In seinem Buch „Life on a Knife’s Edge“ schreibt ein Gehirnchirurg darüber, wie mit einem Schnitt ein Leben gerettet oder zerstört werden kann. Einmal operierte er ein 11-jähriges Mädchen namens Karina, deren Rückgrad sich in zwei Teile spaltete; er musste eine unmögliche Entscheidung treffen, und – Karina blieb dauerhaft gelähmt, ihr Leben für immer verändert. In einem anderen Fall wurde eine Frau Opfer einer Schießerei. In der Notaufnahme sank ihr Blutdruck rapide, sie schwebte in Lebensgefahr, der Notarzt musste eingreifen: ein Schnitt zwischen der 4. und 5. Rippe der Frau, dann die Hand zwischen die beiden Knochen bis zum Handgelenk, ihre Rippen knackten, er hielt ihr Herz in seiner Handfläche; er drückte zu. Dann ließ er los. Bis die chaotische Operation begann. Nach 4 Stunden überlebte die Patientin.
Im Handumdrehen entscheidet sich Leben oder Tod. In jedem Augenblick, mit jeder Entscheidung, die du triffst, kann sich alles entscheiden. Fährst du jetzt los, kommst du vielleicht sicher an; eine Minute später, und du bist zur falschen Zeit in der Kreuzung, und das andere Fahrzeug rammt dich. Leben oder Tod. Der Unfall macht deutlich, was eigentlich immer der Fall ist! In einem Augenblick läuft deine Wirtschaft wie sonst, im nächsten bricht die Katastrophe herein. Es kommt die Sturmflut; deine Farm brennt ab; dein größter Kunde stirbt; die Zuckermühle erklärt den Bankerott; der Macadamiapreis fällt um die Hälfte; dein Kind erkrankt, der Arzt hilft nicht, die Krankenkasse zahlt nicht; du triffst eine finanzielle Entscheidung und hast plötzlich eine Millionenschuld. Wo Gewohnheit und Alltag uns in Sicherheit wiegen, reißt der Unfall, die Katastrophe, der Verlust dir die Decke von den Augen und du merkst von jetzt auf gleich wie prekär dein Fortbestehen ist.
Wo finden wir da Orientierung? Der Römerbrief gibt sie uns. Er stellt unsere Füße auf festen Boden. „Da [weil!] wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben“ – das ist die feste felsige Grundlage für wacklige Füße. Ihr seid durch den Glauben gerecht geworden. Gott hat euren Glauben an Jesus Christus, den er für euch dahingegeben hat, zur Gerechtigkeit gerechnet, euch arme Sünder gerecht gemacht. Gott ist für euch, und wenn Gott für euch ist, wer kann gegen euch sein? Ihr seid Gott angenehm, sicher, geborgen, jetzt und hier.
Weil ihr gerecht geworden seid, habt ihr Frieden mit Gott durch den Herrn Jesus Christus. Ihr habt den Frieden, den die Welt nicht geben kann. Den Frieden, der höher ist als der Verstand und die Vernunft. In Christus gehört dir Gottes Schalom. Das ist der Friede von Jesus, der Unfall, Katastrophe, Sünde und Tod überwunden hat.
Durch Christus habt ihr Zugang zu Gottes Gnade. Hier schwingt mit das Bild von einem Schiff, das vom tosenden Sturm überrascht wird, von den Wellen hin- und hergeworfen wird, zu bersten droht und bei bestem Willen nicht an Land kommen kann, um Schutz zu suchen, weil der Hafen verschlossen ist, und dann öffnet sich doch die Schranke und ein mutiger Pilot riskiert sein Leben und wagt sich an euer Schiff heran und schleppt euch durch den Sturm und gibt euch Zugang zu dem sicheren Hafen. Christus ist euer Zugang zu Gottes Gnade. Dafür braucht ihr niemanden zu bestechen oder beeindrucken oder bezahlen. Habt ihr Not? Seid ihr besorgt? Habt ihr Angst? Christus öffnet euch die Tür zu dem Schöpfer Himmels und der Erde.
Darum betet. „Gebt, ihr Sünder, ihm die Herzen, klagt, ihr Kranken, ihm die Schmerzen, sagt, ihr Armen, ihm die Not. Er kann alle Wunden heilen, Reichtum weiß er auszuteilen, Leben schenkt er nach dem Tod.“ Die Not soll uns gerade nicht in die Untätigkeit und Resignation führen, sondern zum Gebet treiben! Betet für die Gemeinschaft, das Land, die Welt, für Ärzte und Helfer, füreinander und für den Nächsten. Ihr habt Zugang zu Gottes Gnade.
Ja, und mehr: wir rühmen uns der Hoffnung der zukünftigen Herrlichkeit. Wo die Welt von Panik ergriffen wird, bei Unfall oder Schreckensnachricht den Boden unter den Füßen verliert, freuen wir uns, rühmen wir uns über die Hoffnung, weil wir wissen, dass uns nichts von der Liebe Gottes in Christus Jesus scheiden kann, trennen kann, dass er es gut gemacht hat und machen wird!
Ja, und mehr noch! Wir rühmen uns sogar wegen der Bedrängnisse. Wir rühmen uns wegen der Leiden, der Anfechtung, der Probleme, der Not. Jetzt kommen wir zum eigentlichen Thema. Wir rühmen uns wegen des Leides, das wir erfahren. Passt genau auf: Gottes Wort sagt nicht, dass wir uns wegen des Leides freuen. Es sagt, dass wir uns deswegen rühmen. Keiner von uns mag das Leid. Oft können wir uns lange Zeit vor dem Leid isolieren. Wir können uns ein Leben zurechtmachen, das gepolstert ist, geschützt, abgesichert: Große Zäune, starke Gitter, robuste Autos, gute Versicherung, Krankenkasse, und schon bleibt das Leid da draußen. Bis es plötzlich doch vor uns steht.
Keiner will gern leiden, weil das Leid unangenehm ist, schmerzlich ist, weh tut. Aber im Glauben rühmen wir uns doch des Leides. Wieso? Weil das Leid etwas mit uns macht. Das Leid ist Gottes Werkzeug. Es ist sein Baumaterial. Das Feuer, das uns läutert. Gott wirkt durch Leid. Da brauchen wir nur auf Jesus zu schauen, den Schmerzensmann. Gott hat eure Erlösung durch sein Leid zuwege gebracht. Und er wird auch durch dein Leiden Gutes bewirken. Ach, sagst du, hör doch auf. Das klingt doch pathetisch. Wie kann aus Bösem Gutes entstehen? Das sagt man doch nur so dahin, um hoffnungslose Leute zu beruhigen. Nein, das sagt der Herr, um hoffnungslose Menschen zu trösten, und zwar mit starkem Trost. Fragt doch nur den Josef in Ägypten. Da haben seine eigenen Brüder ihm das Leben nehmen wollen, er wird versklavt und verkauft, landet obendrein noch unschuldig im Gefängnis, aber als Gott doch endlich sein Leid gewandt hat, kann Josef seinen mörderischen Brüdern ins Auge schauen und ihnen sagen: Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, durch Josefs Leid hat er viele Menschen am Leben erhalten.
So auch hier. Das Leid macht etwas mit euch. Es kommt doch Gutes dabei heraus. Welches denn? Erstens, Geduld. Das können wir auch mit dem schönen deutschen Wort Durchhaltevermögen (oder Ausdauer) übersetzen. Das sind die Beine eines Marathonläufers, die Schmerzen aushalten können. Woher bekommt man Geduld und Ausdauer? Hast du schon mal gebetet: „Herr, gib mir mehr Geduld“? Vorsicht! So erhört er das Gebet: Durch Leid.
Denn wie baut der Marathonläufer seine Ausdauer auf? Indem er an seine Grenzen kommt. Immer wieder. Einen Kilometer. 2. 5. 10. Noch einen Push-up. So werden auch die Muskeln des Glaubens stark. So war das früher. Ich entsinne mich an meine Oma in der großen Küche. Sie war Schülerheimmutter und musste jeden Tag mit wenig Geld und begrenzten Mitteln viele Kinder bekochen. Aber sie war in der Weltwirtschaftskrise der 1930er aufgewachsen. Meine Oma schabte nicht nur die letzte Butter von der Verpackung, sondern sie schwitzte die letzte Butter aus ihr heraus. Sie hat aus der Not gelernt. Unsre Gemütlichkeit heute macht uns lau und raubt uns die Fähigkeit, in der Not zu überleben. Die Alten waren stark. Sie hatten Weltkriege überlebt, Polio, die Ölkrise der 70er, sie pflanzten Gärten an, sie sangen Lieder, sie führten selbst mit krummen Rücken ein aufrechtes Leben. Das hat das Leid bewirkt: Ausdauer. Durchhaltevermögen. Glaubenskraft. Das Leid mag dich vielleicht in die Knie zwingen, aber der Herr wird dich aufrichten und dir helfen. Es gibt kein Glaubensvorbild, keine christliche Frau, die starken Glauben hat, kein Mann, der an Gott festhält, die oder der nicht zuerst Leid erfahren hat. Und so muss auch unser Ziel sein, nicht zuerst unser Leben gemütlich zu machen, sondern fest auf Christus zu bauen, damit wir ein Fundament haben in der Not.
Das Leid macht etwas mit euch. Es kommt Gutes dabei heraus. Welches denn? Erstens, Geduld. Zweitens, Bewährung. Wer einmal große Not im Glauben aushalten musste, weil es nicht anders ging, der weiß auch, dass Gott nicht nur in das Leid hineinführt, sondern auch wieder heraus. Er hat gelernt: Die Geduld lohnt sich. Sie bewährt sich. Erstens, Geduld. Zweitens, Bewährung. Drittens, Hoffnung. „Wenn ich auch gleich nichts fühle von deiner Macht, du führst mich doch zum Ziele, auch durch die Nacht…“ Dieses Wissen, dass der Herr auch durch das Leid zum Ziel führt, ist das Wissen der Hoffnung. Es ist die Erfahrung, dass Gott eure Hoffnung zuletzt ganz bestimmt erfüllen wird. Er wird nicht zulassen, dass eure Hoffnung auf ihn enttäuscht wird.
Wieso? Weil Gott selbst seine Liebe ausgegossen hat in eure Herzen durch den Heiligen Geist, den er euch gegeben hat. Die Not, das Leid machen das Herz traurig, rauben ihm die Hoffnung und den Frieden, drohen, überhandzunehmen. Aber er hält als der beste Arzt euer Herz in seiner Hand. Diese Hand hat in euren Rippenkorb gegriffen, euer Herz genommen, Gottes Liebe hineingegossen bis an den Rand, hat euch den Heiligen Geist gegeben, den Helfer und Tröster, er drückt zu und lässt los. Was auch kommen mag, ob Leben oder Tod, ob Leid oder Freud, zuerst und zuletzt entscheidet ER. Er hat an einem Kreuz in der größten Not euer Leben gerettet. Vertraut ihm. Vertraut euch ihm an. Betet. Helft, wo Not ist. Liebt eure Feinde. Lasst Gottes Liebe überfließen im Dienst am Nächsten. „Gott hilft uns nicht immer am Leiden vorbei, aber hilft uns hindurch.“ (Johann Albrecht Bengel) Ganz bestimmt.
Von deiner Hand geführt, fürcht ich kein Leid,
kein Unglück, keiner Trübsal Bitterkeit.
Was ist der Tod, bist du mir Schild und Zier?
Den Stachel nimmst du ihm: Herr, bleib bei mir! Amen.
REMINISZERE (Der Knecht Gottes)
Wochenspruch
Gott erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns
gestorben ist, als wir noch Sünder waren. Römer 5, 8
Introitus
Nr. 22 (Psalm 25, 6; Psalm 25, 1, 2a. 4)
Epistel
Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus; durch ihn haben wir auch den Zugang im Glauben zu dieser Gnade, in der wir stehen, und rühmen uns der Hoffnung der zukünftigen Herrlichkeit, die Gott geben wird. Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist. [Denn Christus ist schon zu der Zeit, als wir noch schwach waren, für uns Gottlose gestorben. Nun stirbt kaum jemand um eines Gerechten willen; um des Guten willen wagt er vielleicht sein Leben. Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren. Um wieviel mehr werden wir nun durch ihn bewahrt werden vor dem Zorn, nachdem wir jetzt durch sein Blut gerecht geworden sind! Denn wenn wir mit Gott versöhnt worden sind durch den Tod seines Sohnes, als wir noch Feinde waren, um wieviel mehr werden wir selig werden durch sein Leben, nachdem wir nun versöhnt sind. Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch Gottes durch unsern Herrn Jesus Christus, durch den wir jetzt die Versöhnung empfangen haben.]
Römer 5, 1 – 5 [6 – 11]
Hauptlied
Wenn wir in höchsten Nöten sein 342
Evangelium
Jesus fing an, zu den Hohenpriestern und Schriftgelehrten in Gleichnissen zu reden: Ein Mensch pflanzte einen Weinberg und zog einen Zaun darum und grub eine Kelter und baute einen Turm und verpachtete ihn an Weingärtner und ging außer Landes. Und er sandte, als die Zeit kam, einen Knecht zu den Weingärtnern, damit er von den Weingärtnern seinen Anteil an den Früchten des Weinbergs hole. Sie nahmen ihn aber, schlugen ihn und schickten ihn mit leeren Händen fort. Abermals sandte er zu ihnen einen andern Knecht; dem schlugen sie auf den Kopf und schmähten ihn. Und er sandte noch einen andern, den töteten sie; und viele andere: die einen schlugen sie, die andern töteten sie. Da hatte er noch einen, seinen geliebten Sohn; den sandte er als Letzten auch zu ihnen und sagte sich: Sie werden sich vor meinem Sohn scheuen. Sie aber, die Weingärtner, sprachen untereinander: Dies ist der Erbe; kommt, lasst uns ihn töten, so wird das Erbe unser sein! Und sie nahmen ihn und töteten ihn und warfen ihn hinaus vor den Weinberg. Was wird nun der Herr des Weinbergs tun? Er wird kommen und die Weingärtner umbringen und den Weinberg andern geben. Habt ihr denn nicht dieses Schriftwort gelesen: „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der ist zum Eckstein geworden. Vom Herrn ist das geschehen und ist ein Wunder vor unsern Augen?” Und sie trachteten danach, ihn zu ergreifen, und fürchteten sich doch vor dem Volk; denn sie verstanden, dass er auf sie hin dies Gleichnis gesagt hatte. Und sie ließen ihn und gingen davon.
Markus 12, 1 – 12
Reminiszere (Der Knecht Gottes)
liturgische Farbe: violett
Festzeit: Fastenzeit
Wochenspruch: Röm 5,8
Wochenpsalm: Ps 10
Eingangspsalm: Ps 34
Epistel: Röm 5,1-5 (6-11)
Evangelium: Mk 12,1-12
Predigttext: Mt 12,38-42
Wochenlied: 366
Erklärung zu den Perikopen:
Die biblischen Predigttexte sind aufgeteilt in die Perikopenreihen I bis VI. Jede Reihe gilt – beginnend mit dem 1. Advent – fortlaufend für ein ganzes Kirchenjahr (aktuelle Reihe = III). Die einzelnen Reihen haben verschiedene Schwerpunkte (Evangelien, Briefe usw.).
I(Evangelium): Mk 12,1-12
II: Röm 5,1-5 (6-11)
III: Mt 12,38-42
IV: Jes 5,1-7
V: Joh 8,(21-26a) 26b-30
VI: Hebr 11,8-10