Bei dem Wort „Engelsaugen“ denken die meisten Deutschen an ein Gebäck.Engelsaugen sind runde, dicke Kekse mit einem Klacks Erdbeermarmelade in der Mitte. Hier in Südafrika gibt es etwas Ähnliches: in den Kekspackungen von Bakers’ Biscuits – „Choice Assorted“ heißen die – haben wir uns als Kinder immer über die Strawberry Whirls gestritten, die runden Kekse mit der süßen Erdbeerfüllung. Ähnlich sehen Engelsaugen aus. Zumindest die deutschen, aber wohl nicht die himmlischen. Doch um die geht es heute, und um das, was sie sehen. Heute wollen wir uns auf nur ein Paar Engelsaugen konzentrieren und durch diese Augen den großartigsten Anblick betrachten, den diese Welt je gesehen hat. Ich spreche von den Augen des Osterengels im leeren Grab Jesu.
Es ist schon komisch, dass wir es das „leere Grab“ nennen, denn Markus berichtetnämlich, wie voll es im Grab am ersten Ostersonntag war. Die beiden Marias und Salome bekommen einen Schock, als sie den großen Stein vor dem Grab weggerollt vorfinden; sie gingen hinein, um nachzuschauen; und sie erschrecken,weil dort kein toter Jesus liegt, sondern es sitzt ein junger Mann in langem, weißen Gewand, ein Engel des Herrn. Man kann sich die Augen der Frauen vorstellen wie zwei große Strawberry Whirls, wie Engelsaugen. Denn es stellt sich Schock bei den Frauen ein aus mindestens zwei Gründen: Erstens, weil Jesu Leiche nicht da ist, und zweitens, weil die Engel Gottes einem Angst einjagen.Heute hören wir das Evangelium nicht nach St. Hallmark oder nach dem unheiligen Hollywood. Wenn’s nach denen ginge, würde in Jesu Grab ein nacktes Baby herumflattern oder eine biegsame, schmiegsame, seelenruhige Frauenfigur in Gebetspose. Nein, die Heilige Schrift beschreibt Gottes Engel als männliche Figuren, die Menschen Furcht einflößen. Deshalb sind die ersten Worte, die den Engeln über die Lippen kommen, oft: „Fürchtet euch nicht!“
Am Ostermorgen geschieht genau das. Die Frauen entsetzen sich. Der Engel sagt ihnen: „Entsetzt euch nicht!“ (Markus 16,6). Sie brauchen keine Angst vor diesemEngel zu haben, denn er ist in Frieden gekommen, um die Frohe Botschaft zu verkünden. Das Wort, das wir mit „Engel“ übersetzen, bedeutet buchstäblich„Bote“; es ist seine Hauptaufgabe, das Evangelium zu verkünden. Keine Angst!,sagt er. Jesus ist wahrhaftig auferstanden! Halleluja! „Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten. Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingehen wird nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat“ (V.6–7).
Der Engel weist die Frauen an, ihre Augen auf die leere Grabstätte zu richten, selber zu sehen, dass Jesus nicht da ist, und dann erklärt er ihnen, was seine eigenen Augen gesehen haben. Er weiß, wonach sie suchen, Jesus von Nazareth, „den Gekreuzigten“. Die Frauen hatten Jesus am Kreuz gesehen, wie er unter dem Zorn seines Vaters für die Sünden der ganzen Welt litt, und sie hatten zugesehen, wie Josef von Arimathäa Jesu Leiche begrub, aber das war auch schon alles, was sie gesehen hatten. Der Engel hingegen hat mit eigenen Augen den auferstandenen Jesus gesehen, nennt ihn aber dennoch „den Gekreuzigten“.
Später am Nachmittag erscheint Jesus zehn seiner Jünger und beweist ihnen seine Identität, indem er ihnen die Nägel- und Speerwunden an seinen Händen und seiner Seite zeigt. Am folgenden Sonntag lädt Jesus den zweifelnden Thomas ein, diese Wunden zu berühren, und daraufhin wird der zweifelnde Thomas zum gläubigen Thomas und ruft den Gekreuzigten an: „Mein Herr und mein Gott!“ (Joh 20,28). Später einmal begegnet Saulus dem auferstandenen Jesus auf dem Weg nach Damaskus und schriebt dann an die Korinther: „Ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, den Gekreuzigten“ (1 Kor 2,2). Und die Galater erinnert er daran, dass er ihnen Jesus Christus vor die Augen gemalt hat als den Gekreuzigten“ (Gal 3,1b).
Vielleicht meinst du: Es ist Ostern, warum konzentrieren wir uns immer noch so sehr auf die Kreuzigung? Weil das Kreuz immer im Mittelpunkt unserer Theologie stehen muss als Mittelpunkt des Lebens. Ein Gott, der nicht für dich gekreuzigt wurde, nützt dir nichts. Schaut durch die Engelsaugen und seht: Jesus ist der Gekreuzigte, der für eure Sünden getötet wurde. Das Kreuz ist unser Leben! Paulus öffnet uns die Augen für die Sichtweise des Glaubens: „Ich bin mit Christus gekreuzigt. Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dahingegeben“ (Gal 2,20); „Es sei aber fern von mir, mich zu rühmen als allein des Kreuzes unseres Herrn Jesus Christus, durch den mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt“ (6,14).
Ohne Ostern, ohne Auferstehung ist das natürlich alles nichts. Du musst auch mit den Engelsaugen erkennen, dass Jesus an Ostern für deine Rechtfertigung auferstanden ist. Karfreitag und Ostern sind wie zwei Seiten derselben Münze. Mit einer einseitigen Münze kannst du nichts kaufen. Jesus konnte deine Erlösung nicht allein durch seinen Tod oder allein durch sein Leben erkaufen, sondern nur durch beides. Er musste Gottes Gesetz aktiv für dich halten und passiv für deine Übertretungen des Gesetzes leiden. Er musste aktiv gegen Satan kämpfen, den du nicht besiegen konntest, und für all die Male sterben, in denen du des Teufels Versuchungen nachgegeben hast. Er musste ins Grab hinabsteigen und all deine Sünden dort ablegen, aber er musste lebendig wieder hervorkommen, um dir die Vergebung der Sünden und seine eigene Gerechtigkeit zu schenken. Eine teures Lösegeld, eine teure Münze mit 2 Seiten.
Mit seiner Auferstehung tritt ein neues Muster ein. Ja, den Jüngern wird Jesus sich nochmal zeigen, und Maria auch, aber ab jetzt verbirgt Jesus sich vor den Augen seiner Nachfolger und schickt Engel, seinen Tod und seine Auferstehung zu verkünden. Auch wenn du wie die Frauen am Grab bist und Jesus nicht mit deinen Augen sehen kannst, wurde für dich das zuverlässige Zeugnis des Engels in der Schrift festgehalten, das teure Evangelium, das du stets vor Augen haben solltest. Auch wenn Jesus vor unseren physischen Augen verborgen bleibt, sendet er uns seit seiner Auferstehung immer noch Engel, um seine Gegenwart unter uns zu bezeugen. Nein, nicht Engel vom Himmel, sondern irdische Engel, die das Evangelium verkünden. Engel bedeutet buchstäblich „Bote“. In der Bibel sind „Engel“ nicht immer himmlische Wesen. Der sehr menschliche und sterbliche Johannes der Täufer z.B. wird als Gottes „Engel“ / Bote bezeichnet.
Nach seiner Auferstehung sandte Jesus seine Apostel aus, damit sie seine Engel, seine Boten, seien und aller Kreatur das Evangelium predigen. Und diese Engel-Apostel setzten überall, wo sie hinkamen, Pastoren und Lehrer ein, um die frohe Botschaft von Karfreitag und Ostern weiterzusagen. So wie Gabriel, der Engel des Herrn, Maria die wunderbare Nachricht brachte: Der Herr ist mit dir!, so verkünden nun irdische Engel, d.h. Boten auf der ganzen Welt, dass der Herr Jesus mit uns ist bis an der Welt Ende. So wie der Engel des Herrn zu Weihnachten den Hirten die frohe Botschaft von großer Freude allem Volk brachte, so verkünden nun irdische Engel die frohe Botschaft von großer Freude, dass Christus für alle gestorben ist, für die Sünden der ganzen Welt, und auferstanden ist, um alle Menschen zu rechtfertigen, damit sie durch den Glauben an diese Botschaft gerettet werden.
Wie Engel sahen Christi Apostel aber nicht aus, und seine Pastoren heute auch nicht. Wir sind nun mal wirklich keine Augenweide. Niemand schaut uns Pastoren an und sagt, die haben aber Engelsaugen. Aber was die Apostel und Pastoren des Herrn haben, sind liebliche Füße. Nicht wortwörtlich, sondern wie Jesaja prophezeit und Paulus bestätigt hat: „Wie lieblich sind die Füße der Freudenboten, die das Gute verkündigen!“ Mit anderen Worten: Die Fußstapfen der Engel, die uns das Evangelium predigen, sind lieblich und schön weil sie die herrliche Botschaft Christi verkünden, und Paulus fährt fort: „Der Glaube kommt aus der Predigt, die Predigt aber durch das Wort Christi“ (Röm 10,17).
Augen wie Strawberry Whirls sind gut zum Staunen. Und das wollen wir heute, staunen über das Wort des Engels. Aber mehr noch: Hört hin, hört zu, was Christus euch heute in der Christusgemeinde Kirchdorf sagen lässt durch den Boten, den er berufen hat: Um Jesu Christi willen sind euch eure Sünden vergeben. Weil ihr in seinen Tod und seine Auferstehung getauft seid, seid ihr nun mit seiner Gerechtigkeit bekleidet, die ewiges Heil schenkt. Und erkennt, dass Jesus heute im Abendmahl kommt, um seine Nachfolger mit seinem wahren Leib, der für euch gegeben wurde, und seinem wahren Blut, das zur Vergebung aller Sünden vergossen wurde, zu speisen, verborgen unter Brot und Wein. Wir sehen Jesus nicht bei uns, aber durch seine Engelboten verkündet er, dass er versprochen hat, hier zu sein, sodass wir ihn mit den Augen des Glaubens sehen. Nach dem Abendmahl werden wir singen: „Herre, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren… Denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen.“ Doch zuerst blicken wir hinter und unter Brot und Wein und mit Engelsaugen verehren wir Christus, „durch welchen deine Majestät loben die Engel, anbeten die Herrschaften, fürchten die Mächte“, versammeln uns um den herrlichen Thron Christi, den „die Himmel und der Himmel Kräfte samt den seligen Seraphim in einhelliger Freude preisen“.
Zu Ostern sagte der Engel den Frauen, wo Jesus zu finden; und heute zu Ostern ist das auch meine Botschaft an euch: Jesus hat versprochen, dass ihr ihn in finden könnt, wo und wie er euch gesagt hat, in Wort und Sakrament, bis dass er kommt, er, der für eure Sünden gekreuzigt und zu eurem Heil auferstanden ist, und ihr ihn schauen werdet von Angesicht zu Angesicht. Halleluja! Christus ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden! Halleluja! Amen.
Wochenspruch
Christus spricht: Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle. Offenbarung 1, 18
Epistel
Ich erinnere euch an das Evangelium, das ich euch verkündigt habe, das ihr auch angenommen habt, in dem ihr auch fest steht, durch das ihr auch selig werdet, wenn ihr’s festhaltet in der Gestalt, in der ich es euch verkündigt habe; es sei denn, dass ihr umsonst gläubig geworden wärt. Denn als erstes habe ich euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe: Dass Christus gestorben ist für unsre Sünden nach der Schrift; und dass er begraben worden ist; und dass er auferstanden ist am dritten Tage nach der Schrift; und dass er gesehen worden ist von Kephas, danach von den Zwölfen. Danach ist er gesehen worden von mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal, von denen die meisten noch heute leben, einige aber sind entschlafen. Danach ist er gesehen worden von Jakobus, danach von allen Aposteln. Zuletzt von allen ist er auch von mir als einer unzeitigen Geburt gesehen worden. Denn ich bin der geringste unter den Aposteln, der ich nicht wert bin, dass ich ein Apostel heiße, weil ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe. Aber durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin. Und seine Gnade an mir ist nicht vergeblich gewesen, sondern ich habe viel mehr gearbeitet als sie alle; nicht aber ich, sondern Gottes Gnade, die mit mir ist. Es sei nun ich oder jene: so predigen wir, und so habt ihr geglaubt.
1. Korinther 15, 1 – 11
Hauptlied
Christ lag in Todesbanden 181
Erschienen ist der herrlich Tag 183
Evangelium
Als der Sabbat vergangen war, kauften Maria von Magdala und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um hinzugehen und den Leichnam Jesu zu salben. Und sie kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging. Und sie sprachen untereinander: Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür? Und sie sahen hin und wurden gewahr, dass der Stein weggewälzt war; denn er war sehr groß. Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling zur rechten Hand sitzen, der hatte ein langes weißes Gewand an, und sie entsetzten sich. Er aber sprach zu ihnen: Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten. Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingehen wird nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat. Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemandem etwas; denn sie fürchteten sich.
Markus 16, 1 – 8