Predigt – Alles einsetzen, um den ersten Preis zu gewinnen! 19. Sonntag nach Trinitatis 2026

Einige Redner sind so begabt, können so fesselnd reden, dass Menschen wie gebannt sitzen und zuhören. Wie ein Magnet ziehen sie die Aufmerksamkeit ihrer Hörer auf sich, und jeder will wissen: Wo geht das hin? Was kommt als Nächstes? Man denke z.B. an Komiker wie Jan Spies oder Trevor Noah. An Politiker wie Winston Churchill. An Pastoren wie Bryan Wolfmueller oder den Kirchenvater Johannes Chrysostomus, d.h. „Goldmund“, weil Menschen so an seinen Lippen hingen, als er predigte. 1600 Jahre später wird seine Osterpredigt immer noch jedes Jahr in orthodoxen Kirchen verlesen. Solch ein Redner, solch ein Prediger war auch Jesus selbst, ja, noch viel mehr. Man musste Jesus zuhören, das war wie ein Zwang. Ein überaus begabter und begnadeter Redner.

Das sieht man hier bei Mk 2, da strömen Scharen herbei, in dem Haus sind so viele so dicht an dicht, dass sie sich kaum bewegen können, sogar vor der Tür ist kein Raum, so stehen die Menschen da und lauschen wie gebannt. Aber plötzlich gibt es eine Störung, seine Rede wird unsanft unterbrochen, es kritscht und knistert und kratzt an der Decke, wie bei einem Grasdachhaus wird das Dach abgedeckt, es entsteht ein Loch und die Sonne scheint herein. Erschreckt schauen alle nach oben – was ist da los? Auf Jesus rieselt Staub und Schilf und Gips und Dreck herab, er hört auf zu reden, man sieht Köpfe und Hände und plötzlich wird ein Mann auf einer Decke an vier Seilen heruntergelassen.

Wir würden dabei wohl Einbrecher vermuten und uns nach Waffen umsehen, aber Jesus lässt sich berieseln, schaut nach oben und sieht ihren Glauben. Den Glauben der vier Träger und den Glauben des Gelähmten. Auf Biegen und Brechen wollen sie ihrem behinderten Freund Zugang zu Jesus verschaffen, auch wenn sie ihn dabei beschmutzen und unverschämt unterbrechen und alle Zuhörer stören. Wenige Wochen zuvor hatte Jesus mit heilenden Worten und helfenden Händen hier im gleichen Dorf nicht nur Petrus’ Schwiegermama, sondern viele Kranke geheilt, Aussätzige kuriert, besessene Menschen von Dämonen befreit. Nun ist er wieder da, hier ist die Gelegenheit, los!, hin zu Jesus!, auf alle Kosten, wenn nicht durch die Tür, dann eben durch das Dach.

Jesus wird unterbrochen. Er lässt es zu. Er sieht die Freunde und die Hoffnung in den Herzen, Jesus sieht den Gelähmten, seine Gebrechen und seinen Glauben, alles verstummt, alles wartet wie gebannt: was wird er nun dazu sagen? … Jesus bricht das Schweigen und sagt: „Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.“ Das hat keiner hier erwartet, das hat keiner kommen sehen. Alles hatte man drangesetzt, um den Gelähmten zu heilen, aber Jesus vergibt ihm seine Sünden. Das klingt zunächst enttäuschend. Wie der Tennisspieler, der in Wimbledon nach dem Endspiel nicht den großen Pokal, sondern den zweiten Preis erhält, oder wie wenn im Mall eine Mutter ihr Kind auf den Schoß des Weihnachtsmannes setzt und – er nur noch eine Umarmung übrig hat.

Doch die Schrift lenkt den Fokus nicht auf enttäuschte Gesichter, sondern auf verbitterte Herzen und verärgerte Zuhörer. Das ist ja das Merkwürdige: Dass gerade die besten Redner oft nicht Begeisterung auslösen, sondern Ärger. Dass sie sich so deutlich ausdrücken, dass ihre Hörer unmissverständlich mitkriegen, worum es geht, weil die besten Redner gerade nicht auf Effekthascherei aus sind, sondern darauf, die Wahrheit zu vermitteln, so gut sie es können. Und das gilt bei dem Herrn Christus allemal. Es waren Scharen gekommen, um ihn reden zu hören, aber als sie merkten, dass er nicht gekommen war, um kostenlose T-Shirts und KFC zu verteilen, sondern um zu suchen und selig zu machen, was verloren ist, und zwar durch die Vergebung ihrer Sünden, da schimpften sehr viele auf Jesus, kehrten ihm den Rücken zu und wollten ihn nicht mehr hören.

Schon hier am Anfang des Mk fängt es bei den Schriftgelehrten an. Sie haben auch wie gebannt Jesus zugehört, konnten gar nicht anders, haben nun gehört, wie Jesus dem Gelähmten die Sünden vergibt, haben genau verstanden, worum es geht, und ärgern sich. Jesus sieht die Dinge anders als du und ich. Er sieht den Freunden ins Herz, den Schriftgelehrten ins Herz, dem Gelähmten ins Herz, sieht Jesus genau, was wirklich los ist. Er sieht, was dem Gelähmten wirklich fehlt und wie krank er in Wirklichkeit ist. Du und ich, wir würden sagen: So gelähmt zu sein wie dieser Mann – das ist schlimm! Das ist kein Leben! Jesus aber sagt: Sünde im Herzen zu haben – das ist schlimm. Das ist kein Leben, sondern ein Todesurteil. Denn der Sünde Sold ist der Tod (Röm 6,23).

Das ist nicht nur bei diesem Gelähmten so. Es ist bei allen Menschen so. Die Sünde im Herzen macht dich krank. Sterbenskrank. Wir denken: Hauptsache gesund. Wir denken: Die Gesundheit ist alles im Leben, und wenn du lebenslänglich Gebrechen hast, dann hast du keine Aussicht mehr. Jesus sagt: Nein. Wenn du in der Sünde steckst und die Sünde in dir, das ist kein Leben mehr, dann bist du lebendig tot. Wir wollen praktisch reden. Die Heilige Schrift sagt in Eph 4: Lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen, denn wer an seinem Zorn festhält, öffnet mit diesem Zorn dem Teufel Tor und Tür. Wer faules Geschwätz redet, andere mit Worten fertigmacht, ihren Ruf zerstört, wer Menschen anschreit, der öffnet sich dem Teufel. Das sind alles Werke des alten Menschen, sie richten uns zugrunde und reißen uns ins Verderben.

Jesus deckt das auf. Er macht deutlich, was das wahre Gebrechen ist. Aber freut euch. Freut euch. Das ist das Evangelium, die frohe Botschaft, das wahre Wunder: Jesus ist nicht nur gekommen als der größte Redner aller Zeiten, dessen Worte in Ewigkeit bleiben als die größte Weisheit der Welt, dessen Worte uns alle richten, sondern er ist gekommen, euch das Wort des Lebens zu sagen und damit euer größtes Gebrechen zu heilen. Seine Liebe, seine unergründliche Liebe und seine bodenlose Barmherzigkeit, sie und nichts anderes haben ihn dazu getrieben, die wahren Gebrechen und Nöte und die Krankheit dieser Welt auf sich zu nehmen und ihre Folgen zu erleiden. Sie haben ihm das Leben gekostet. Er hat es liebend gern getan. Jesus sieht die Not – und hält und hilft. Den Glauben der Freunde und des Gelähmten hat der Heilige Geist gewirkt, und zwar durch das Wort Jesu, und er tut das heute auch durch das Stammeln und Stottern der unbegabtesten Prediger, Jesus sieht diesen Glauben und vergibt dem Gelähmten seine Sünden.

Und dann heilt Jesus den Gelähmten am Ende auch. Jesus lässt sich gerne dreckig machen, um sich von Suchenden finden zu lassen, er nimmt gern den Schmutz der Welt auf sich, damit er heilen und helfen und in Ewigkeit saubermachen kann. Seht die Vollmacht Jesu Worte: Ich sage dir, steh auf, nimm dein Bett und geh heim! Und der Vergebene steht auf vor versammelter Mannschaft, nimmt sein Bett und geht vor ihnen nach Haus, geheilt an Seele und Leib. Dabei macht Jesus den Zweck der Heilung glasklar. Jesus heilt ihn, um den zornigen Zweiflern seine Macht zu zeigen, um zu beweisen, dass er tatsächlich Vollmacht hat, Sündern zu vergeben. Und damit macht er klar: Die Sündenvergebung ist der erste Preis. Und nur Jesus hat Macht, ihn zu verleihen. Das ist das größte Geschenk. Das ist die Hauptsache. Das ist der erste Preis.

Wir staunen, wie Jesus diesem Mann die Gebrechen heilt, dass er wieder gehen und springen und Jesus nachfolgen kann. Wir staunen über seine Heilung und übersehen so leicht, wie der Herr das gleiche Wunder an so vielen unter uns tut und getan hat. Wie viele unter euch können nicht sagen, wie ich, dass euer Bein einmal kaputt war, in Stücke geschlagen war, und heute heil ist? Wie viele hatten nicht schon Krebs und sind heute gesund? Hatten tiefe Wunden am Körper und heute nicht? Wie viele unter euch haben nicht neue Knie, neue Hüften, neue Arme, neues Blut? Jede Narbe ist ein Zeichen der Wunder Gottes!

Aber wir hängen uns nicht an den zweiten Preis, als wenn alles auf die Gesundheit ankommt und wir sie um jeden Preis wollen. Nein, wir lassen uns von Gott ins Herz schauen und von Herzen helfen. Die Gesundheit, die Gemütlichkeit, unser irdisches Wohlergehen, all das sind schöne Dinge, aber sie sind nicht alles. Sie sind lange nicht das Wichtigste. Statt darauf zu schauen, was wir nicht haben, lasst uns von dem besten Redner immer wieder ins dankbare Staunen versetzen. Staunt, dass Jesus euch eure Sünden vergibt. Fallt vor ihm nieder und preist ihn mit den Engeln. Staunt, dass er euch so gerne den ersten Preis schenkt. Staunt, dass sein Heiliger Geist euch das Herz auftut und es füllt mit Liebe, Freude, Frieden, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Keuschheit, mit Dankbarkeit für alles Gute in eurem Leben, das ihr aus seiner Hand empfangt. Staunt über den gütigen und gnädigen Gott, der allein Sünden vergeben kann. Und will.

Suche dir Freunde, die bereit sind, alles zu tun, um dich zu Jesus zu bringen, damit er dir sein Wort sagt und dich heilt an Seele und Leib. Solche Freunde brauchst du, damit du heil werden kannst. Ja, und sei du anderen solch ein Freund. Wie bringst du Menschen zu Jesus? Im Gebet. Indem du Jesus ihre Nöte sagst und ihn bittest um ihre Heilung. Wie bringst du Menschen zu Jesus? Nicht, indem du genau die richten Dinge sagst oder sie mit deiner Redekunst überredest. Es kommt nicht auf deine Worte an, sondern auf SEINES. Lade sie ein, bringe sie zu Jesus, hier in den Gottesdienst, oder nach Our Saviour oder Pella. Damit sie Jesus begegnen und sich heilen lassen. Lasst uns beten:

Jer 17,14 Heile du mich, HERR, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen; denn du bist mein Ruhm. Amen.

liturgische Farbe: grün

Festzeit: Trinitatiszeit

Wochenspruch: Jer 17,14

Wochenpsalm: Ps 32

Eingangspsalm: Ps 19, Ps 36, Ps 67, Ps 84, Ps 113

Epistel: Eph 4,22-32

Evangelium: Mk 2,1-12

Predigttext: Mk 1,32-39

Wochenlied: 320


Erklärung zu den Perikopen:

Die biblischen Predigttexte sind aufgeteilt in die Perikopenreihen I bis VI. Jede Reihe gilt – beginnend mit dem 1. Advent – fortlaufend für ein ganzes Kirchenjahr (aktuelle Reihe = III). Die einzelnen Reihen haben verschiedene Schwerpunkte (Evangelien, Briefe usw.).


I(Evangelium): Mk 2,1-12

II: Eph 4,22-32

III: Mk 1,32-39

IV: Jak 5,13-16

V: Joh 5,1-16

VI: 2. Mose 34,4-10