Palmarum (Der Schmerzensmann) – 2024

Palmarum (Der Schmerzensmann)

Unsere Erwartungen stimmen oft nicht mit der Realität überein. Schon mal erlebt? Du meintest, das Essen auf der Speisekarte sähe gut aus, aber als es auf dem Tisch landet, sieht es nicht so gut aus. Du fandest, dein Bruder hätte ein gutes Foto von dir gemacht, aber als du es dir angucktest, wolltest du sofort ein Neues. Du nahmst an, das geht bestimmt, das Auto für die Reise zu beladen, aber deine Familie will den halben Hausrat in den Kofferraum laden. Manchmal stoßen sich unsere Erwartungen mit der Realität.

Zu Palmarum geht es auch darum, auf Erwartungen und eine Realität, klaffen weit auseinander. Jesu Einzug in Jerusalem zu Palmarum war nicht der erste und nicht der einzige Umzug, den es in Jerusalem gegeben hat. Römische Geschichtsschreiber berichten, dass der Präfekt von Judäa, Pontius Pilatus, regelmäßig Militärparaden abhielt – Paraden römischer Kavallerie und Soldaten, die in die Stadt Jerusalem einmarschierten.

Jesus zieht zu Palmarum von Osten in die Stadt Jerusalem ein. Von der gegenüberliegenden Seite, von Westen, führte Pontius Pilatus römische Soldaten zu Pferd und zu Fuß an. Jeder Soldat trug einen auf Hochglanz polierten Lederpanzer. Auf dem Kopf eines jeden Soldaten schimmerten gehämmerte Helme im hellen Sonnenlicht. An der Seite trug jeder Soldat in seiner Scheide ein Schwert aus dem härtesten Stahl, in der Hand einen Speer. Wenn er ein Bogenschütze war, trug er einen Bogen mit einem Köcher voller Pfeile auf dem Rücken. Trommler trommelten den Rhythmus des Marsches. Die Botschaft war klar. Der Frieden kam durch römische Macht und Stärke. Historiker nennen ihn Pax Romana – den römischen Frieden.

Welche Erwartung wird hier gehegt? Am Palmsonntag erwarteten Jesu Jünger, dass Jesus, der von Osten kam, die römischen Legionen besiegen und den Juden Frieden bringen würde. Die Menge rief an diesem Sonntag: [13]. Das Wort Hosianna bedeutet „Hilf doch! Bitte hilf!“. Hosianna war der Ruf an König Jesus, die Pax Romana durch jüdischen Frieden zu ersetzen. Sie schwenkten sogar Palmzweige – das alte Zeichen für Sieg und Triumph! Jüdischer Frieden durch König Jesus! Das war es, was die Menschen erwarteten – aber dann stellt sich eine andere Realität ein. [14f.]. Das ging der Erwartung ganz und gar zuwider. Pferde brachten Sieg auf dem Schlachtfeld, und Streitwagen, nicht Esel! Pferde und Streitwagen stehend für Sieg und Macht, aber Jesus reitet auf einem Esel in Jerusalem ein. Nicht auf einem Schlachtross, nicht auf einem Hengst, nicht mal auf einem Lippizaner. Er hat keine Streitwagen, kein Heer, kein Schwert, keinen Helm und keinen Speer. Was denkt Jesus sich eigentlich dabei?

Kein Wunder, dass Johannes schreibt: „Das verstanden seine Jünger nicht“ (16). Sie hatten keinen blassen Schimmer – keinen blassen Dunst – nicht die blasseste Ahnung. Die haben nichts gerafft. Immer wieder kommt das im Joh vor. (1) Der Speisemeister an der Hochzeit zu Kana weiß nicht, woher der Wein kommt (Joh 2,9). (2) Die Juden glauben, dass Jesus den Tempel in drei buchstäblichen Tagen wiederaufbauen wird (Joh 2,20). (3) Nikodemus glaubt, Jesus spreche von einer buchstäblichen zweiten Geburt (Joh 3,4.9). (4) Die Samariterin hat keine Ahnung, was Jesus mit „lebendigem Wasser“ meint (Joh 4,10-15). (5) Der Kranke, der am Teich Betesda geheilt wurde, weiß nicht, wer es getan hat (Joh 5,13). (6) Die Satten wollen Jesus zu einem irdischen König machen (Joh 6,15). (7) „Seine Brüder glaubten nicht an ihn“ (Joh 7,5). (8) Die Menschen sind verwirrt über Jesu Geburt in Bethlehem (Joh 7,41-42). (9) Die Jünger verstehen Jesus nicht, als er sagt, dass Lazarus schläft (Joh 11,11-13). (10) Martha versteht nicht, was Jesus mit „Auferstehung“ meint (Joh 11,24). (11) Petrus versteht die Bedeutung der Fußwaschung nicht (Joh 13,6-11). (12) Die Jünger im Abendmahlssaal verstehen nicht, was es bedeutet, dass Judas das Mahl verlässt (Joh 13,28-30). (13) Thomas und Philippus haben keinen Schimmer, was Jesus meint, als er sagt, er sei „der Weg“ (Joh 14,5). (14) Petrus schneidet Malchus ein Ohr ab und zeigt damit, dass er Jesu Kreuzesplan nicht versteht (Joh 18, 10-11). (15) Maria Magdalena erkennt Jesus nicht (Johannes 20,14-15). (16) Sieben Jünger gehen fischen und erkennen ihren auferstandenen Herrn nicht (Joh 21,4).

Das ist eine lange Liste! Da muss man denken an eine Geschichte aus dem American Football. Da gab es mal einen NFL-Spieler, der ein künstliches Auge hatte. Während eines Spiels kam es zu einem so heftigen Tackle, dass sein künstliches Auge herausgesprungen ist. Schließlich fand man das fehlende Auge, und der Spieler setzte es wieder ein und bestand darauf, weiterzuspielen. Da sagte der Schiedsrichter im Scherz zu dem Spieler: „Fred, ich bin beeindruckt. Aber was wäre, wenn du das andere Auge verloren hättest?“ „Ganz einfach“, schnauzte der Spieler, „dann würde ich Schiedsrichter werden!“ Schiedsrichter sind nicht die einzigen, die blind sind. Auch die Menschen im Joh sind blind. Und wir sind es oft genug auch.

Ihr Lieben, es gibt Zeiten, da sind wir geistig blind, weil wir unbedingt einen anderen Erlöser wollen. Einen Erlöser, der unsere Probleme sofort löst, unsere Wunden heilt und uns auf wundersame Weise von Krankheiten und allem Unheil und Leid befreit. Einen Erlöser, der nur Schönes und Gutes vom Himmel regnen lässt.

Erwartungen und Realität stoßen sich oft miteinander. Judas verrät Christus für 30 Silberlinge. Petrus schlägt den Diener des Hohenpriesters mit dem Schwert. Alle Jünger lassen den Heiland im Stich. Am Freitag schließlich lehnen die meisten Juden Jesus ab und schrien: „Kreuzige ihn! Kreuzige ihn.“ Kein Wunder, dass der Heiland am Freitag unter einem Schild hing, auf dem stand, warum Rom ihn hinrichtete: „Dies ist Jesus von Nazareth, der König der Juden“ (Mt 27,37). Auf der Suche nach einem König mit Reich und Macht und Herrlichkeit haben die Menschen übersehen, dass Gott dauerhaften und beständigen Frieden anbietet durch den König auf dem Esel.

Aber noch ist nicht alles verloren! Gott hat die Dunkelheit des Karfreitags in das Licht von Ostern verwandelt. Gott verwandelte den Tod mit seinem entsetzlichen Leiden in ein leeres Grab, das voller Freude ist. Gott hat den Schatten des Kreuzes in dauerhaften Frieden verwandelt. Und das ist Friede, wie wir ihn brauchen! Das vergossene Blut des Erlösers schafft Frieden, so dass wir allein durch den Glauben Frieden haben mit Gott (Röm 5,1) und den Frieden Gottes (Philipper 4,7) haben. Gott vermittelt diesen Frieden auf konkrete Weise an bestimmten Orten – in der Verkündigung des Evangeliums, in der Heiligen Taufe und im Abendmahl.

Ich habe in Amerika Menschen getroffen, die sagen: „I’ve made my peace with the man upstairs.“ Was sie wirklich meinen, ist, dass sie einen Waffenstillstand mit Gott geschlossen haben. „Gott, du bleib da auf deiner Seite des Zauns, und ich bleibe auf meiner. Gott, du bleibst oben im Himmel und machst dein Ding, und ich bleibe auf der Erde und mache mein Ding. Und wenn du mich nicht störst, werde ich dich auch nicht stören!“ Aber das ist kein Friede mit Gott. Das ist ein Waffenstillstand mit Gott. Gott bietet uns aber so viel mehr!

Seine offenen Arme laden uns ein, uns unter das Kreuz zu stellen und seine wunderbaren Verheißungen zu empfangen: „Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch“ (Joh 14,27). „Das habe ich mit euch geredet, damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden“ (Joh 16,33). Jesus kommt und tritt „mitten unter sie und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch!“ (Joh 20,19).

Einer meiner amerikanischen Dozenten ging mal mit seinem Sohn und seiner Tochter einkaufen. Es ging um ein Fahrrad für die fünfjährige Tochter. Sie suchte sich ein glänzendes, blaues Fahrrad aus. Der kleine Junge, 3 Jahre alt, beschloss, dass er auch ein Fahrrad haben sollte. Sein Papa sagte ihm, dass er immer noch Probleme mit seinem Dreirad hatte und dass er sich mit einem großen Kinderfahrrad wohl wehtun würde. Der Papa versprach, dass er ihm bestimmt eines Tages ein Fahrrad kaufen würde – aber nicht heute. Da schaute der Junge auf und fragte: „Dann bekomme ich kein anderes Fahrrad?“ „Nein, Junge, heute nicht. Du bekommst kein anderes Fahrrad.“ Da schrie der Kleine aus vollem Halse: „Dann will ich einen anderen Papa!“

Erwartungen und Realität stoßen sich oft miteinander. Die Realität ist, dass Jesus auf einem Esel nach Jerusalem reitet. Die Realität ist, dass er leidet, blutet und stirbt. Die Realität ist, dass wir aufgerufen sind, unser Kreuz auf uns zu nehmen und ihm nachzufolgen. Die Realität ist, dass Gebete manchmal mit Nein erhört werden, dass Hoffnungen mal enttäuscht werden, dass unsere finanziellen Schulden und Depressionen nur selten über Nacht verschwinden.

Doch die Realität ist auch, dass Jesu Jünger nicht auf Dauer ahnungslos blieben. Joh schreibt: „Das verstanden seine Jünger zuerst nicht; doch als Jesus verherrlicht war, da dachten sie daran, dass dies von ihm geschrieben stand und man so mit ihm getan hatte“ (Joh 12,16). Am Ende verstanden die Jünger den Frieden Jesu doch, und durch die Gegenwart und Kraft des Heiligen Geistes werden auch wir ihn verstehen. Und wir werden ihn nicht nur verstehen, sondern ihn auch empfangen, weitergeben und leben. [15] Amen.

Soli Deo Gloria

Pastor Dr. Karl Böhmer


Palmarum (Der Schmerzensmann)

PALMARUM

Wochenspruch

Der Menschensohn muss erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben. Johannes 3, 14b. 15

Introitus – Nr. 26 (Matthäus 21, 9; Psalm 69, 31 u 33)

Epistel Seid so unter euch gesinnt, wie es auch der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht: Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt. Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz. Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist, dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.

Philipper 2, 5 – 11

Hauptlied

Du großer Schmerzensmann 161

Evangelium

Als die große Menge, die aufs Fest gekommen war, hörte, dass Jesus nach Jerusalem käme, nahmen sie Palmzweige und gingen hinaus ihm entgegen und riefen: Hosianna! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn, der König von Israel! Jesus aber fand einen jungen Esel und ritt darauf, wie geschrieben steht: „Fürchte dich nicht, du Tochter Zion! Siehe, dein König kommt und reitet auf einem Eselsfüllen.” Das verstanden seine Jünger zuerst nicht; doch als Jesus verherrlicht war, da dachten sie daran, dass dies von ihm geschrieben stand und man so mit ihm getan hatte. Das Volk aber, das bei ihm war, als er Lazarus aus dem Grabe rief und von den Toten auferweckte, rühmte die Tat. Darum ging ihm auch die Menge entgegen, weil sie hörte, er habe dieses Zeichen getan. Die Pharisäer aber sprachen untereinander. Ihr seht, dass ihr nichts ausrichtet; siehe, alle Welt läuft ihm nach.

Johannes 12, 12 – 19