staat müsse überhaupt kaputtgemacht und gestürzt, die Welt vom systemischen Rassismus und der ewigen Unterdrückung durch weiße Männer befreit werden, jeder solle tun und lassen dürfen, wie es ihm/ihr oder besser xier/nin/sier/sif/dif (und wie die vielen genderneutralen Pronomen alle lauten mögen) gefällt. „Männlich“ und „weiblich“ seien sowieso nur erfundene Einschränkungen, die Menschen unterdrücken, besser, man lässt das ganze binäre Denken fahren. Ja, muss man fragen, ist das denn Nächstenliebe, wie behauptet wird? Hier gilt: „Es kommt die perfekte Welt, wenn alle Ordnung gekippt wird und xier in Freiheit xieses eigenes Geschlecht und Lebensregeln erfindet.“

Auch hier in Südafrika werden derartige Rufe laut. Dabei, so möchte man einwenden, gilt in Südafrika seit vielen Jahren schon genau diese Devise, dass jeder frei ist, sich selbst zu erfinden, solange er nicht weiß und männlich ist, dass jeder nach eigenen Regeln leben darf. Ergebnisse dieser Lebensweise sehen wir allerdings auch. In unserem Land herrscht vielerorts Gesetzlosigkeit; wer Menschenblut vergießt, dem geschieht wenig oder nichts, oft versagt die Polizei und schaut dem allen nur noch händeringend zu. Korruption, Bestechung, Versagen, Unterschlagung sind an der Tagesordnung. Ihr Lieben, gerade hier an dieser Stelle müsste doch klar wie Kloßbrühe sein, wohin all diese vermeintliche Freiheit führt. Die gesellschaftliche Ordnung zerbricht, man ist sich seines Lebens nicht sicher, Mord und Totschlag und Intimidieren, Diebstahl und Destruktion und Ärger und Zorn bestimmen den Alltag, voran kommt nur, wer vernetzt ist. So. Jeder vernünftige Mensch muss doch einsehen, dass eine perfekte Welt so niemals erreicht wird, dass Zucht und Ordnung wieder her müssen, damit Taten Konsequenzen haben. In der Kirche nennen wir das den Riegel, den ersten Gebrauch des Gesetzes. Das Land braucht das Gesetz und strenge Gesetzeshüter, erst dann wird dem Bösen Einhalt geboten, erst dann wird ein friedliches Miteinander möglich.

Aber in der Kirche? Brauchen wir da noch das Gesetz? Viele Christen antworten: Nein. Christus hat uns vom Gesetz befreit. Das Gesetz dient nur, uns zu Christus zu treiben, danach reicht das Evangelium völlig! Wenn uns vergeben wurde, sind wir nicht mehr unter dem Gesetz und brauchen’s auch nicht mehr. Vergebene Christen tun doch auch so, was Gott will. Jeder soll in Freiheit sein Leben selbst bestimmen, die Kirche braucht keine Normen, keine Vorschriften, keine Lehre mehr. Jetzt geht alles, was früher nicht ging. Auch in der lutherischen Kirche herrschte jahrelang nach Luthers Tod bitterer Streit darüber, ob man Christen überhaupt noch das Gesetz sagen dürfe! Nein, hieß es, der vergebene Christ wird selbst einsehen und tun, was Gott gefällt, er braucht keine Anweisung, das Gute kommt wie von selbst. Echt jetzt? Wieso gab und gibt es denn immer noch so viel Machtmissbrauch und Personenmissbrauch in der Kirche? Warum sind so viele Kirchen wie der Wetterhahn auf dem Kirchendach, ändern die Richtung und Position beliebig und immer wieder, gerade wie der Zeitgeist und die Winde des Political Correctness wehen? Warum gibt es denn so oft Streit, Zank und Lieblosigkeit unter vergebenen Christen? Ist das Evangelium denn wirkungslos geworden?

Liebe Gemeinde, beides, weltlicher Utopismus und antigesetzliche Haltung in der Kirche laufen auf das Gleiche hinaus: dass der Mensch sich selbst bestimmen will, sich nichts sagen lassen will, immer besser weiß und entsprechend handelt. Genau die gleiche Ansicht, die die Schrift immer wieder beklagt: Es floriert das reinste Chaos, wenn jeder tut, was ihn recht dünkte. Die Folgen sind Unordnung, Streit, Mord- und Totschlag, ein Herumschlafen den lieben langen Tag, Krankheit, Diebstahl, Angst, Unsicherheit, Unterdrückung, Götzendienst und verkürzte Lebensdauer. Die Antwort auf die Probleme der Menschheit ist eben nicht beliebige Freiheit.

Und die Antwort auf die Probleme der Kirche ist eben auch nicht die Aufgabe jeglicher Form des Gesetzes für wiedergeborene Christen. Nein, es muss eine andere, eine vollständige Antwort her. Und die Antwort finden wir in der heiligen Schrift. Sie lautet: „Christus ist des Gesetzes Ende“ (Röm 10,14) Ihr Lieben, das heißt bitteschön nicht: Nach dem Evangelium ist mit dem Gesetz Schluss! Sondern, dass Christus die Erfüllung des Gesetzes ist. Alle Menschen sind vom Gesetz Gottes geknechtet, weil sie alle Sünder sind. Denn das Gebot, das ich dir heute gebiete, ist dir nicht zu hoch und nicht zu fern. Alle Menschen haben ein Gewissen, das sie darauf hinweist, dass es ein Richtig und ein Falsch gibt, dass sie Gottes Willen und damit ihr Gewissen durch Freizügigkeit immer wieder verletzen. Aber so sehr sie sich auch nach Freiheit im Leben und einer perfekten Welt sehnen, so kommt diese Freiheit und diese Welt doch nie und nimmer ohne das Gesetz.

Auch nicht für Christen. So wie in unserem Land erst Friede und Sicherheit einkehren kann, wenn Gottes ewiges Gesetz den Alltag bestimmt, so auch in der Kirche. Die Konkordienformel fasst die Lehre der Heiligen Schrift für uns wunderbar zusammen: „Obwohl die rechtgläubigen und wahrhaft zu Gott bekehrten Menschen vom Fluch und Zwang des Gesetzes durch Christus befreit und losgemacht worden sind, sind sie deswegen doch nicht ohne Gesetz; sondern sie sind deshalb vom Sohn Gottes erlöst worden, dass sie sich [im Gesetz] Tag und Nacht üben sollen.“ Solange die Kirche auf Erden lebt, gilt das Gesetz Gottes und zwar alle drei Gebräuche: Welt und Kirche brauchen das Gesetz, um vor Anarchie zu schützen (1. Gebrauch). Welt und Kirche brauchen das Gesetz, um ihnen ihre Sünden aufzudecken und deutlich zu machen, dass alle einen Heiland brauchen (das Gesetz treibt zu Christus, 2. Gebrauch). Drittens: Vergebene Christen leben zwar nicht mehr unter dem Gesetz, aber sie leben zeitlebens mit und nach dem Gesetz (3. Gebrauch, Richtschnur). Ihr Lieben, das Gesetz ist letztlich nichts anderes als Ausdruck des ewigen und unwandelbaren Willens Gottes. Wir sind nicht dazu erlöst, um selbst unsere Haltung und unser Tun und Lassen oder überhaupt die Position der Kirche zu diesem und jenem frei selbst zu bestimmen. Nein! Das ist völliger Missbrauch der christlichen Freiheit. Du, lieber Christ, du bist von deinem Heiland erlöst, der das ganze Gesetz an deiner Stelle gehalten hat, der das Gesetz vom Himmel und übers Meer gebracht und getan hat. Durch seine Gnade und Vergebung hat er dich erlöst, um in christlicher Freiheit das Gesetz Gottes zu halten. Ihr Lieben, die Früchte des Geistes sollen doch unser Leben bestimmen. Was sind die Früchte des Geistes anders als ein Leben nach Gottes Gesetz – aber getrieben von der Liebe Christi? Dadurch, dass Gott dir durch Christus ein neues Herz schenkt, strömt seine Liebe in dich hinein, in Beichte, Taufe und Abendmahl empfängst du sie, und diese Liebe treibt dich dazu, Gott zu lieben und deinen Nächsten wie dich selbst. Ein Leben nach Gottes Gesetz. Und so richtet auch die Kirche ihre Lehre und ihr Leben ebenfalls nach Gottes ewigem Gesetz. Wie kann die Kirche die Richtschnur zum Leben geben, wenn sie das Gesetz nicht mehr hören will?

Zu Anfang schilderte ich das Bild der perfekten Welt, nach der wir uns alle sehnen, eine Welt der Schönheit und des Heils und des ewigen Friedens. Diese Welt wird kommen, wenn die Ewigkeit anbricht. Wenn Christus den ganzen Plan Gottes in dieser Welt erfüllt. Und diese neue, perfekte Welt, was wird sie anders sein als ein vollkommenes Leben mit Gott nach dem Gesetz? Die perfekte Welt wird eine Welt, in der alle dem dreieinigen Gott dienen, seinen Namen achten, sein Wort hören, sich der Autorität beugen, in der keiner tötet, keiner herumschläft, keiner stiehlt, keiner den andern beleidigt, jeder jedem das Seine gönnt. Das ist eine Welt, in der die zehn Gebote und das ganze Gesetz Gottes, sein unwandelbarer Wille alles bestimmt. Dort wird herrschen Friede und Schönheit, ewige Freiheit und Sicherheit. Und in dem Maß, in dem Kirche und Christen jetzt schon in Vergebung und Gnade und christlicher Freiheit sich an Gottes Gesetz erfreuen, es immer wieder in der Vergebung nicht nur sagen sondern leben, eben in dem Maße darf die Kirche diese perfekte Welt schon ein stückweit hier in dieser kaputten Welt leben. Sie lasse aber ja nicht vom Gesetz Gottes! Hier soll gelten Gottes ganzes Wort. Denn es ist das Wort ganz nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass du es tust. Amen.

SOLISOLI DEO GLORIADEO GLORIA
Pastor Dr. Karl Böhmer

18. Sonntag nach Trinitatis (Das vornehmste Gebot)


Wochenspruch

Dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe.

1. Johannes 4, 21

Introitus – Nr. 59 (Psalm 106, 3; Psalm 1, 1)

Epistel

Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude in dem heiligen Geist. Wer darin Christus dient, der ist Gott wohlgefällig und bei den Menschen geachtet. Darum lasst uns dem nachstreben, was zum Frieden dient und zur Erbauung untereinander.

Römer 14, 17 – 19

Hauptlied

Herzlich lieb hab ich dich, o Herr 301 In Gottes Namen fang ich an 454

Evangelium

Es trat zu Jesus einer von den Schriftgelehrten, der ihm zugehört hatte, und fragte ihn: Welches ist das höchste Gebot von allen? Jesus aber antwortete ihm: Das höchste Gebot ist das: „Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften.” Das andre ist dies: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.” Es ist kein anderes Gebot größer als diese. Und der Schriftgelehrte sprach zu ihm: Meister, du hast wahrhaftig recht geredet! Er ist nur einer, und ist kein anderer außer ihm; und ihn lieben von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt und von allen Kräften, und seinen Nächsten lieben wie sich selbst, das ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer. Als Jesus aber sah, dass er verständig antwortete, sprach er zu ihm: Du bist nicht fern vom Reich Gottes. Und niemand wagte mehr, ihn zu fragen.

Markus 12, 28 – 34


liturgische Farbe: grün

Festzeit: Trinitatiszeit

Wochenspruch: 1. Joh 4,21

Wochenpsalm: Ps 1

Eingangspsalm: Ps 19, Ps 36, Ps 67, Ps 84, Ps 113

Epistel: Röm 14,17-19

Evangelium: Mk 12,28-34

Predigttext: Mk 10,17-27

Wochenlied: 397 und 494

 

Erklärung zu den Perikopen:

Die biblischen Predigttexte sind aufgeteilt in die Perikopenreihen I bis VI. Jede Reihe gilt – beginnend mit dem 1. Advent – fortlaufend für ein ganzes Kirchenjahr (aktuelle Reihe = III). Die einzelnen Reihen haben verschiedene Schwerpunkte (Evangelien, Briefe usw.).

 

I(Evangelium): Mk 12,28-34

II: Mk 12,28-34

III: Mk 10,17-27

IV: Jak 2,1-13

V: 2. Mose 20,1-17

VI: Eph 5,15-21