Predigt – Weltbilder knallen aufeinander – und trotzdem geht Gottes Mission weiter | 16. Sonntag nach Trinitatis 2026

Sein Wohngebiet hat sich mit den Jahren dramatisch verändert. Als er jung war, wohnten dort nur weiße Amerikaner wie er. Nun ist er alt und knurrig, und sein Wohngebiet ist überwiegend von Flüchtlingen und Einwanderern besiedelt. Walt heißt er. In dem Film „Gran Torino“ gibt der knurrige alte Walt widerwillig einem asiatischen Mädchen namens Sue eine Mitfahrgelegenheit. Sue gehört zum Volk der Hmong. Das Volk der Hmong kommt aus der Gegend Laos, Thailand und China. Walt schimpft auf Sue, weil sie einen weißen Freund hat. Er sagt: „Mit so jemandem solltest du dich nicht abgeben. Geh mit deinen eigenen Leuten abhängen… was habt ihr eigentlich in meinem Wohnviertel zu suchen? Warum seid ihr nicht da unten geblieben?“ „Ist ’ne Vietnam Geschichte“, antwortet Sue. „Wir waren auf eurer Seite, und kaum waren die Amerikaner weg, wollten die Kommunisten alle Hmong töten. Deswegen sind wir hierhergekommen. … Gib den Lutheranern die Schuld. Die haben uns hierhergeholt.“ Walt antwortet: „Alle geben den Lutheranern die Schuld.“

Die Hmong gibt es wirklich. Sie kämpften an der Seite der USA im Vietnamkrieg und wurden nach dem Abzug der Amerikaner von Kommunisten bedrängt. Durch den Einsatz von lutherischen Kirchen in Amerika wurden die Hmong als Flüchtlinge in die USA gebracht. In Gran Torino wird deutlich, was es mit sich bringt, wenn Menschen unterschiedlicher Sprachen, Kulturen, Werte und Hautfarben nebeneinander wohnen. Denn sie sehen nicht nur anders aus, sondern sie sehen die Welt mit anderen Augen. Nicht wahr? Wie du die Welt siehst, bestimmt, was für dich wirklich ist, und was nicht, was wichtig ist und was nicht, was richtig ist und was nicht. Und diese Unterschiede bringen oft Reibungen und Konflikte mit sich. Und genau das finden wir in der Apostelgeschichte wieder. Die Apg schildert mit aller Offenheit und Ehrlichkeit die Anfangsschwierigkeiten und Konflikte der ersten Christen. Und wir beobachten, wie ihre Sichtweise auf die Welt – das nennt man auch ihr Weltbild – sich dramatisch verändert unter der Führung Gottes in der Teilnahme an seiner Mission, denn der gute Hirte sucht und will selig machen, was verloren ist.

Es beginnt mit Petrus. Petrus kennen wir gut. Frage: Was bestimmt sein Weltbild? Antwort: Er wurde erzogen nach dem alten Gesetz, das für ihn vorschrieb, was rein ist und was nicht. Alles, was Petrus sieht, ist entweder rein oder unrein. Essen. Betragen. Menschen. Petrus spricht die Sprache des auserwählten Volkes. Er stammt vom auserwählten Landesvater Abraham ab. Was noch? Seine politischen Ansichten, seine Überzeugung, dass Jesus der Messias ist, seine Lebenserfahrung, und nun seine Führungsrolle in der Kirche. Petrus ist Jude wie die ersten Christen alle auch. Klar, viele Samariter hatten sich schon bekehrt, aber für Petrus waren sie zumindest noch Halbjuden. Ja, den einen Schwarzen gab’s noch, den Kämmerer aus Äthiopien, aber das waren wohl Ausnahmen. Für Petrus und die anderen Christen wächst die Kirche unter den Juden als jüdische Kirche, da passten das Weltbild und die Reinheitsgebote.

Eines Tages aber kommt es alles anders. Mitten im Gebet kommt der Herr zu Petrus und wirft seine Reinheitsvorstellungen um. Dem Petrus kommt das ganze Weltbild ins Wanken, denn Gott der Herr legt ihm ein Buffet vor mit kribbelnden Krabbeltieren und sagt: „Bon Appetit, Petrus! Schlachte und iss! Such dir was aus. Mahlzeit!“ Aber Petrus lehnt ab und sagt: Nein! Da lädt Gott zum Essen ein, und Petrus sagt nein! Wieso? Weil nach seinem Weltbild jede dieser Menüoptionen als unrein gilt – vom Krokodil Cordon Bleu über frittierte Tintenfischtentakel bis hin zum Affenbraten in Aasgeiersauce. [9] Dreimal fordert Gott ihn auf, dreimal sagt Petrus nein. Auf einmal stehen drei Männer aus Cäsarea vor ihm. Ein Römer hat sie geschickt: der römische Hauptmann Kornelius. Für Petrus verkörpert Kornelius alles, was an seinem Land falsch ist – die römische Besatzungsmacht, die fremden Eindringlinge, unreine Heiden. Alles an ihnen ist unrein. Nie im Leben würde ein gläubiger Jude solche Leute besuchen. Aber ausgerechnet zu solchen Menschen schickt ihn der Heilige Geist. Alles in Petrus bäumt sich dagegen auf, er will sich querstellen wie ein Esel vor der Löwengrube, aber der Heilige Geist drängt ihn zu gehen.

Dieser Kornelius war nicht bloß irgendein Römer, sondern Kornelius war ein Römer, der den Juden nahestand. Er hatte einen sehr guten Ruf bei den Juden. Sie mochten ihn. Sie schätzten ihn. Denn Kornelius spendete viel Geld, um Juden zu helfen, ja, er hatte bereits ihren Glauben angenommen und betete oft zu Gott. Aber er hatte sich noch nicht zum Judentum bekehrt. Was bestimmt nun sein Weltbild? Sein Amt, sein Status als Befehlshaber, sein römischer Hintergrund, die lateinische Sprache, strenge Ordnung, seine Freigebigkeit, seine Familie. Sie sind fromm wie er, aber nicht bereit, Juden zu werden.

Als Petrus und Kornelius sich treffen, stoßen Weltbilder aufeinander wie die Titanic und der Eisberg. Aber hinter dem allen steht Gott der Heilige Geist. Er baut Vorurteile ab, reißt Schranken nieder, er führt die Mission aus und sorgt dafür, dass das Verlorene gesucht wird und selig wird. Auf Befehl des Heiligen Geistes tut Petrus das ihm früher Unvorstellbare, er reißt sich zusammen und tritt über die Schwelle in das Haus eines unreinen Heiden. Und – sie reden. Kornelius erzählt Petrus, wie ein Engel ihm erschienen war und befohlen hatte, Petrus rufen zu lassen. Und Petrus erzählt Kornelius und allen im Haus von Jesus Christus, seinem Wirken, Leben, Leiden, Tod und Auferstehung, von dem Heil, das Gott der Welt in Christus bringt. Und während Petrus noch redet, macht der Heilige Geist auf ganz besonderer Weise deutlich, dass damit noch nicht genug ist, Er wiederholt das Pfingstwunder jetzt auch bei diesem unreinen Heiden. Was der Heilige Geist bei Petrus und den Aposteln gemacht hatte, das macht er jetzt bei Kornelius, und Kornelius redet Hebräisch und Griechisch und lobt und preist Gott. Und endlich fällt der bei Petrus der Groschen: Gott will diese Menschen retten, die so anders sind als Petrus wie die Hmong von den Rednecks, und Er will das durch Petrus erreichen. Und nun fällt die letzte Schranke, und von diesem Zeitpunkt an wächst die Kirche dramatisch und rasant unter den ehemals Unreinen, und bald, bald, wird die Kirche überwiegend aus Heidenchristen aus allen Völkern bestehen, und so ist es auch noch heute.

Wir kennen wohl alle das Gedicht „Spuren im Sand“, wo Gott den Christen durch die schwersten Zeiten seines Lebens hindurchträgt. Das gibt es auch anders. Da steht der Herr mit dem Christen und schaut zurück auf die Fußspuren im Sand und sagt: „Mein liebes Kind, ich liebe dich und werde dich nie allein lassen, erst recht nicht in Nöten und Schwierigkeiten. Dort wo du nur eine Spur gesehen hast, da habe ich dich getragen… Siehst du die lange Linie im Sand? Da musste ich dich schleppen.“ Manchmal muss der liebe Gott seine Christen an den Haaren ziehen, damit sie ihm folgen. Das gilt für uns als Einzelne, und auch als Kirche. Dennoch wird Gott der Herr seine Mission ausführen und vollenden. Er hat es versprochen. Doch in deiner Taufe bist Du berufen worden, Christus nachzufolgen, und durch sein Wort ruft Er dich immer wieder dazu auf. Und Nachfolge bedeutet ganz einfach, dass wir dorthin gehen, wo er uns führt, tun was er sagt, und nicht unserem eigenen Willen und Verstand folgen.

Die Ereignisse um Kornelius und seine Angehörigen, die alle getauft werden, ist für Petrus und die ganze alte Kirche ein ‘Aha”-Erlebnis gewesen. Gott will die ganze Welt erretten, alle Völker, und zwar durch den einen gekreuzigten und auferstandenen Christus. Einer für alle, alle durch Einen. Gott hatte es Abraham schon gesagt, dass durch ihn alle Geschlechter auf Erden gesegnet und er der Vater vieler Völker werden solle. Und sorgt der Nachkomme Abrahams dafür, dass es auch passiert. Petrus geht ein Licht auf: Nun erfahre ich in Wahrheit, dass Gott die Person nicht ansieht; sondern in jedem Volk, wer ihn fürchtet und recht tut, der ist ihm angenehm. Im Urtext heißt es buchstäblich, Gott ist nicht einer, der das Gesicht ansieht, wie wir das oft machen. Unser Weltbild hat sich aus unseren Erfahrungen, unserer Kultur, unserer Erziehung und dergleichen ergeben. Aber unser Weltbild ist fehlbar und muss immer wieder von der Schrift korrigiert werden. Hier in seinem Wort macht der Herr deutlich, dass sein Evangelium an alle gerichtet ist, und daher soll seine Kirche es auch sein; in seinem Wort bricht der Herr unseren Widerwillen dagegen, das Evangelium zu andern zu bringen, zu feiern und zu bezeugen. Gott der Herr will Menschen erretten, die so ganz anders aussehen und reden und denken und essen und singen als du und ich. Und Er tut es, wo es Ihm beliebt. Da dürfen wir nicht zu ihm sagen: „Geh mit deinen eigenen Leuten abhängen.“

Keiner hat gesagt, dass das einfach ist. Für Petrus war es auch nicht einfach. Aber es gehört doch zum Missionsauftrag dazu. Mission ist nicht einfach auf Missionsgesellschaften abzuschieben, sondern die Kirche selbst hat einen missionarischen Auftrag. Wir dürfen natürlich Missionsgesellschaften stiften, um das missionarische Wirken der Kirche zu bündeln und zu organisieren, aber dabei darf es nicht bleiben – so sagte Wilhelm Löhe es schon, Mission ist nichts als die Kirche in ihrer Bewegung. Und ihr Lieben, weil die Kirche davon überzeugt ist, tut sie es gerne aufgrund des Glaubens, und findet immer wieder: Es lohnt sich allemal! Dass du und ich heute hier in der Kirche sind und Glieder sein dürfen ist Zeugnis, dass der Herr seine Kirche über die Schranken der Kulturen und Sprachen und Weltbilder gesandt hat, sodass auch unter den alten Germanen missioniert wurde. Die Mission geht um die Errettung von Menschen für alle Ewigkeit. Auch heute und hier wirkt Gott der Herr unermüdlich darauf hin, aus allen Völkern seine Kirche zu bauen. Es gibt heute Hmong-Gemeinden in unserer Schwesterkirche, der LCMS. Auch Somali-Gemeinden und Araber-Gemeinden und ganz kunterbunte Gemeinden. In der Kirche ist es letztlich Gottes Weltbild, das trägt. Und was ist sein Weltbild? Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Ja, in Welt und Kirche ist es Gottes Weltbild, das trägt. Und das ist gut so. Amen.