Einer, dem es so richtig gutging. So einer war Hiob. Ein Mann, den Gott liebte und der Gott liebte, ein rechtgläubiger, frommer Mann. Hiob hatte alles, was ein Mensch braucht, um glücklich zu sein. Eine Frau, die ihn liebte. Gut geratene Kinder, Geld, Güter, Gesundheit. Hiob ging es richtig gut. Doch dann verliert er alles. Im Nu, von einem Augenblick zum nächsten stürzt sein Leben ins Chaos. Alles weg. Geld weg, Güter weg, Gesundheit weg, Kinder tot. Hiob leidet große Not. Sein Leben liegt in Scherben. Mit einer dieser Scherben schabt er die schlimmen Geschwüre, die seinen Körper bedecken.
Langsam ahnt Hiob was. Je mehr Zeit vergeht, desto fester glaubt er: Gott will mich töten! (x2) „Siehe, [Gott] wird mich doch umbringen, und ich habe nichts zu hoffen.“ (13,15) Gott wird mich sowieso töten! Ich warte nur noch darauf.“ Aber in Kapitel 23 kommt Hiob zu einer neuen Erkenntnis. [10] Wenn er mich geprüft hat, werde ich wie das Gold vor ihm dastehen. Hiob lernt: Gott will mich doch nicht töten. Nein, Gott will, dass ich eine Person werde, die wie reines Gold ist; einen Menschen, der demütig ist, an Tiefe und Einsicht gewonnen hat. Gott will Hiobs bittere Erfahrungen nehmen und zum Guten wenden, um zuletzt etwas wunderbar Schönes zu erschaffen. So schön wie – Gold. Das Geheimnis liegt darin, zumindest eine Ahnung davon zu bekommen, wie Gott böse, bittere Dinge nutzen und zum Guten wenden kann.
Ich sehe ihn noch vor mir, den alten Mann. Ich war Pastor in PMB, hatte eines Tages zwei deutsche Damen im Gottesdienst, Mutter und Tochter. Nachdem kamen sie zu mir und fragten: „Bitte, kommen Sie und besuchen meinen Mann, meinen Vater. Der kann das Haus nicht mehr verlassen. Bitte, kommen Sie!“ Ich kam. Da saß er, der alte Mann, in seinem Stuhl. Verwittert. Zerknittert. Verbittert. „Tach!“, sagte er. Zog an seiner Zigarette. „Ich bin der Günther. Ich bin am Abkratzen.“ Er war ausgelernter Konditor (Feinbäcker), hatte sich als junger Mann in Kapstadt niedergelassen, eine deutsche Bäckerei betrieben mit deutschen Torten und Kuchen vom Feinsten; rauchte wie ein Schlot. So war er alt geworden, zu seiner Tochter nach PMB gezogen, so saß er nun. Die Zigarette in der einen Hand. Die Krebsdiagnose in der anderen. Wir kamen ins Gespräch. Über das Leben. Über den Tod. Über den Tod nach dem Tod. Über das Leben nach dem Tod. Über Christus. Sein Heil. Seine Erlösung. Günther hörte zu. Bot mir schließlich was zu trinken an. „Möchten Sie’n Kirschwasser?“ Kirschwasser – hatte ich noch nie getrunken; nur gehört, dass damit leckerer Kuchen gebacken wird. Und hier saß ein Feinbäcker vor mir. „Gut,“ sagte ich. Trank einen Schluck Kirschwasser. Schockschwerenot! Alles in mir verzog sich und legte sich in Falten. War das Zeug bitter!
Ein bitterer, böser Schock. So hat es Hiob getroffen. So trifft es dich, wenn deine Welt auseinanderfällt: Wie vor den Kopf geschlagen, auf einmal, unvorbereitet auf den Anruf, die WhatsApp, die „Hiobsbotschaft“. Ahnungslos, wenn wir vorm Arzt sitzen und er das K Wort sagt: Krebs. Kommt wie das Kirschwasser, ein bitterer Schock. Hiob konnte nichts sagen. Saß da. Sieben Tage lang. Kein Wort. Wenn deine Welt auseinanderfällt, geht es dir vielleicht auch so. Zuerst kannst du nichts sagen. Dann kommt die Stille. Dann die ohrenbetäubende Stille, wenn Gott nichts sagt. Wenn du ihn suchst. Und nicht findest. Hiob will vor ihn treten, in Gottes Gerichtssaal, weil er sich sicher ist, Gott wird ihm redlich zuhören; will dem Richter seine Sache erklären, Recht bekommen. [7]
Als Lutheraner rufen wir: Warte mal, Hiob, du bist doch gar nicht redlich oder rechtschaffen. Du bist wie wir, die „täglich viel sündigen und wohl eitel Strafe verdienen“. Aber darum geht es nicht vorrangig im Buch Hiob. Hiob – so beschreibt Gott ihn – „war ein frommer Mann, rechtschaffen, gottesfürchtig und mied das Böse“. Hiob lebte aus der Vergebung. Durch das Blut von Opfern hat Gott ihn gerecht gesprochen. Das Hauptargument im Buch Hiob geht darum, dass seine Freunde ihm ständig vorwerfen: Du hast gesündigt, dein Leid ist gerechte Strafe, gib’s endlich zu!, und Hiob ständig antwortet: Nein! So ist es nicht! Und Gott ihm später zustimmt und sagt: Hiob hat recht! Ich habe ihm nicht Leid zugefügt, weil er gesündigt hat. Ihr Lieben, wem Gott die Sünde vergibt, den straft er nicht. „Er handelt nicht mit uns nach unseren Sünden und vergilt uns nicht nach unsrer Missetat.“ (Ps 103,10) Klar: wer sich weigert, Buße zu tun und umzukehren, muss mit Gottes Strafe rechnen. Doch wer im Glauben steht und aus Gottes Vergebung lebt, den straft Gott nicht. Und trotzdem trifft uns Leid. Das ist es ja gerade: Schock. Schockschwerenot. Hiob auch. Er sucht nach Gott. Doch der schweigt. Hiob tritt in den Gerichtssaal; doch das Podium ist leer. Gott ist nicht da. [8f.] Im Buch Hiob schweigt Gott von Kap. 3 bis 37. 35 Kap. das Schweigen des Herrn.
Jesus lädt doch so freundlich ein: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Doch es kommen Zeiten, da kommt keine Antwort. Du bittest, suchst, klopfst an, doch der Herr antwortet nicht. Aus Schock wird schreckliches Schweigen. Schmerz. Anfechtung. Weil du ihn nicht verstehen kannst. Hiob sagt: [2; 16] Und du? Du sagst: Warum? Warum ausgerechnet dies? jetzt? ich? Warum starb meine Frau? Warum wurde mein Kind mit Spina bifida geboren, habe ich den guten Posten nicht bekommen? Warum dieser Unfall? So spricht Hiob am Anfang Kap 23. Am Ende: [17] Gott mag schweigen. Hiob aber nicht mehr. Sogar die Dunkelheit, die Finsternis, die sein Gesicht verdeckt, bringt ihn nicht zum Schweigen. Hiob redet. Sogar jetzt, sagt er, gebe ich nicht auf. Seine Frau sagt zu ihm: Vergiss es! Schreib Gott ab, wie er dich abgeschrieben hat. Hiob sagt: Nein. Das ist das Nein des Glaubens. Du und ich, wir kennen die Zeiten der Dunkelheit, wo das Leben finster wird, wo es aussieht, als hätte Gott uns abgeschrieben. Doch wir wissen auch aus dem Rückblick, dass wir in Zeiten der Not Gott fürchten gelernt haben, oft auch gereift sind, gewachsen sind, aus Verlusten gelernt haben, aus Problemen profitiert haben, in der Not den Wert und Halt des Glaubens gefunden haben. Wenn wir nicht nachlassen. Auch wenn jede Faser unseres Wesens aufgeben will. IHN loslassen will. In diesen Zeiten, in diesem Kampf dient Hiobs Leiden dir. Und mir. Lerne von ihm: Hör nicht auf zu kämpfen. Festzuhalten. Entdecke neu, dass dein Heiland da ist, selbst wenn er schweigt; er lässt nicht von dir! So schweige du nicht! Klage. Rede. Rufe.
Was will Gott denn eigentlich von dir? Nicht bloß Schock, Schweigen, Schmerz und Anfechtung. Nein: „… das ist der Wille Gottes, eure Heiligung.“ (1 Th 4,3) Auch und gerade schweres Leid, das deinen Glaube auf die Probe stellt, soll zu deiner Heiligung dienen. Heiligung bedeutet, dass Gott dich Christus immer ähnlicher macht. Oft meint man: Gottes Plan ist es, dich glücklich zu machen. In Ewigkeit, ja! Aber wir müssen erkennen: Das ist nicht seine 1. Priorität in dieser Welt. Gott will, dass du heilig wirst. Das bedeutet, deine Probleme, auch dein Leiden, sind nicht sinnlos. Damit will ich in keinster Weise dein Leiden kleinreden. Es gibt unfassbar schweres Leid, vor dem man oft nur schweigen kann. Solches Leid hat unterschiedliche Ursachen – es geschieht wegen der kaputten Welt, in der wir leben, wegen des bösen Willens böser Menschen und Teufel, oder wegen unseres eigenen Fleisches, das unbedingt eigene Wege geht. Und dann gibt es Leid, das Gott schickt. Wozu? Nur bei Hiob bekommen wir einen Blick hinter die Kulissen. In unseren Leiden nicht. So bringt es auch nichts, Leid erklären oder rationalisieren zu wollen. Sondern es bringt was, auf Gottes Herz zu schauen. Denn Gott, dein Gott, der einzige Gott, ist ein Gott, der Böses zum Guten wandelt. Bei Hiob heißt es am Ende: Der Herr wandte das Geschick Hiobs… (42,10) Was bedeutet das denn? Es ist ein hebräisches Sprichwort und bedeutet, dass Gott den Fluch rückgängig macht. Gott gibt ihm alles doppelt wieder. Hiobs Geschichte geht nicht mit Leid zu Ende!
Gott hat den Fluch rückgängig gemacht. Er hat das Böse bei Hiob zum Guten gewandt. Am Karfreitag auch. Als Jesus sein Blut für uns alle vergossen hatte, da sah das aus wie das Ende. Leid im Staccato: Plötzlich verhaftet. Ungerecht verurteilt. Herzlos bestraft. Unverschämt verspottet. Brutal geschlagen. Herzlos verlassen. Schonungslos gekreuzigt. Aber! Triumphierend auferstanden! Gott hat den Fluch rückgängig gemacht. Ostermorgen wie bei Hiob: Der Herr hat das Geschick Jesu gewandt. Und deins auch. Christus hat sich in das schlimmste Leid begeben – und ist nicht mehr tot! Er hat Leid, Schmerz, Anfechtung, den Tod besiegt; der Tod kann hinfort nicht über ihn herrschen. Gott hat das Böse in etwas Erstaunliches verwandelt, es zum Guten gewendet. Was bedeutet das? Es bedeutet, dass dein Leid und dein Schmerz kein Zufall sind, oder sinnlos sind. Nein, sie sind Wunden, die dir in einem kosmischen Kampf zwischen Gut und Böse zugefügt wurden. So spricht der Herr in Römer 8: Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, dass Gott alle Dinge zum Gutes wendet. Nicht die meiste Dingen, nicht einige Dingen, nicht nur diese oder jene Dinge, sondern: alle Dinge! Und wozu? dass sie gleich sein sollten dem Bild seines Sohnes. Er macht dich dem Bild seines Sohnes gleich, seines leidenden Sohnes, seines zuletzt siegreichen Sohnes! Die Schrift sagt nicht: alle Dinge sind gut. Nicht alle Dinge sind gut! Viele versetzen uns in Schock und fechten uns an. Hört, was die Schrift nicht sagt! Sie sagt nicht: Ach, wäre es nicht mal schön, wenn! Oder ich habe so eine leise Vermutung, dass …. Nein, wir wissen es. Wir sind überzeugt, dass der Gott Hiobs, der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, das Bittere nimmt und zum Guten wendet, dich prüft und läutert, das Ende alles Bösen in Christus bewirkt hat und zuletzt alles gut macht. Und dabei dich schön macht. Schön wie Gold. Gleich wie Jesus.
Was damals aus dem Günther geworden ist: Ich weiß es nicht. Ich weiß, dass sein Leid zumindest dazu geführt hat, dass ich ihm das Evangelium sagen durfte. Ich weiß auch, dass Kirschwasser sehr bitter ist – und dennoch unbedingt dazugehört, eine Schwarzwälder Kirschtorte zu backen. Keiner will das Bittere. Aber du weißt: Er wird wirklich alle Dinge zu deinem Besten wenden. Hiob sagt es so: Er prüfe mich, so will ich erfunden werden wie das Gold. Amen.
11. Sonntag nach Trinitatis (Pharisäer und Zöllner)
Wochenspruch
Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.
1. Petrus 5, 5b
Introitus – Nr. 52 (Daniel 9, 18)
Epistel
Gott, der reich ist an Barmherzigkeit, hat in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat, auch uns, die wir tot waren in den Sünden, mit Christus lebendig gemacht – aus Gnade seid ihr selig geworden -; und er hat uns mit auferweckt und mit eingesetzt im Himmel in Christus Jesus, damit er in den kommenden Zeiten erzeige den überschwenglichen Reichtum seiner Gnade durch seine Güte gegen uns in Christus Jesus. Denn aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es, nicht aus Werken, damit sich nicht jemand rühme. Denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, dass wir darin wandeln sollen.
Epheser 2, 4 – 10
Hauptlied
Aus tiefer Not schrei ich zu dir 272
Evangelium
Jesus sagte zu einigen, die sich anmaßten, fromm zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis: Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stand für sich und betete so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme. Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig! Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.
Lukas 18, 9 – 14
liturgische Farbe: grün
Festzeit: Trinitatiszeit
Wochenspruch: 1. Petr 5,5b
Wochenpsalm: Ps 113
Eingangspsalm: Ps 19, Ps 36, Ps 67, Ps 84, Ps 113
Epistel: Eph 2,4-10
Evangelium: Lk 18,9-14
Predigttext: Mt 21,28-32
Wochenlied: 299
Erklärung zu den Perikopen:
Die biblischen Predigttexte sind aufgeteilt in die Perikopenreihen I bis VI. Jede Reihe gilt – beginnend mit dem 1. Advent – fortlaufend für ein ganzes Kirchenjahr (aktuelle Reihe = III). Die einzelnen Reihen haben verschiedene Schwerpunkte (Evangelien, Briefe usw.).
I(Evangelium): Lk 18,9-14
II: Eph 2,4-10
III: Mt 21,28-32
IV: Gal 2,16-21
V: Lk 7,36-50
VI: 2. Sam 12,1-10.13-15a