Predigt | Der Weg zu Gott – die Pforte, die in den Himmel führt | 14. Sonntag nach Trinitatis 2025

Die Pyramiden gehören zu den ältesten erhaltenen Bauwerken der Welt. Pyramiden – da denken wir an Pharaonen, Mumien und Sarkophage – und besonders an Ägypten. Aber auch außerhalb Ägyptens gab und gibt es Pyramiden – in Südamerika, z.B., in China, Äthiopien und im heutigen Irak und Iran. Aber dort sehen sie anders aus als in Ägypten. Wo die Pyramiden in Ägypten geradlinige Seiten haben, sind die im Nahen Osten eher stufenförmig, also eher terrassenmäßig aufgebaut. Diese Pyramiden sind als „Zikkurats” bekannt. Die älteste bekannte Zikkurat steht im Irak und wurde vor mehr als 4000 Jahren erbaut. Solche Zikkurats wurden als Tempel falscher Götter erbaut. Die Menschen verstanden sie als Treppe, als Verbindung zwischen Himmel und Erde. Man baute solche stufenförmigen Zikkurat-Tempel, um zu zeigen: Wir haben unsere Verbindung zu unserem Gott hergestellt, hier herrscht unser Gott, hier ist die Treppe, die uns mit ihm verbindet.

Der Turm zu Babel wurde wahrscheinlich auf die gleiche Weise gebaut. Damals sagten die Menschen in Babel: Lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reicht, damit wir uns einen Namen machen… (1. Mose 11,4) „Babel“ bedeutet im alten Orient „Tor zu Gott“. Der Turm zu Babel wurde also gebaut, weil rebellische Menschen sich selbst einen Namen machen wollten, selbst die Verbindung, die Treppe zwischen Erde und Himmel bestimmen und beherrschen wollten. Aber Gott lacht sie aus. Da fuhr der Herr hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten (1. Mose 11,5). Gott muss tief herabsteigen, um die „gewaltige“ Zikkurat zu sehen, diese „Treppe zu Gott“ – und sorgt für Verwirrung (Babel auf Hebr.) und Zerstreuung, so dass die Menschen aufhören mussten, die Zikkurat zu baauen.

All das ist wichtig, weil das die Welt war, in der Jakob lebte. Sein Großvater Abraham wuchs direkt neben der Zikkurat von Ur auf. Abraham, Isaak und Jakob hatten die Zikkurat-Baumeister vor der Haustür; sie kannten all diese sogenannten Treppen zum Himmel. Da spielt sich diese Geschichte ab. Isaaks jüngster Sohn Jakob macht sich auf die Reise von zuhause nach Haran, wo seine Verwandten leben. Nicht, um Sehenswürdigkeiten zu besichtigen! Das wird auch kein Familienbesuch. Nein, Jakob musste weg. Zum einen wollte sein Bruder ihn töten. Jakob hatte den Segen gestohlen, der für Esau bestimmt war. Seine Mutter ihm geholfen, den Vater zu betrügen, damit er ihm den Segen gab, und so hatte Esau es auf den Betrüger abgesehen und wollte ihn umlegen. Zum anderen brauchte Jakob eine Frau, und Isaak wollte nicht, dass Jakob den gleichen Fehler macht wie Esau und eine Frau aus der Nachbarschaft heiratet, denn die gehörten alle zu gottlosen heidnischen Kultur um sie herum. Nein, Jakob soll zu den Verwandten seiner Mutter ziehen, um eine gute, gottesfürchtige Frau zu finden. Aber das Zuhause zu verlassen war höchst gefährlich. Es gab unterwegs keine Polizisten und Soldaten, die ihn beschützen könnten, er ist mutterseelenallein unterwegs, kann jedem leicht zum Opfer fallen, der ihn sieht, und – sein älterer Bruder Esau kann ihm gezielt Auftragsmörder hinterherschicken. Wer hätte es verhindern können?

Mit einem Schwert über dem Kopf wandert Jakob durch die Wildnis. Welch wunderbare Verheißungen hatte Gott Jakobs Großvater Abraham gegeben: Ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen … in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden… (1. Mose 12,2f) Aber gelten die denn noch, wenn Abrahams Großkind sich den Segen geklaut hat und ein Dieb und Betrüger ist? Gott der Herr hatte Abraham das ganze Land Kanaan versprochen, eine unzählige Nachkommenschaft, aus der Könige hervorgehen sollten. Er hatte einen Bund geschlossen, einen Pakt mit Abraham. Und diesen Bund hatte Gott auch auf Isaak übertragen (1. Mose 26,3.24). Nun hätten diese Verheißungen, dieser Bund durch Esau weitergegeben werden müssen – aber Jakob hat doch alles auf den Kopf gestellt, seinen eigenen Vater betrogen, durch Täuschung und List einen Segen erhalten, der ihm nicht zustand. Hatte das den Bund denn nicht ungültig gemacht? Musste Gott nicht wieder neu anfangen?

Als die Sonne untergeht, beschließt Jakob, einsam ein Lager für die Nacht aufzuschlagen. Er nimmt einen Stein als Kopfkissen und schläft ein. Und Jakob träumt. Er sieht eine Treppe, die auf der Erde ruht, deren Stufen bis zum Himmel steigen. So wie eine Zikkurat. Aber diese Treppe ist bevölkert. Engel Gottes steigen auf und nieder. Und obendrauf steht der Herr selbst – er sieht Jakob dort unten und spricht ihn an: [13–14] Wie kann das sein? Der Herr Gott kommt und offenbart sich diesem unwürdigen Sünder und Betrüger – und erneuert alle Verheißungen, die er seinem Großvater Abraham und seinem Vater Isaak gegeben hatte, und verspricht sie ausgerechnet Jakob: du, sagt er, gehörst dazu, ich will dir unzählige Nachkommen geben, das ganze Land, mein Segen durch dich auf alle Völker der Erde kommen! Doch damit nicht genug: [15] Das verdient Jakob alles nicht. Er liegt einfach nur da. Trotz seiner Sünde, trotz seiner Bosheit und Täuschung bleibt Gottes Bund bestehen. Tatsächlich verspricht Gott ihm Schutz, Erfolg (inkl. Ehefrau!) und garantiert ihm alle seine Verheißungen. Das ist erstaunliche Gnade.

[16–17] Bab-El – das rechte Tor zu Gott! Jakob erkennt, dass die Erbauer der Zikkurats alles falsch verstanden haben. Der wahre Gott sitzt nicht oben auf einer stufenförmigen Pyramide. Der wahre Gott ist nicht an eine lokale Himmelsleiter gebunden. Der wahre Gott lässt seine Gegenwart und seine Herrschaft nicht von Menschen an einen kleinen Ort binden. Der lebendige und allmächtige Gott ist überall gegenwärtig, überall mächtig. Er ist nicht an Jakobs Zuhause gebunden. Er wartet nicht, bis Menschen eine Zikkurat oder eine Leiter zu ihm bauen. Nein, er sorgt für die rechte Verbindung zwischen Gott und Mensch, er baut die Verbindungstreppe, das Bab-El, das Tor zu Gott. Der Herr schickt seine Engel zu Jakob und überall auf die Welt, dass sie seinen Willen tun; Gott ist am Werk, wohin Jakob geht, und er wird für seine Sicherheit sorgen und seinen Auftrag garantieren. Nicht, dass Jakob es verdient hätte; nicht, dass Jakob es wert wäre; sondern es ist einfach so, dass der Herr seine Verheißungen nicht widerruft. Gott erwählte Abraham, Isaak und Jakob, obwohl sie alle Sünder waren, damit er durch sie die ganze Welt segnen konnte.

In der Welt, in der wir leben, gibt es nicht mehr viele Pyramiden und Zikkurats. Und doch bauen Menschen sie weiter. Nicht mit Ziegeln und Zement, sondern mit Bedingungen und Wünschen und Plänen. Wir wollen das Haus der Verbindung zwischen Himmel und Erde in unserem Hinterhof bauen. Wir wollen uns mit Gott verbinden, wo, wann und wie es uns passt und zu unseren Bedingungen. Wir wollen auf unsere eigene Weise zu Gott kommen, und die Kultur im nächsten Tal kann auf ihre Weise zu ihm kommen. Der eine möchte auf dem Weg des Hinduismus zu Gott kommen, der andere auf der Treppe des Islam, der eine auf dem Weg des Buddhismus, ein anderer versucht, die Zikkurat des „Ich-verehre-Gott-in-der-Natur“ zu bauen. All diese Zikkurats sind Versuche, selbst eine Treppe zu Gott zu bauen. Allesamt Türme zu Babel. Allesamt führen sie in die heillose Verwirrung, in das babylonische Chaos. Lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reicht

Zweitausend Jahre nach den Tagen Jakobs, als Gott den Nachkommen Jakobs das gelobte Land gegeben und ihre Zahl stark vermehrt hatte, kommt Gott hinunter auf die Erde und findet einen Mann namens Nathanael. Er ruft ihn, der Herr Jesus beruft ihn, sein Jünger zu werden. Jesus sagt zu Nathanael: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet den Himmel offen sehen und die Engel Gottes hinauf- und herabfahren über dem Menschensohn (Joh 1,51). Jesus nimmt Jakobs Traum und bezieht ihn auf sich selbst, um Nathanael und allen Menschen zu zeigen, dass er, Jesus Christus, der Menschensohn, selbst die Treppe zu Gott ist. Durch ihn sendet Gott seine Engel in die Welt. Der Mensch kann sich selbst nie und nimmer einen Weg zu Gott bahnen oder eine Treppe in den Himmel machen. Zwischen Gott und Mensch gibt es nur eine Verbindung, eine Treppe, eine Leiter, nämlich das Kreuz und die Auferstehung Jesu Christi, durch die die Erlösung in die Welt kommt. Jesus ist nicht nur eine Zikkurat für einen Ort oder eine Gruppe oder Zeit; er ist nicht eine Zikkurat unter vielen; nein, ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater außer durch mich (Joh 14,6). Dort finden wir die Verbindung zu Gott, der zu uns Sündern kommt und seine gnadenreichen Verheißungen auch an uns wahr macht. Jeder Versuch, eine Treppe zu Gott zu bauen, die an Jesus Christus vorbeiführt, ist nur noch ein weiterer Turm zu Babel, der ins Nirgends und in die Verdammnis führt. In Jesus allein haben wir Zugang zu Gott, er findet uns, wir finden Gnade und Wahrheit und Rettung und Leben.

 

Als Jakob sich auf sein hartes Kissen legte, war die Sonne untergegangen, es war dunkel, er lag allein. Und dann kam Gott zu Jakob, richtete die Verbindung auf, gab ihm Verheißungen, nahm Jakob in seinen Gnadenbund auf. So ist es auch mit euch. Ihr könnt Gott nicht dazu manipulieren, etwas zu tun. Ihr braucht es auch nicht. Er ist zu euch gekommen und hat euch gefunden. Er hat den neuen Bund in Jesus Christus mit euch in der Taufe geschlossen. Er kennt eure Bedürfnisse, wo ihr auch seid. Wenn ihr Angst habt, wenn ihr einsam seid, wenn es dunkel um euch geworden ist, in Christus ist Gott bei euch. Er schenkt euch seine Gegenwart und seine Kraft, er schließt euch in alle Verheißungen des Glaubens ein, er sendet euch seine Engel, damit sie euch dienen und euch beistehen. Ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe. Dann geht es dir wieder gut. Auch in der Einsamkeit und im Dunkel und auf hartem Kopfkissen. Denn Gott ist zu dir herabgekommen, und Christus zieht dich hinauf zu ihm. Und du darfst beten: Erkennet doch, dass der Herr seine Heiligen wunderbar führt; der Herr hört, wenn ich ihn anrufe… Ich liege und schlafe ganz mit Frieden; denn allein du, Herr, hilfst mir, dass ich sicher wohne (Ps 4,3.8). Amen.


14. Sonntag nach Trinitatis (Der dankbare Samariter)

Wochenspruch

Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.

Psalm 103, 2

Introitus – Nr. 55 (Psalm 50, 23; Psalm 146, 2)

Epistel

Wir sind nicht dem Fleisch schuldig, dass wir nach dem Fleisch leben. Denn wenn ihr nach dem Fleisch lebt, so werdet ihr sterben müssen; wenn ihr aber durch den Geist die Taten des Fleisches tötet, so werdet ihr leben. Denn welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder. Denn ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müsstet; sondern ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater! Der Geist selbst gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir Gottes Kinder sind. Sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi, wenn wir denn mit ihm leiden, damit wir auch mit zur Herrlichkeit erhoben werden.

Römer 8, 12 – 17

Evangelium

Es begab sich, als Jesus nach Jerusalem wanderte, dass er durch Samarien und Galiläa hin zog. Und als er in ein Dorf kam, begegneten ihm zehn aussätzige Männer; die standen von ferne und erhoben ihre Stimme und sprachen: Jesus, lieber Meister, erbarme dich unser! Und als er sie sah, sprach er zu ihnen: Geht hin und zeigt euch den Priestern! Und es geschah, als sie hingingen, da wurden sie rein. Einer aber unter ihnen, als er sah, dass er gesund geworden war, kehrte er um und pries Gott mit lauter Stimme und fiel nieder auf sein Angesicht zu Jesu Füßen und dankte ihm. Und das war ein Samariter. Jesus aber antwortete und sprach: Sind nicht die zehn rein geworden? Wo sind aber die neun? Hat sich sonst keiner gefunden, der wieder umkehrte, um Gott die Ehre zu geben, als nur dieser Fremde? Und er sprach zu ihm: Steh auf, geh hin; dein Glaube hat dir geholfen.

Lukas 17, 11 – 19

 


liturgische Farbe: grün

Festzeit: Trinitatiszeit

Wochenspruch: Ps 103,2

Wochenpsalm: Ps 146

Eingangspsalm: Ps 19, Ps 36, Ps 67, Ps 84, Ps 113

Epistel: Röm 8,(12-13) 14-17

Evangelium: Lk 17,11-19

Predigttext: Mk 1,40-45

Wochenlied: 365


Erklärung zu den Perikopen:

Die biblischen Predigttexte sind aufgeteilt in die Perikopenreihen I bis VI. Jede Reihe gilt – beginnend mit dem 1. Advent – fortlaufend für ein ganzes Kirchenjahr (aktuelle Reihe = III). Die einzelnen Reihen haben verschiedene Schwerpunkte (Evangelien, Briefe usw.).


I(Evangelium): Lk 17,11-19

II: Röm 8,(12-13) 14-17

III: Mk 1,40-45

IV: 1. Thess 1,2-10

V: 1. Mose 28,10-19a

VI: 1. Thess 5,14-24