Predigt: Jesus Christus – Antwort auf den Streit um Religion | 10. Sonntag nach Trinitatis – 2025

Es ist die letzte Woche des irdischen Lebens Jesu. Sein Tod – der Mord – ist beschlossene Sache. Die Frage ist nicht, ob er umgebracht werden soll, sondern wie. Immerhin gilt er noch als Königskandidat! Vorgestern noch, am Sonntag, hatten aller Jerusalemer und Festgäste ihn begeistert und mit großem Getöse in der Hauptstadt empfangen. Gestern, am Montag, war Jesus wieder da, diesmal mit Peitsche in der Hand, hatte im Tempelvorhof für Aufruhr gesorgt, Tische um- und Verkäufer rausgeschmissen. Alle Augen waren auf ihn gerichtet, den Held der Stunde; Revolution lag in der Luft. Aber bei den jüdischen Anführern war das Maß voll. Alles viel zu gefährlich, es würde zu Blutvergießen kommen! Sei’s drum, dachten sie. Besser einer stirbt als viele. Weil sie Angst vor ihm hatten, suchten sie nach einer Möglichkeit, ihn umzubringen. Denn die Volksmenge war begeistert über seine Lehre.

Nun ist es Dienstag. Jesus ist schon wieder da. Geht im Tempel hin und her. Die Anführer beschließen, ihn öffentlich zu konfrontieren. Anzustacheln. Vielleicht sagt er das Falsche und verdammt sich selbst. Aber Jesus argumentiert besser als sie alle. Sie sind es, die wie Idioten dastehen, nicht er. Wie Raubtiere, denen das Opfer entkommt, schmieden sie einen neuen Plan. Schicken ihre besten Redner und Politiker hin mit Fangfragen: dass sie ihn fingen in Worten. Es hagelt ein heißes Thema nach dem anderen: Steuerabgaben an die Römer, gibt es denn tatsächlich eine Auferstehung, und dann der Knaller: Welches ist das wichtigste Gebot? Gute Frage! Wir würden meinen, er müsse eins auswählen aus 10. Aber inzwischen lehrten die Juden nicht nur 10 Gebote, sondern viele mehr, ganze 613 hatten sie verabschiedet. Na, Jesus, denk mal scharf, welches es sein könnte. Welches ist am wichtigsten? Wenn man Eier aus dem Vogelnest raubt, dass man die Vogelmutter fliegen lässt? Dass man seine Ngunis nicht mit seinen Brafords zusammen weiden lässt? Dass man nicht stehlen darf, oder alte Menschen ehren muss? Eine falsche Aussage, und sie haben ihn! Es kommt zu einem dramatischen, spannungsreichen Hin-und-Her zwischen ihnen und Jesus, und die vielen Leute schauen zu wie dem Tennisfinale in Wimbledon. Und fragen sich: Wer bestimmt hier denn eigentlich die wahre Religion?

Aus ihrer Sicht ist dies der religiöse Showdown ihrer Zeit, ein religiöser Kampf der Titanen, es geht um religiöse Debatte, religiöse Anschuldigungen, religiöse Ansprüche, religiöse Parteien, religiöse Spaltungen, religiöse Spannungen, religiöse Feindseligkeiten, religiöse Unsicherheit. Kennt ihr die auch? Habt ihr den Schmerz von Uneinigkeit in Glaubensdingen am eigenen Leib erfahren? Eltern, die tiefen Schmerz spüren, wenn ihr Kind in eine Sekte wechselt oder vom Glauben abfällt – der junge Mann, der sich in ein Mädchen verliebt aber schließlich feststellt, dass sie wegen unterschiedlicher Glaubensüberzeugungen nicht heiraten können – die Studentin, deren Glaube ständig von Professoren und Mitstudenten angegriffen wird – nigerianische Christen, deren Nichten und Neffen während des Gottesdienstes in der Kirche von Muslimen zu Tode gebombt werden – oder einfach diejenigen, die es müde sind, ihren Glauben ständig verteidigen zu müssen oder ihre gutgemeinten Posts im Internet und auf Facebook über Glaubensdinge so kritisiert und angegriffen zu sehen – für all diejenigen, die diese Schmerzen kennen, mag die Konfrontation zwischen Jesus und seinen Feinden zunächst einen sauren Geschmack mit sich bringen, so dass man meint: Schon wieder Religionsstreit, wann hört das endlich auf?!

Aber genau das müsste man erwarten: Das allerwichtigste Thema im Leben ist auch das umkämpfteste – was oder wem gehört deine ultimative Treue? Worauf verlässt du dich in Ewigkeit? Was ist richtig oder falsch? Wir sollen uns nicht wundern, dass gerade unsere Glaubensüberzeugungen so angefochten sind. Aber inmitten des Glaubensgefechts weist der Heilige Geist uns auf den Mittelpunkt hin. Jesus schämt sich nicht, in der Mitte der Kontroverse zu stehen. Denn an ihm, an Jesus Christus, entscheidet sich alles, so – oder so. Hier gilt, es alles zu verlieren – oder alles zu gewinnen! Gott scheut nicht den Streit. Nein, in dieser einzigartigen Gestalt, dem Menschen Jesus Christus, kommt Gott mitten hinein, kommt selbst zu Juden und Heiden als die einzig wahre Religion, die so klar, so rein, so allumfassend und beständig, so öffentlich und so schön ist, dass einem das Herz davon aufgeht. Hier, in diesem Mann Jesus Christus, strahlt das helle Licht der wahren Religion und der wahren Hoffnung. Und wie sieht diese wahre Religion Jesu Christi aus? Dazu drei kurze Beobachtungen.

Erstens: In der wahren Religion Jesu Christi muss der Mensch Gott Rede und Antwort stehen. Nicht Gott dem Menschen. Als Jesus in der Wüste vom Teufel versucht wird, weigert er sich, seinen Gott auf die Probe zu stellen. Die Pharisäer aber nicht. Sie schämen sich nicht. Mit brennender Wut schießen sie los, stellen den Sohn des lebendigen Gottes auf die Probe, er muss sich öffentlich vor ihnen verantworten. Doch am Höhepunkt dieser Auseinandersetzung stellen die Pharisäer fest, dass sich das Blatt gewendet hat und es nun Jesus ist, der die Fragen stellt, während sie selbst zum Schweigen gebracht werden. Dass das Thema Religion in unserer Welt so angefochten ist, widerspiegelt doch nur wieder, dass die Herzen aller Menschen in sich selbst so angefochten sind! In Jesus Christus ist Gott gekommen, um endgültig zu allen Menschen zu sprechen, Gott selbst ist gekommen, um den endlosen Streit und die Anschuldigungen an Gott und die rebellische Herausforderung jedes menschlichen Herzens, auch deins und meins, ein für alle Mal zum Schweigen zu bringen. Jesus zeigt auf, wie es wirklich steht: In der wahren Religion Jesu muss der Mensch Gott Rede und Antwort stehen. Nicht Gott dem Menschen.

Zweitens ist in der wahren Religion Jesu Gottes Liebe bei den Menschen angekommen. Die Liebe, die Gott von Anfang an wollte. Die ihn so getrieben hat! Er konnte nicht anders, seine brennende Liebe zu dir und allen Menschen drängte ihn! Was für ein Segen es ist, wenn Jesus uns zum Schweigen bringt! Erst in diesem Schweigen haben wir die Möglichkeit, Jesus zu hören und zu sehen. Was für ein kostbares Geschenk macht Jesus den Pharisäern hier, wenn er von Liebe spricht, dass sie und wir die Liebe Gottes neu erkennen.

„Was ist das wichtigste Gebot?“, fragen sie ihn. Jesus antwortet nicht aus ihrer Gebotsliste, sondern aus der Heiligen Schrift: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften.“ Das ist das wichtigste und erste Gebot. Du sollst Gott lieben mit allem, was du für wichtig hältst, mit deiner ganzen Psyche, mit deinem ganzen Ich, mit all deiner Kraft. Und was Luther hier mit „Gemüt“ übersetzt, das bedeutet nicht nur, wie du dich fühlst, sondern: mit deinem Intellekt, mit deinem ganzen Verstand, mit allem, was du willst, sollst du Gott lieben, mit deiner ganzen Ambition, deinen Zielen im Leben, mit allem, wonach du strebst.

Ebenso wichtig ist das zweite, lehrt Jesus: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Gott den Herrn sollst du lieben mehr als dich selbst. Deinen Mitmenschen sollst du lieben genau wie dich selbst, egal wie er aussieht, egal ob er liebenswürdig ist oder nicht. Diese Gebote sind nicht neu – es sind uralte Gebote, die Gott schon durch Mose gegeben hatte. Aber wie anders klingen sie, wenn es dieser Mund ist – der Mund Jesu –, der diese Worte spricht! Wenn die Pharisäer von Liebe sprechen, sprechen sie wie Menschen, die nicht lieben können und nicht lieben. Sie sprechen wie die, die anderen Menschen schwere Lasten auf die Schultern legen, aber selbst nicht bereit sind, auch nur einen Finger zu rühren, ihnen tragen zu helfen. Aber Jesus, nur Jesus, spricht diese schönen Worte, diesen schönen Willen und dieses Gebot Gottes, als einer, der es kann und es getan hat. Als einer, der diese schwere Last tragen wird, die so schwer zu tragen ist – die Last unserer Lieblosigkeit. Er sagt es am Dienstag. Er tut es am Freitag. Am Kreuz ist er es und nicht der streitsüchtige Pharisäer, der seinen Geist und seine Liebe in die Herzen der Menschen ausgießt. Jesus spricht als derjenige, der dich eines Tages auferwecken und dein Herz verwandeln wird, damit es so wie sein eigenes wird; und dich für immer in die Welt der Auferstehung aufnehmen wird. Wo die Liebe endlich und ewig siegen wird.

Und drittens gibt es in der wahren Religion Jesu einen Christus, der mehr ist als nur Davids Sohn. Es wäre ein großes Wunderwerk gewesen, wenn Gott den Juden einen 2. David geschickt hätte – einen gottesfürchtigen König mit genialen Strategien, der sein Volk befreit, seine Feinde vertrieben, seine Ehre wieder aufgerichtet, seine Vorrangstellung zurückgegeben hätte. Aber hier im Tempel steht der Sohn Davids, der auch Davids Herr ist, Sohn des lebendigen Gottes. Ein erstaunliches Bekenntnis, an dem wir festhalten und uns freuen können! In Jesus ist Gott selbst gekommen, um inmitten seines Volks nicht unbedingt von Abrahams Abstammung, sondern s. Glaubens zu regieren.

Denn seht: Jesus ist nicht nur der Mittelpunkt aller religiösen Streitigkeiten, sondern derjenige, der alle religiösen Streitigkeiten zum Ende bringt. Es kommt der Tag, da alles Streiten aufhört und alle Menschen Christus ehren werden. Dieser Tag kommt. Er hat ihn bestimmt. Jeder Mund wird verstummen. Dann kommt der Sieg. Dann kommt der Friede. Wer ihn ablehnt, zu dem wird er sprechen: Dein Wille geschehe. Der bleibt in Ewigkeit ohne Gottes Liebe und Gegenwart. Aber wer in Christus Frieden und Leben hat, wird mit der erlösten Menschheit in vollkommener Harmonie und gegenseitiger Liebe mit ganzem Herzen, ganzer Seele, ganzem Verstand, ganzem Willen, ganzer Ambition und ganzem Gefühl ein Lied anstimmen, das niemals enden wird: das Siegeslied, das Triumpflied, das Loblied auf unseren Gott und auf Christus, der all dies für uns errungen und uns hat durch die ewige Liebe bezwungen und ist in ihm vom Tod zum Leben durchgedrungen. Amen.

 


10. Sonntag nach Trinitatis (Der Herr und sein Volk)

Wochenspruch
Wohl dem Volk, dessen Gott der Herr ist, dem Volk, das er zum Erbe erwählt hat!

Psalm 33, 12

Introitus – Nr. 51 (Psalm 33, 12; Psalm 74, 2)

Epistel

Ich will euch dieses Geheimnis nicht verhehlen, damit ihr euch nicht selbst für klug haltet: Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren, so lange bis die Fülle der Heiden zum Heil gelangt ist; und so wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht: „Es wird kommen aus Zion der Erlöser, der abwenden wird alle Gottlosigkeit von Jakob. Und dies ist mein Bund mit ihnen, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde.” Im Blick auf das Evangelium sind sie zwar Feinde um euretwillen; aber im Blick auf die Erwählung sind sie Geliebte um der Väter willen. Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen. Denn wie ihr zuvor Gott ungehorsam gewesen seid, nun aber Barmherzigkeit erlangt habt wegen ihres Ungehorsams, so sind auch jene jetzt ungehorsam geworden wegen der Barmherzigkeit, die euch widerfahren ist, damit auch sie jetzt Barmherzigkeit erlangen. Denn Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme.

Römer 11, 25 – 32

Hauptlied
Gott der Vater wohn uns bei 226
Nimm von uns, Herr, du treuer Gott 274

Evangelium

Als Jesus nahe hinzukam, sah er die Stadt Jerusalem und weinte über sie und sprach: Wenn doch auch du erkenntest zu dieser Zeit, was zum Frieden dient! Aber nun ist’s vor deinen Augen verborgen. Denn es wird eine Zeit über dich kommen, da werden deine Feinde um dich einen Wall aufwerfen, dich belagern und von allen Seiten bedrängen, und werden dich dem Erdboden gleichmachen samt deinen Kindern in dir und keinen Stein auf dem andern lassen in dir, weil du die Zeit nicht erkannt hast, in der du heimgesucht worden bist. Und er ging in den Tempel und fing an, die Händler auszutreiben, und sprach zu ihnen: Es steht geschrieben: „Mein Haus soll ein Bethaus sein”; ihr aber habt es zur Räuberhöhle gemacht. Und er lehrte täglich im Tempel. Aber die Hohenpriester und Schriftgelehrten und die Angesehensten des Volkes trachteten danach, dass sie ihn umbrächten, und fanden nicht, wie sie es machen sollten; denn das ganze Volk hing ihm an und hörte ihn.

Lukas 19, 41 – 48