Predigt | Festen Boden unter den Füßen – und die schöne Tür zu wahrem Leben – 12. Sonntag nach Trinitatis – 2025

Eine Mutter erzählt von ihrem behinderten Jungen David. Die große Firma, für die sie sein Papa arbeitete, förderte Fußball für Kinder. Jahrelang saß David unter den Zuschauern und jubelte, wenn sein großer gesunder Bruder Fußball spielte. Dann kam die Nachricht, dass auch eine Fußballmannschaft für Kinder mit Behinderungen zusammengestellt werden sollte. Davids Mutter meldete ihn gleich an. Endlich war Davids großer Moment gekommen. Als er seine Uniform bekam, fieberte er vor Erwartung. Als sie zu Hause ankamen, eilte er ins Zimmer, zog sich um, präsentierte sich seiner Mutter und verkündete stolz: „Mama, jetzt bin ich ein richtiger Junge!“ Das größte Hindernis für Menschen mit Behinderung ist nicht unbedingt die Behinderung an sich, sondern oft das Stigma, das die Gesellschaft damit verbindet.

 

So war es auch bei diesem Querschnittsgelähmten, diesem Mann, der vom Mutterleib an lahm war. Im Volk Israel galt jeder, der mit einer solchen Behinderung geboren wurde, als unheilbar. Keine Medizin, kein Arzt, keine Operation konnte diesen Mann jemals wieder laufen lassen. Den Rollstuhl gab es nicht, und seine Arme waren anscheinend nicht stark genug für Krücken, und so konnte sich dieser Mann nur fortbewegen, indem er überallhin getragen wurde. Es keine öffentlichen Einrichtungen, keine Pflegeheime, kein Altenheim und keine Klinik, die sich um Menschen mit Behinderungen kümmerten. Damals wurden solche Menschen der Pflege ihrer Familien überlassen. Es scheint, dieser Gelähmte hatte eine sehr fürsorgliche Familie, denn er wurde jeden Tag bis vor den Tempel getragen, und abends nach Hause. Aber tagsüber lief das damals so, dass die körperliche Versorgung von Menschen mit Behinderungen der Öffentlichkeit überlassen wurde. Es galt als gutes Werk: Wer Behinderten half oder was spendete, tat ein gutes Werk vor Gott. Auf diese Weise konnten solche Menschen einigermaßen gut überleben. Aber konkret bedeutete das für Behinderte wie den Gelähmten: als ob die körperliche Behinderung nicht schon schlimm genug wäre, mussten sie betteln. Es gab nicht nur keine Fußballmannschaft für sie, sondern ein lebenslängliches Stigma. Du gehörst nicht wirklich dazu. Du bist einer von denen.

Ja, diesem Gelähmten ging es verhältnismäßig gut. Er war der Gorilla, dem die meisten Bananen im Zoo zugeworfen werden. Er hatte den besten Platz. Jeden Tag saß er vor dem beliebtesten Eingang zum Tempelhof, der „Schönen Tür“. Die hieß übrigens so, weil sie kunstvolle mit Bronze bekleidet und geziert war. Das war sein Platz, der beste Platz, weil jeden Tag Menschen auf dem Weg zum Tempel zu den Tagesgebeten dort vorbeikamen. Denn im Tempel kamen sie in die Gegenwart Gottes. Ja, der Gelähmte war wie der Zoo-Gorilla mit dem besten Platz. Aber er blieb ein „Gorilla“ und damit an der falschen Seite des Käfigs. Die schöne Tür war für ihn nichts als ein schönes Gitter. Denn dem Gelähmten und allen behinderten Menschen war es verboten, in die Nähe Gottes zu kommen. Sie durften an der Tür des Tempels betteln, aber nie hineingehen. Nie in Gottes Gegenwart kommen. Galten als zu krumm, zu unförmig, zu verunstaltet. Das hatte die Tempelleitung schon vor langer Zeit beschlossen. Es ging ihm wie dem schwerkranken Bettler vor der Tür in ein Privathospital. Konnte sich von Gott im Tempel nicht heilen lassen, nie mitbeten, nie mitsingen, konnte nie am Opfersakrament teilnehmen, niemals zum Dank vor Gott treten. Das machte das Leben des Gelähmten schwieriger und hoffnungsloser als jedes körperliche Gebrechen, das ihm zu schaffen machte.

 

Man konnte sie in seinen Augen sehen – die hoffnungslose Resignation. Bzw. in seinem Tunnelblick. Denn er schaute zu Boden. Auf die Tasse mit den paar Geldstücken. Es gab drei Gebetszeiten am Tag, zu denen die Menschen zum Tempel kamen: 9 Uhr morgens, 15 Uhr nachmittags und bei Sonnenuntergang. Ihr täglicher Gebetsrhythmus; seine perspektivlose Routine. Ein Stoß Beine stürmt an ihm vorüber. Seine Stimme ruft und bettelt: „Gaben für Gestörte, Bargeld für Behinderte.“ Vier Beine bleiben stehen. Vier Augen schauen auf ihn herunter. Eine Stimme spricht ihn an. „Guck hoch.“ Zwei Augen schauen vorsichtig auf. Es könnte eine große Gabe geben. Doch er sieht nicht zwei Hände, die in zwei Taschen greifen, sondern zwei Paar Augen, die auf ihn sehen. Einer der beiden redet ihn an: „Ich habe kein Silber und kein Gold für dich.“ Enttäuschung stellt sich ein. Ihr Lieben, genauso geht Christus auch manchmal mit uns um. Da haben auch wir ganz bestimmte Wünsche und Erwartungen, wir wissen, was wir brauchen, sind überzeugt, diese Bitte muss Christus doch erfüllen. Doch er enttäuscht uns. Christus erfüllt nicht unsere Wünsche, auch nicht unbedingt unsere Wünsche nach Heilung. Nicht, weil er irgend sadistische Freude an Mangel und Not hat. Sondern weil er weiß, dass unser Wunsch für uns nicht das Beste wäre, uns schaden könnte, weil wir langfristig und letztlich etwas Besseres brauchen. Meistens erkennen wir das selbst erst viel später.

Petrus und Johannes kommen jeden Tag in den Tempel, um zu beten. Der Glaube an Christus ist keine neue Religion, sondern derselbe Glaube, den schon Abraham hatte: Der Glaube an den ewigen, einen Gott, an seine Verheißungen und an seinen Verheißenen, auch und gerade gegen den Anschein. Dreimal am Tag halten sie Andacht in Gottes Haus. Das geht aber auch ohne Tempel, wie damals bei Daniel in der Fremde. Morgens, mittags und abends. Egal, ob wir uns bewegen können oder nicht, solch ein guter, täglicher Gebetsrhythmus bewegt uns. Denn er gibt uns die rechten Gaben, die wir täglich brauchen.

 

So auch beim Gelähmten. Er bekommt nicht, was er will. Sondern etwas viel Besseres, das, was er wirklich braucht. Petrus sagt ihm etwas, womit der Gelähmte überhaupt nicht gerechnet hatte, was außerhalb seines Blickwinkels lag: „Silber und Gold habe ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir.“ Christus! „Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher!“ Und Petrus packt den Gelähmten bei der rechten Hand und richtet ihn auf. Und Wort und Zeichen bewirken, womit der Gelähmte selber nicht im Traum gerechnet hatte: Er bekommt festen Boden unter festen Füßen. Eine ganz andere Grundlage für sein Leben, eine feste Basis, auf der er gehen, laufen, springen kann. Und wohin? Christus öffnet ihm die Tür seines Käfigs. Er geht zum ersten Mal durch die schöne Tür mit Petrus und Johannes in Gottes Haus, ja, durch die schönste Tür in Gottes gnädige Gegenwart. Und im Tempelhof läuft und springt er umher, kann das neue Leben gar nicht fassen, das ihm geschenkt worden war. Ja, jetzt ist er drin im Haus Gottes, nun hat er den Zugang und kann nicht aufhören, Gott zu loben. Was für eine bewegende Geschichte! „Mama, jetzt bin ich ein richtiger Junge!“ „Vater, jetzt bin ich ein richtiger Mann!“

 

Ihr Lieben, vielen Menschen geht es wie dem Gelähmten in dieser Geschichte. Sie selber würden das wohl nicht einsehen: In ihrem Leben läuft doch alles gut, sie sind gesund, sie haben Spaß, klein Saterdag, groot Saterdag. Was will man denn noch mehr? Doch Gottes Wort macht deutlich: Es geht ihnen wie dem gelähmten Menschen in der Geschichte: Ihr Lebenshorizont ist begrenzt auf das, was sie in ihrem Leben bekommen können, ist begrenzt auf Geld und Besitz. Der Blick ist nach unten gerichtet. Sie fühlen sich frei und starren doch nur auf einen sehr begrenzten Lebensbereich, kommen gar nicht auf die Idee, dass da noch mehr sein könnte als das, worauf sie blicken: Sogar das schönste Haus und der teuerste Lebensstil sind oft gar nicht so sehr anders als die Münzen, auf die der Gelähmte schaute. Denn es kommt auf die Perspektive an, auf das, was man jeden Tag im Blick hat – und was nicht. Solche Menschen versäumen, wie der Gelähmte damals auch, nach oben zu blicken, auf eine Welt jenseits von Geld, Besitz und Geltungsdrang, von der Erfüllung der eigenen Wünsche und Bedürfnisse. Sie ahnen gar nicht, was sie in ihrem Leben eigentlich verpassen, sondern sehen ihren Tunnelblick als das ganze Leben an.

 

Petrus und Johannes haben nicht nur den Wunsch des Gelähmten gehört. Nein, sie blickten ihn an. Nahmen ihn wahr, blickten nicht weg, sahen, dass dieser Mensch mehr braucht als nur etwas Geld, als einfach ein paar Almosen. Wie nehmen wir die Menschen in unserer Umgebung wahr, die keinerlei Zugang zu Gottes Haus, zum Glauben haben, die draußen bleiben und gar nicht auf die Idee kommen, dass sie in ihrem Leben mehr brauchen könnten als das, was sie sich selber wünschen und ersehnen? Nehmen wir sie als Gelähmte wahr, die genau nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus glauben oder überhaupt zu ihm kommen können? Als Menschen, die dringend auf das Wort angewiesen sind, das sie sich selber nicht sagen können? Sind wir dazu bereit, mit ihnen ins Gespräch zu kommen über den Geber aller guten Gaben? Der es sich alles hat kosten lassen, an der Kreuzung der Ewigkeit den teuersten Preis gezahlt hat in der wertvollsten Währung, die es überhaupt gibt: Dem Blut Jesu Christi, des Sohnes Gottes! Und dadurch für euch zur Tür des Lebens geworden ist, der schönen Tür zum wahren Leben, zur gnädigen Gegenwart des ewigen Gebers.

 

Wenn wir den Blick der Menschen darauf richten, sollten wir nicht den Fehler machen, anzudeuten, sie würden im christlichen Glauben das bekommen, was sie sich so sehnlich wünschen. Denn der christliche Glaube ist nicht die Erfüllung aller Sehnsüchte, die du momentan empfindest, sondern beginnt mit einer heilsamen Ent-Täuschung im wahrsten Sinne des Wortes: „Silber und Gold habe ich nicht.“ Du bekommst von Christus nicht einfach ein bisschen Motivation für den Alltag, ein bisschen Seelenfrieden, ein paar Gedankensplitter für die eigene Sinnsuche. Und erst recht nicht das Versprechen, dass Christus dir alle deine Probleme löst. Doch das heißt nicht, dass Christus heute nicht mehr wirkt. Die großen Heilungswunder wirkt er heute in der Regel anders – durch die Kunst der Ärzte, Medizin, die unter Gebet an uns wirken. So mancher von uns ist schon an den Rand des Todes gekommen – und doch geheilt worden, gerettet worden. Sind das denn kleinere Wunder als dies? Sollten wir Gott weniger loben? Christus sieht dich an, macht dich zu einem richtigen Menschen, einem geliebten und gewollten Menschen mit festen Boden unter den Füßen. In Christus ist Gottes Tempel zu dir gekommen. Hier muss keiner Zuschauer bleiben. Kommt herzu, lasst uns dem HERRN frohlocken und jauchzen dem Hort unsres Heils! Amen.

 


Wochenspruch
Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.

Jesaja 42, 3

Introitus – Nr. 53 (Jesaja 29, 18; Psalm 147, 1)

Epistel

Saulus schnaubte noch mit Drohen und Morden gegen die Jünger des Herrn und ging zum Hohenpriester und bat ihn um Briefe nach Damaskus an die Synagogen, damit er Anhänger des neuen Weges, Männer und Frauen, wenn er sie dort fände, gefesselt nach Jerusalem führe. Als er aber auf dem Wege war und in die Nähe von Damaskus kam, umleuchtete ihn plötzlich ein Licht vom Himmel; und er fiel auf die Erde und hörte eine Stimme, die sprach zu ihm: Saul, Saul, was verfolgst du mich? Er aber sprach: Herr, wer bist du? Der sprach: Ich bin Jesus, den du verfolgst. Steh auf und geh in die Stadt; da wird man dir sagen, was du tun sollst. Die Männer aber, die seine Gefährten waren, standen sprachlos da; denn sie hörten zwar die Stimme, aber sahen niemanden. Saulus aber richtete sich auf von der Erde; und als er seine Augen aufschlug, sah er nichts. Sie nahmen ihn aber bei der Hand und führten ihn nach Damaskus; und er konnte drei Tage nicht sehen und aß nicht und trank nicht. [Es war aber ein Jünger in Damaskus mit Namen Hananias; dem erschien der Herr und sprach: Hananias! Und er sprach: Hier bin ich, Herr. Der Herr sprach zu ihm: Steh auf und geh in die Straße, die die Gerade heißt, und frage in dem Haus des Judas nach einem Mann mit Namen Saulus von Tarsus. Denn siehe, er betet und hat in einer Erscheinung einen Mann gesehen mit Namen Hananias, der zu ihm hereinkam und die Hand auf ihn legte, damit er wieder sehend werde. Hananias aber antwortete: Herr, ich habe von vielen gehört über diesen Mann, wieviel Böses er deinen Heiligen in Jerusalem angetan hat, und hier hat er Vollmacht von den Hohenpriestern, alle gefangenzunehmen, die deinen Namen anrufen. Doch der Herr sprach zu ihm: Geh nur hin; denn dieser ist mein auserwähltes Werkzeug, dass er meinen Namen trage vor Heiden und vor Könige und vor das Volk Israel. Ich will ihm zeigen, wieviel er leiden muss um meines Namens willen. Und Hananias ging hin und kam in das Haus und legte die Hände auf ihn und sprach: Lieber Bruder Saul, der Herr hat mich gesandt, Jesus, der dir auf dem Wege hierher erschienen ist, dass du wieder sehend und mit dem Heiligen Geist erfüllt werdest. Und sogleich fiel es von seinen Augen wie Schuppen, und er wurde wieder sehend; und er stand auf, ließ sich taufen und nahm Speise zu sich und stärkte sich. Saulus blieb aber einige Tage bei den Jüngern in Damaskus. Und alsbald predigte er in den Synagogen von Jesus, dass dieser Gottes Sohn sei.]

Apostelgeschichte 9, 1 – 9 [10 – 20]

Hauptlied
Nun lob, mein Seel, den Herren 368

Evangelium

Als Jesus fortging aus dem Gebiet von Tyrus, kam er durch Sidon an das Galiläische Meer, mitten in das Gebiet der Zehn Städte. Und sie brachten zu ihm einen, der taub und stumm war, und baten ihn, dass er die Hand auf ihn lege. Und er nahm ihn aus der Menge beiseite und legte ihm die Finger in die Ohren und berührte seine Zunge mit Speichel und sah auf zum Himmel und seufzte und sprach zu ihm: Hefata! das heißt: Tu dich auf! Und sogleich taten sich seine Ohren auf, und die Fessel seiner Zunge löste sich, und er redete richtig. Und er gebot ihnen, sie sollten’s niemandem sagen. Je mehr er’s aber verbot, desto mehr breiteten sie es aus. Und sie wunderten sich über die Maßen und sprachen: Er hat alles wohl gemacht; die Tauben macht er hörend und die Sprachlosen redend.

Markus 7, 31 – 37